Solingen: Verdammt zur Volksmusik
zuletzt aktualisiert: 05.01.2008Solingen (RPO). Solingen ist verdammt – für Fritz Kappner, Konzertveranstalter des Vereins „Die Provinz lebt“ zu Cover- und Tributebands sowie Volksmusik. Doch Kappner wird auch 2008 Widerstand leisten.
Wie war das Solinger Konzertjahr 2007? Für den weit gefassten Bereich der Rock- und Popmusik kann wohl kaum einer besserer Auskunft geben, als Fritz Kappner vom Kulturverein „Die Provinz lebt“. Michael Tesch warf mit Kappner einen launischen Blick zurück – verbunden mit einem Ausblick auf 2008.
Herr Kappner, was war ihr persönliches Solinger Konzerthighlight des vergangenen Jahres?
Kappner (überlegt lange, grübelt) Da gab es eigentlich gleich drei. Als erstes Highlight nenne ich Mitch Ryder, ein heute alter Mann mit zwei künstlichen Hüften und einer Bluesband aus dem Osten als Begleitung, die es schon zu Zeiten der DDR gab. Der hat in der ,Cobra’ wirklich was losgerissen, inklusive kleinerer Tanzschritte.
Fritz Kappner
Fritz Kappner ist im Solinger Kulturverein „Die Provinz lebt“ für die dezentrale Kulturarbeit des Kommunikationszentrums „Cobra“ zuständig. Sein Arbeitsgebiet umfasst dabei nicht nur die Veranstaltung von Konzerten – derzeit im „Stückgut“ in den Güterhallen und im Tonstudio in der Musikschule –, sondern auch die Förderung von Musik- und Bandprojekten in der Klingenstadt.
Ohne respektlos zu klingen, mich erinnerte das Konzert mehr an eine Seniorenheim-Veranstaltung, auf der man sich an gute alte Rockpalast-Zeiten erinnern konnte.
Kappner Auch mein zweites Highlight betrifft eher die ältere Generation: ,Dokken’. Eine mittlerweile abgetakelte Ami-Band, die aber ohne großen Aufwand einen Sound gezaubert hat, von dem viele Nachwuchsbands noch etwas lernen können.
,Dokken’ habe ich mir gar nicht erst angetan. Da schau ich mir lieber junge hungrige Nachwuchsbands an.
Kappner Die gab es 2007 natürlich auch. Vorbildlich war das ,Feed the cow’-Festival, mein drittes Highlight mit einen guten Querschnitt über das aktuelle Musikschaffen.
Vieles, was da auf der Bühne zu hören war, orientiert sich für mich viel zu stark an allseits bekannten Vorbildern. Das ist mir teilweise alles viel zu brav und angepasst.
Kappner Deshalb war für mich die Überraschung 2007 auch „Creepy 7“. Die Band scheint kein Konzept zu verfolgen, die Musiker sehen das überhaupt nicht verbissen, die sagen selber von sich, das sie schlecht sind – aber die transportieren dabei richtig viel Spaß.
Grundsätzlich konnte man 2007 aber den Eindruck gewinnen, die lokale Musikszene sei in Tiefschlaf verfallen. Da war nichts mehr von Rock-City-No. One zu spüren.
Kappner Den Ruf, den sich die Stadt auf Grund eines Hypes erarbeitet hat, den gibt es eigentlich nicht mehr. Die, die vor zehn Jahren die Idee der Rockcity Solingen getragen haben, die haben sich mittlerweile in alle Winde verlaufen. Ich gebe die Hoffnung aber nicht auf, dass bald neue junge Bands das derzeitige Loch stopfen werden.
Weil die Ideen des Rock’n’Roll allgemeingültig und zeitlos sind?
Kappner Rock’n’Roll war für junge Menschen immer auch eine Form von Rebellion gegen die Eltern und eine Form viel Spaß zu haben. Das wird nie aussterben.
Reden wir über ein negatives Ereignis des vergangenen Jahres. Das ,Steinenhaus’ hat zugemacht. Ein herber Verlust für die Musikszene, oder?
Kappner Extrem ärgerlich. Andererseits haben zwei neue Locations aufgemacht. Es gibt die Konzerte „Live im Studio“ in der Musikschule und es gab bereits zwei tolle Veranstaltungen im „Stückgut“ in den Güterhallen.
Werden Sie mit der ,Provinz lebt’ beide Reihen 2008 fortführen?
Kappner ,Live im Studio’ soll eine besondere Sache bleiben, es wird also nur zwei, höchstens drei Konzerte im Jahr geben. Am 1. Ferbuar ist Michael Weston-King zu Gast sein. Im ,Stückgut’ soll es mindestens einmal im Monat ein Konzert geben. Im Sommer vielleicht sogar vor dem ,Stückgut’, also Open-Air. Das nächste Konzert wird es am 20. Februar mit Steve Wynn geben, der mit Richard Lloyd spielen wird, dem ehemaligen Gitarristen von ,Television’.
Also wird mit Richard Lloyd wieder einmal eine richtige Rock-Legende in Solingen zu Gast sein – und wahrscheinlich wird es wieder kaum einer mitbekommen.
Kappner In dieser Hinsicht in Solingen wirklich provinziell. Die Klingenstadt scheint verdammt zu sein zu Cover- und Tribute-Bands und zur Volksmusik.
Aber ein paar wenige Aufrechte leisten Widerstand.
Kappner Ja, denn wir werden uns auch in Zukunft dem nicht beugen.
Das ist wahrer Rock’n’Roll.
Kappner Und deshalb machen wir auch weiter.
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