Wermelskirchen: KZ-Opfer bricht das Schweigen
VON GUNDHILD TILLMANNS - zuletzt aktualisiert: 03.03.2007Wermelskirchen (RPO). 60 Jahre lang hat Hugo Höllenreiner über seine Zeit in den Konzentrationslagern geschwiegen. In der Hauptschule spricht er nun. Mit dabei ist Autorin Anja Tuckermann, die über sein Leben geschrieben hat.
60 Jahre lang konnte er über sein grauenvolles Schicksal in den Konzentrationslagern Auschwitz, Ravensbrück, Mauthausen und Bergen-Belsen nicht sprechen. Heute bricht der inzwischen 73-jährige Hugo Höllenreiner nur manchmal sein Schweigen, mit großer Überwindung. Denn vorher und nachher fühlt er sich stets krank, seine Alpträume kehren dann zurück. Doch vor den Jugendlichen der Hauptschule will er nun sprechen.
Lehrerin Marie-Louise Lichtenberg hat den Kontakt zu Hugo Höllenreiner als einem der wenigen KZ-Überlebenden, die noch über die Gräuel berichten können, hergestellt und ihn gemeinsam mit der preisgekrönten Jugendbuchautorin Anja Tuckermann in die Hauptschule eingeladen. Anja Tuckermann wurde 2006 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis für ihr Buch „Denk nicht, wir bleiben hier“ ausgezeichnet. Darin beschreibt sie die Verfolgung von Hugo Höllenreiner und seiner Familie durch das Nazi-Regime.
Die Lesungen
Die Jugendbuchautorin Anja Tuckermann liest am 14. März, ab 19 Uhr, in der Buchhandlung Marabu für die allgemeine Öffentlichkeit. Anmeldungen werden unter Tel. 1414 entgegen genommen. Vor zwei Hauptschulklassen liest sie außerdem am 15. März, ab 9 Uhr, in der Stadtbücherei in geschlossener Veranstaltung. Anja Tuckermann wird ihr Buch „Denk nicht, wir bleiben hier“ anschließend in der Hauptschule den Literaturschülern von Marie-Louise Lichtenberg präsentieren. Der in dem Buch behandelte KZ-Überlebende Hugo Höllenreiner wird mit dabei sein und von seinem furchtbaren Schicksal als Verfolgter des NZ-Regimes berichten.
Von Dr. Josef Mengele gequält
Denn er wurde mit seinen Eltern, den fünf Geschwistern, Großeltern, Onkeln, Tanten, Nichten und Neffen als Angehörige des Sinti-Stammes ins KZ deportiert. In Auschwitz wurde er sogar von dem berüchtigten SS-Arzt Josef Mengele zu grausamen medizinischen Experimenten missbraucht und als Neunjähriger, wie übrigens alle seine Familienangehörigen, zwangssterilisiert.
Marie-Louise Lichtenberg ist sich bewusst, dass dies keine alltägliche Autorenlesung und schon gar kein alltäglicher Zeitzeugenbericht wird. Zunächst wird sie morgen den KZ-Überlebenden in München besuchen, um ihm die Sicherheit zu geben, dass er von ihren gut vorbereiteten Schülern auch mit der notwendigen Sensibilität und Offenheit für das gerne verdrängte Thema der deutschen Geschichte empfangen wird. Ihren Literaturkursus hat die Lehrerin bereits seit Monaten auf dieses besondere Ereignis vorbereitet. Das Buch über das Leben von Hugo Höllenreiner wird gelesen – auch mit den Eltern der Schüler – und es wird immer wieder besprochen: „Wir werden den Besuch von Hugo Höllenreiner natürlich auch nachbereiten und uns dabei so viel Zeit lassen, wie wir brauchen“, kündigt die Pädagogin an.
Die wenigen solcher Schulbesuche, die dem schwer vom Schicksal gezeichneten KZ-Überlebenden möglich sind, nutzt er aber stets zu einer besonderen Botschaft, die nun auch in Wermelskirchen, und vor allem bei den jungen Menschen, Gehör finden soll.
Hugo Höllenreiner mahnt: „Wir müssen vorsichtig sein bei dem, was wir heute in unserer Gesellschaft erleben. Wir müssen darauf achten, dass wir nicht wieder Menschen ausstoßen oder ausgrenzen, weil sie für uns fremd sind.“ Und diese Botschaft wird Marie-Louise Lichtenberg auch über eine ihrer nächsten Fotoausstellungen stellen – mit Bildern aus Konzentrationslagern und Porträts des Überlebenden Hugo Höllenreiner.
Zwei eindrucksvolle Fotos aus dem KZ Auschwitz hat Marie-Louise Lichtenberg bereits bei der Jahresausstellung des Kunstvereins gezeigt: „Ich beschäftige mich schon lange mit dem Thema, es lässt mich nicht los“, sagt die Pädagogin und Künstlerin.
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