Handball: Abwehr muss Spaß machen
zuletzt aktualisiert: 09.01.2008Seit Montag bittet Raimo Wilde beim Bergischen HC zur Vorbereitung auf die zweite Saisonhälfte. Im Gespräch mit der Morgenpost redet der neue Trainer des Handball-Zweitligisten über Ziele, Philosophie, die Zeit in Großwallstadt und taktische Veränderungen.
In den letzten Tagen des vergangenen Jahres haben Sie sich mit einem kleinen Kind verglichen, dass vor einem Puzzle sitzt und die einzelnen Teile nach Farben sortiert. Wie weit sind Sie beim Ordnen ?
Wilde Als ich angefangen habe, hatte ich einen riesigen Berg vor mir. Ich wusste gar nicht, wo ich anfangen sollte. Mittlerweile habe ich die Teile zumindest in die richtige Richtung gelegt.
Die Bilanz mit einem Punkt aus den ersten drei Spielen unter Ihrer Leitung fällt nicht gerade positiv aus. Nach dem Remis in Wallau und der Niederlage gegen Düsseldorf schmerzt vor allem der Korschenbroicher Sieg in der Bayerhalle.
Wilde Ja, weil es ein kleiner Rückschritt im Vergleich zu den beiden ersten Begegnungen war. Da denkst du, du hast die Lösung – und dann kommt Korschenbroich. Die Angriffskonzepte haben wir gut gespielt, auch die Überzahl war gar nicht so schlecht. Nur die Abwehr war eine Katastrophe.
Und der Ausweg war dann die mutige Entscheidung, in der zweiten Halbzeit alle drei Junioren-Nationalspieler gleichzeitig auf das Feld zu schicken ?
Wilde Es war in der Tat eine gewagte Aktion, zu der ich mich entschlossen hatte, weil wir zuvor einfach kein anderes Mittel gefunden hatten. Ich bin auch froh, dass mir das die Jugend zurückgezahlt hat. Ich hätte sie nicht gebracht, wenn ich nicht von ihnen überzeugt wäre.
Wie haben die älteren Spieler diese Maßnahme aufgenommen ?
Wilde Es war für uns alle eine neue Situation. Aber sie haben sie sehr gut aufgenommen und akzeptiert. In diesem Zusammenhang haben ich allen 16 aus dem Kader noch einmal klar gemacht: Ich werden jeden von euch irgendwann brauchen.
Wie ist dieses Nachwuchs-Signal für die Zukunft zu werten ?
Wilde Es ist ein Zeichen an die Älteren, dass sie noch eine Schippe drauf legen müssen. Über den Einsatz entscheidet immer noch die Leistung. Das wissen sie auch.
Wo sehen Sie die größte Baustelle ?
Wilde Die Laktatwerte zeigen: Das größte Defizit ist die Grundlagen-Ausdauer. Die meisten Spiele werden erst ab der 50. Minute entschieden. Zuletzt waren wir nicht in der Lage, in der Schlussphase jeweils eine Schippe drauf zu legen. Durch die lange Olympia-Pause gewinnen wir im Sommer sehr viel Zeit, um an der Grundlagen-Ausdauer arbeiten zu können.
Das hilft allerdings im Hinblick auf die noch laufende Saison nicht weiter. Was kann taktisch kurzfristig verändert werden ?
Wilde Die Abwehr muss Spaß machen. Momentan erkenne ich zu wenig Hilfsbereitschaft. Und wenn ich dem anderen helfe, bin ich eine Mannschaft – und dann macht Abwehr auch Spaß.
Wie sieht Ihr Trainingsfahrplan im Januar aus ?
Wilde Ab Mittwoch sind mit Ausnahme von Jiri Vitek alle gesunden Spieler beim Training. Dann dreht sich alles nur um das Spiel nach vorn. In Woche zwei liegt der Schwerpunkt in der 6:0-Abwehr, danach in der Verbesserung der 3:2:1-Variante.
Welche Ziele möchten Sie damit beim Bergischen HC erreichen ?
Wilde Die klare Zielsetzung ist es, die Truppe neu zu formieren. Mit dem Konzept nach vorne möchte ich Tempohandball spielen lassen. Und wenn alles funktioniert, könnte am Ende der Saison noch der fünfte Platz herausspringen.
Eigentlich waren 50 Punkte als Ziel ausgegeben worden . . .
Wilde Damit würdest du aufsteigen beziehungsweise Zweiter werden. Für mein jetziges Team, das kaum verstärkt worden ist, war die Vorgabe vielleicht zu hoch angelegt.
Im Hinblick auf den mittelfristig geplanten Aufstieg in die Erste Liga hört sich das nach einem personellen Umbruch an.
Wilde Wir werden jetzt entscheiden: Hilft uns der Spieler für das Projekt Erste Liga weiter ? Und was ist jeder bereit, dazu beizutragen ? Bis Ende Februar hat jeder Spieler Gelegenheit, sich für eine Vetragsverlängerung zu empfehlen. Alles andere wäre gegenüber den Spielern auch nicht fair, schließlich wollen auch sie ihre Zukunft planen.
Das Gespräch führten Michael Tesch und Guido Radtke
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