Solingen: Schwere Vorwürfe gegen verhafteten Chef
VON M. OBERPRILLER UND A. RÖHRIG - zuletzt aktualisiert: 31.07.2010Solingen (RPO). In Wirtschaftskreisen hat das Familienunternehmen, in dem Mittwoch der Stickstoff-Unfall mit zwei Toten und einem Schwerverletzten geschah, einen guten Ruf. Und so kam die Festnahme des 64-jährigen Chefs wegen des Verdachts auf fahrlässige Tötung und die anschließende U-Haft für manchen überraschend. Doch die Behörden gehen von Verdunklungsgefahr aus – und darum wurde kurz nach der Tragödie begonnen, die Mitarbeiter zu befragen. Vernehmungen, die einiges zutage förderten. Die Staatsanwältin erklärte gestern, der 24-jährige Arbeiter, der als erster in den Stickstoffkessel fiel, habe keine Einweisung erhalten. Trotzdem sei der Mann schon früher am Kessel eingesetzt worden: "Es ist lediglich nie etwas passiert." Schutzkleidung soll eben so wenig vorhanden gewesen sein wie Messgeräte.
War es also nur eine Frage der Zeit, bis es zur Katastrophe kam? Tatsächlich befand sich der 24-Jährige erst wenige Wochen im Betrieb, der bei ehemaligen Beschäftigten einen schlechteren Ruf besitzt als in der Wirtschaft. So sei der Arbeitsdruck sehr hoch gewesen, war gestern zu hören. Und mit der Sicherheit soll man es nicht so genau genommen haben. "Am Kessel war es oft glatt", kritisierte ein Ex-Angestellter, der darüber hinaus von weiteren Unfällen berichtete.
Davon weiß das Amt für Arbeitsschutz nichts. "Seit 2009 wurde nichts gemeldet", sagte eine Sachbearbeiterin, während der Anwalt des Geschäftsführers, Dr. Kai Sturm, erklärte, beim tödlichen Unfall vom Mittwoch lägen keine Verstöße vor. "Das Unglück ist entsetzlich, aber der Mann durfte gar nicht an den Kessel", sagte Sturm, der betonte, sein Mandant könne ja nicht immer dabei sein, wenn in der Firma gefährliche Arbeiten anfielen. Der Firmenchef schweigt gegenüber den Behörden.
Tatsächlich aber schreit die Tragödie nach Aufklärung. Neben den Toten waren auch zwei Verletzte zu beklagen, darunter ein Feuerwehrmann, der leichte Erfrierungen am Bein erlitt. Wurde etwa auch sein Leben aufs Spiel gesetzt bei einem Rettungsversuch, bei dem schon längst nichts mehr zu retten war? Immerhin gehen die Behörden davon aus, dass die in den Kessel gefallenen Arbeiter sofort tot waren – welchen Sinn machte es da, Feuerwehrleute in die Kälte zu schicken?
Eine Frage, die die Staatsanwaltschaft ebenfalls klären will. Feuerwehrchef Frank-Michael Fischer nahm gegenüber unserer Zeitung Stellung: "Im Tank waren Nebelschwaden. Um über den Zustand der Personen sicher zu sein, wurde entschieden, dass zwei Mann in den Tank steigen. Sie trugen Helm, Handschuhe, Atemschutzgerät, dreilagige Feuerschutzkleidung und Lederstiefel. Beide waren durch eine Rettungsleine gesichert. Der Einsatzauftrag war, diese Erkundung in kürzester Zeit durchzuführen, was umgesetzt wurde. Es war bekannt, dass im Tank eine sehr tiefe Temperatur herrschte. Zum Zeitpunkt der Entscheidung war grundsätzlich immer noch von einer Rettung auszugehen. In solchen Fällen ist es bei Feuerwehreinsätzen zulässig, maßvoll von Unfallverhütungsvorschriften abzuweichen. Mit der gewählten Ausrüstung und der Beschränkung der Einsatzzeit wurden die Feuerwehrbeamten keiner unbilligen Gefährdung ausgesetzt."
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