Solingen: Sprachlos in Ohligs
VON MARTIN OBERPRILLER - zuletzt aktualisiert: 19.05.2007Solingen (RPO). Wenn die Verlängerung der Viehbachtalstraße kommt, muss die Kleingartenanlage am Bussche-Kessel-Weg weichen. Die Auswirkungen zeigen sich schon heute. Nur noch wenige Neu-Pächter zieht’s nach Ohligs.
Irgendwann hatte jemand die Idee, der Feuerwehr eine Zufahrt zu der Kleingartenanlage im Ohligser Süden zu schaffen. Und weil die Wege in der Kolonie am Bussche-Kessel-Weg eng ausgefallen sind, musste das kleine Häuschen, auf halben Weg zwischen Haupteingang sowie Bahngleisen, weichen. Ein Rangierplatz für Fahrzeuge – vom Stolz des früheren Pächters blieb nichts weiter als ein paar Fundamentreste aus Beton und Backstein.
Es ist ein nasskalter Tag. Von Westen peitscht Wind beständig Wolkenfetzen heran, die immer neuen Regen bringen. Klaus Weihe, Unterbezirkschef der Ohligser Kleingärtner, hat sich unter das Vordach des Gemeinschaftshauses zurückgezogen und will gerade etwas sagen – als der Intercity von Dortmund nach Köln nur wenige Meter hinter ihm jedes Gespräch für quälend lange Augenblicke erstickt.
Große Pläne aus 70ern
Die Viehbachtalstraße ist zurzeit so etwas wie der verkehrstechnische Blinddarm der Klingenstadt. Zwar verkürzt sie die Fahrtzeit von Solingen-Mitte nach Ohligs erheblich. Eine Verbindung zur A 3 besteht aber nicht. Gebaut wurde sie nach Plänen aus den 70er-Jahren, die darüber hinaus eine Autobahn von Holland nach Mitteldeutschland über Solinger Stadtgebiet vorsahen. Als Nord-Süd-Verbindung sollte ferner die überregionale A 31 sechsspurig bis westlich von Gräfrath geführt werden.
Bisherige Berichterstattung: www.rp-online.de/solingen
Was könnte Weihe aber auch erzählen? Dass die Anlage, die eventuell dem Weiterbau der Viehbachtalstraße zum Opfer fällt, für viele Menschen längst Heimat geworden ist? Dass Familien hier schon seit Jahrzehnten ihre Lauben haben, dass hier Kinder groß geworden sind, die längst eigene Kinder haben, die ebenfalls im Grünen aufwachsen wollen – und dass all dies schon bald von Baggerschaufeln untergepflügt werden könnte?
Davon könnte Weihe berichten. „Nur weiß ich im Moment einfach nicht, wie es weitergehen soll“, erklärt der Mann mit dem Schnauzbart, als der Zug endlich die Kleingärten passiert hat. Seit Monaten geht das jetzt schon so. Als bekannt wurde, dass das Land den Weiterbau der L 405 im Verkehrsplan NRW nach oben gestuft hat, liegt die Zukunft der in den 50er-Jahren entstandenen Anlage in der Schwebe. Denn genau dort, wo jetzt noch Gemüse gezogen wird und im Sommer Grillfeste steigen, würden bei Realisierung des Vorhabens ab etwa 2015 Autos Richtung A 3 rollen.
Hat die Immobilien-Sparte der Bahn, der das Gelände gehört, Informationen? Klaus Weihe wurde versichert, dass bislang keine Anfrage vorliege. Weiß der eigene Bahnlandwirtschaft-Bezirk Näheres? Offenbar nicht – und so kommt es, dass Weihe ein echter Experte im Ungefähren ist, wenn Betroffene erfahren wollen, wie es weitergeht. „Eine Kündigung habe ich schon bekommen“, berichtet er.
Viel schlimmer aber ist, dass die bestehende Unsicherheit Neu-Pächter abschreckt. „Schließlich schlagen bei neuen Verträgen Abschlagszahlungen zu Buche“, weiß Weihe. Wer wolle jedoch ein solches Risiko eingehen?
Nun, einige Unentwegte gibt es noch. Ein Mann, der am Eingang Müll sortiert, gibt sich gelassen: „Bis die Straße kommt, werden noch Jahre vergehen.“ Und auch Klaus Weihe hat bisweilen Erfolgserlebnisse. Eben erst brachte er einen neuen Pachtvertrag in trockene Tücher. Ein Paar lässt sich von den Gerüchten nicht abschrecken. Ihr Sohn soll hier einen Platz zum Toben haben.
Allerdings, direkt nebenan breitet sich die Brachfläche mit den Fundamentresten aus. Klaus Weihe und seine Neu-Pächter wollen einfach hoffen, dass diese Steinreste keine Menetekel am Boden sind.
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