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Solingen: Stickstoff tötet zwei Arbeiter

VON MARTIN OBERPRILLER - zuletzt aktualisiert: 29.07.2010

Solingen (RPO). Bei einem Arbeitsunfall in einer Galvanik-Firma starben gestern zwei Menschen. Die Männer waren in einen Stickstoffkessel gefallen. Offenbar wurde der Arbeitsschutz nicht beachtet. Kripo und Staatsanwaltschaft ermitteln.

Zwei Tote, zwei Verletzte – das ist die schreckliche Bilanz eines schweren Arbeitsunfalls, der sich gestern Morgen in einer Firma für Galvanik-Gestelle am Dycker Feld in Gräfrath ereignete. Ein 24-jähriger Arbeiter war bei Reinigungsarbeiten in einen für Stickstoff vorgesehenen Behälter gefallen. In dem Chemikalienbad werden normalerweise Metallteile gesäubert.

Zwar befand sich zum Unglückszeitpunkt in dem rund fünf Meter tiefen Kessel kein Stickstoff mehr. Doch am Boden hatte sich eine Eisschicht mit rund 150 Grad kaltem Nebel gebildet. Der Arbeiter besaß dementsprechend nicht den Hauch einer Chance. Und auch ein Kollege (27), der ihm noch zur Hilfe eilen wollte und ebenfalls abrutschte, war auf der Stelle tot. Bei anschließenden Rettungsversuchen wurden überdies ein weiterer Arbeiter sowie ein Feuerwehrmann verletzt, der leichte Erfrierungen erlitt. Der 27-Jährige hinterlässt eine Frau und ein kleines Kind.

Info

Experte wird prüfen

In den nächsten Tagen soll die Obduktion erfolgen, teilten Polizei und Staatsanwaltschaft gestern Abend mit. Der Betrieb wurde nicht geschlossen, lediglich der Unfallort polizeilich versiegelt. Ein Sachverständiger soll die Stelle untersuchen.

Lebensgefährlicher Stoff

Die Pause in dem Betrieb mit rund 25 Mitarbeitern war gestern Vormittag um 9.15 Uhr gerade beendet, als die beiden Männer anfingen, den Behälter zu reinigen. Keine alltägliche Arbeit, denn dies steht nur ungefähr einmal im Jahr an, wie ein Angestellter berichtete. Jedenfalls, der Job ist lebensgefährlich, weil schon die kleinste Berührung mit Stickstoff oder dessen Restprodukten tödlich ist. Und dementsprechend war das Rätselraten groß, wie es eigentlich zu der Tragödie hatte kommen können.

"Wir haben nämlich ganz klare Sicherheitsanweisungen", sagte ein weiterer Kollege der Getöteten, der sich keinen Reim auf die Sache zu machen vermochte. Gleichwohl, offensichtlich war es versäumt worden, vor Beginn der Reinigungsarbeiten zu prüfen, ob der Behälter leer war. Im Fachjargon wird dies als "Freimessen" bezeichnet – der erste Verstoß gegen den Arbeitsschutz. Und darüber hinaus hatten sich die beiden Männer nicht, wie vorgeschrieben, per Seil gesichert.

Nun ist fraglich, ob die letztgenannte Vorsichtsmaßnahme den Zweien das Leben gerettet hätte. Denn atmet man Stickstoff ein, setzt sofort die Atmung aus. Und so hatte der dritte Arbeiter riesiges Glück. Er war offenbar Augenzeuge, hatte einen ersten Rettungsversuch ohne Seil abgebrochen, war kurz darauf gesichert noch mal abgestiegen – und verlor sofort das Bewusstsein. Er konnte erst im letzten Moment von Kollegen gerettet werden. Der Mann steht unter Schock. Er konnte noch keine Angaben machen und kam ins Solinger Klinikum.

"Wir ermitteln in alle Richtungen", erklärte die zuständige Staatsanwältin. Weitere Angaben mochte sie aber noch nicht machen. Doch tatsächlich bezeichnete ein Experte die wohl fehlenden Sicherungsvorkehrungen als "unfassbar". Bei der zuständigen Berufsgenossenschaft in Köln war gestern Nachmittag noch keine – eigentlich vorgeschriebene – Meldung eingegangen, sagte ein Sachbearbeiter. Die Berufsgenossenschaft kontrolliert die Betriebe in der Regel einmal jährlich. Die betroffene Firma ist Mitglied in der Unfallversicherung, wollte sich selbst gestern aber noch nicht zu dem Unfall äußern.

Quelle: RP

 
 
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