Junge US-Amerikaner: Leben im Internet: Jugendliche im Rausch
zuletzt aktualisiert: 07.12.2004 - 12:11Chicago (rpo). Selbst im Schlaf ist Scott Kearnan mit dem Internet verbunden. Er hat nur die PC-Lautstärke heruntergedreht, damit er nicht von jeder neuen Instant-Message aufwacht. Andere leiden unerträglich unter dem Druck von Online-Gerüchten, die ihnen das Leben schwerer machen als der gewöhnliche Nachbarschaftstratsch wie Jennifer Anello.
Kearnan: "Das ist für mich so etwas wie ein Telefon. Auch wenn ich es gerade nicht brauche, kann es jederzeit klingeln", sagt der 22-jährige Angestellte einer Werbefirma aus Mendon in Massachusetts. "Wenn ich kein Internet habe, fühle ich mich abgeschnitten."
Ganz anders ist ihre Erfahrung: Jennifer Anello erinnert sich an einen Wochenendstreit mit ihrem ehemaligen Freund. "Am Montag stand dann auf dessen Web-Site so etwas wie: 'Kann jemand mal meiner Exfreundin sagen, dass sie ihren Schnaps besser unter Kontrolle hält, und ihr einen Psychotherapeuten besorgen?'", berichtet Anello. Online-Gerüchte und Anzüglichkeiten verunsichern viele Jugendliche. "Eltern sagen uns: Wir hätten nie gedacht, dass das solche Ausmaße annehmen könnte", erklärt Amanda Lenhart, eine andere Pew-Forscherin.
Diese weitgehende Vernetzung hat - natürlich - auch ihren Schattenseiten. Es seien nicht nur Gefahren wie Identitätsdiebstahl und sexuelle Belästigungen, die das Online-Leben schwer machen. Eine zunehmende Rolle haben auch Gerüchte, die sich online verbreiten, oft über Blogs, die allgegenwärtigen Web-Tagebücher für die unterschiedlichsten Szenen.
Statt Zeitung
Für den 21-jährigen William Herbert hat das Netz schon längst die Zeitung und auch den Wetterbericht im Fernsehen ersetzt. Stattdessen besucht er jeden Morgen weather.com. Er bezahlt online seine Rechnungen, meldet sich für die Seminare an der Universität an, bestellt sich Flugtickets oder Eisenbahnkarten.
Für eine ganze Generation ist das Internet inzwischen zu einer Selbstverständlichkeit geworden. "Sie kennen eine Leben ohne gar nicht", sagt Malcolm Bird, der beim Online-Anbieter AOL für Kinder und Jugendliche zuständig ist. Das Internet beeinflusst die Art, wie sie arbeiten und wie sie ihre Freizeit gestalten, wie sie sich entspannen und wie sich sich mit anderen verabreden. Das Netz prägt die Vorstellung von Gemeinschaft und bestimmt die sozialen Kontakte.
Drei von vier Jugendlichen in den USA
Drei von vier Jugendlichen in den USA nutzen das Internet regelmäßig. Gespräche, die in der Schule oder Hochschule anfangen, werden online fortgesetzt. Für viele haben E-Mail und Instant Messaging schon fast das Telefon ersetzt.
"Studenten sind heute ständig und in einer Art und Weise mit anderen Studenten, Freunden und ihrer Familie verbunden, die sich die ältere Generation gar nicht vorstellen konnte", sagt Steve Jones von der Universität von Illinois in Chicago, der auch am Pew Internet & American Life Project beteiligt ist. Eine ganze Kommunikations- und Informationswelt sei nur einen Tastendruck entfernt. Das Internet entspricht dem Wunsch dieser Generation nach Flexibilität in allen Bereichen, zu Hause, bei der Arbeit und in der Freizeit.
Die 17-jährige Suhas Sridharan studiert an der Universität Emroy in Atlanta, wo die Internet-Möglichkeiten als "LearnLink" speziell an das Uni-Leben angepasst wurden. Zulassungen zu Kursen gibt es online, auch geforscht wird mehr im Internet als in der Bibliothek. Die Hausarbeiten stehen für den Download bereit. Als die Rechner einmal für einige Stunden ausfielen, schien für viele das Ende der Welt gekommen. "Viele waren von der Rolle", sagt Sridharan. "Sie konnten ihre Hausarbeiten nicht machen."
Therapie im Internet
Andererseits biete das Internet aber Jugendlichen auch neue Möglichkeiten, wenn es darum gehe, über Probleme zu reden, sagt Susannah Stern, Kommunikationswissenschaftlerin an der Universität von San Diego. Dort könnten sie anonym über alles Mögliche, von Selbstmordgedanken bis zu Essstörungen reden. "Im Internet können diese Kinder zu sich selbst finden", sagt Stern. Bei ihren Forschungen habe sie öfters gehört: "Dass hätte ich niemandem direkt gesagt!"
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