Solingen: Siebeneinhalb Jahre für Vergewaltiger
VON MARTIN OBERPRILLER - zuletzt aktualisiert: 09.07.2010Solingen (RPO). Am Ende überkam den Täter Selbstmitleid. Für siebeneinhalb Jahre muss ein 20-Jähriger ins Gefängnis, der gestanden hatte, im März in Solingen ein elfjähriges Mädchen in dessen elterlicher Wohnung missbraucht zu haben. Doch die Tränen, die der nach Jugendstrafrecht Verurteilte im Anschluss an den Schuldspruch vergoss, wirkten gestern vor der 4. Großen Strafkammer nur deplatziert angesichts des Leids, das er über das Kind brachte.
Die Kleine, die Minuten vor dem Verbrechen noch unbekümmert mit einer Freundin gechattet hatte, kann die schreckliche Tat bis heute nicht verarbeiten. Und ob ihr dies je gelingt, erscheint fraglich. Denn seit das Mädchen in der eigenen Wohnung das Unvorstellbare durchleiden musste, ist es schwer traumatisiert. Der Schulweg, das Haus, die Wohnung – alles wirkt auf das Kind heute nur noch bedrohlich. Die früher selbstverständliche Geborgenheit in den eigenen vier Wänden wich Gefühlen von Scham sowie einer unbeschreiblichen Angst. So erträgt es die Elfjährige nicht mal mehr, nur kurz allein zu sein. "Sie weicht der Mutter nicht für fünf Minuten von der Seite, selbst wenn diese nur in die Waschküche geht", berichtete der Staatsanwalt bei seinem Plädoyer, in dem er neuneinhalb Jahre nach Erwachsenenstrafrecht verlangt hatte.
Nun mochte sich die Kammer dem nicht anschließen, da sie kaum Kenntnisse über das Milieu besaß, aus dem der rumänischen Roma stammt. Doch abgesehen, dass schon angesichts sprachlicher Barrieren Reifeverzögerungen beim einfach wirkenden Täter nicht ausgeschlossen werden konnten, herrschte gestern einhellige Empörung über das Verhalten einiger Boulevard-Medien nach der Tat. So hatten Kamerateams tagelang die Wohnung der Familie belagert, zuletzt hatte nach Informationen unserer Zeitung ein privater TV-Kanal der alleinerziehenden Mutter sogar Geld für ein Interview geboten. Die Frau lehnte dies ab und sucht nun mit Hilfe der Ämter eine andere Wohnung, weil das Kind – wenn überhaupt – nur in einer neuen Umgebung irgendwann über das Erlebte hinwegkommen kann.
"Das Urteil ist angemessen", erklärte nach Ende des Verfahrens der Anwalt der Familie, Klaus Schrameyer, und kündigte im Gespräch mit der Morgenpost an, auf Rechtsmittel verzichten zu wollen, obwohl er zuvor neun Jahre gefordert hatte. Auch der Verteidiger des Täters, Marco Ostmeyer, wird wohl auf weitere Schritte verzichten, so dass das kleine Opfer nun wenigstens theoretisch die Chance hat, das Verbrechen zu verarbeiten. Dagegen, so war gestern zu hören, wurden jetzt juristische Schritte gegen den namentlich bekannten Schleuser eingeleitet, der den Vergewaltiger nur zwei Wochen vor der Tat nach Deutschland brachte.
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