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Kommentar
Apps bedrohen die Freiheit im WWW

Kommentar: Apps bedrohen die Freiheit im WWW
FOTO: Martin Ferl
Düsseldorf. Das Internet, wie wir es kennen, ist 25 Jahre alt – und vom Aussterben bedroht. Nicht nur durch politische Kontrollwut und den Kampf um "Vorfahrt" für bestimmte Daten. Die größte Gefahr ist unsere eigene Bequemlichkeit. Von Tobias Jochheim

Wann sind Sie eigentlich zuletzt im Internet gesurft? Ganz klassisch? Haben etwas gesucht und auch gefunden – und sind dann immer tiefer eingestiegen in die Materie, Link um Link, von Text zu Text zu Video zu Debatte, von einer Website zur anderen, innerhalb der Wikipedia oder von RP Online zu Spiegel Online und von dort werweißwohin? Haben die Richtung selbst bestimmt und sich doch tragen lassen wie der metaphorische Surfer von der Kraft der Wellen, denen herzlich egal ist, welchem Ozean, welchem Land, welchem Strand sie der Mensch zuordnet?

Vermutlich ist es schon etwas länger her. Denn unsere Nutzung des World Wide Web ändert sich radikal. In den USA verbringen Menschen mehr Zeit im Netz mit Smartphones und Tablets als mit klassischen Computern, das heißt in sechs von sieben Fällen mittels Apps, die wiederum meist "geschlossen" oder "nativ" sind, also vollkommen vom Hersteller kontrolliert.

Der Browser, die Navigationshilfe für das offene Web, wird derweil von der Schaltzentrale zum Fossil.

Die schöne neue App-Welt lockt mit guten Argumenten

Aus guten Gründen. Weil die grenzenlose Freiheit des World Wide Web auch überfordernd und ermüdend wirken kann, weil sie ständige Einschätzungen und Entscheidungen erfordert. Weil manche Websites chaotisch aufgebaut sind oder schlicht hässlich. Weil Links nicht immer funktionieren. Weil aufdringliche Werbung stört und theoretisch immer auch Gefahr durch Viren und Hacker droht.

Und weil die meisten Websites nach wie vor für die Nutzung mit Maus und Tastatur ausgelegt sind. Seit wir die direkte Bedienung mit unseren eigenen Händen gewohnt sind, kommt uns das umständlich und anachronistisch vor. Wie gut, dass es inzwischen für alles eine App gibt. Komfortabel und bonbonbunt ist diese schöne neue Welt – und sie gehorcht auf ein Fingerschnippen, was unseren Egos schmeichelt.

Die "Applikationen" zu nutzen ist natürlich nicht verwerflich. Sie sind nicht mehr und nicht weniger als eine zeitgemäße, weil für mobile Geräte optimierte Form von Software.

Die Vorteile von Apps sind nicht wegzudiskutieren. Die größeren Implikationen ihres Siegeszugs sind allerdings erschreckend.

Die Utopie des Netzes wird geopfert

Apps nutzen die technischen Möglichkeiten des real existierenden Computer-Netzwerks Internet ebenso wie es das World Wide Web tut – sein ideelles Fundament aber treten sie mit Füßen. Die egalitäre Utopie des Netzes von neuen Dimensionen des Informationsreichtums durch Koexistenz, Transparenz und Austausch wird geopfert auf dem Altar der Kontrollierbarkeit, Eindeutigkeit, klinischen Sauberkeit.

So entstehen im Meer immer mehr befestigte Inseln, die man nicht mehr einfach so ansurfen kann. Rund 2,5 Millionen dieser Sperrgebiete gibt es bereits.

"Das besorgt mich", sagt Tim Berners-Lee, der das WWW vor genau einem Vierteljahrhundert erfand. "Eine App interagiert nicht wirklich mit dem Web. Aus grundsätzlichen philosophischen Gründen ist sie weniger kraftvoll. (...) Wenn sie keine Internetadresse hat, kann man nicht über Twitter oder E-Mail darauf verweisen. Sie ist nicht Teil des Diskurses."

Apps sind Einbahnstraßen, schwarze Löcher, Blackboxes. Sie bedienen sich fast ausnahmslos hemmunglos bei Nutzerdaten, geben der Netzöffentlichkeit aber nichts zurück.

Wer schrumpft, ist so gut wie tot

Im Web waren die Startvoraussetzungen mehr oder weniger gleich –  Google etwa war längst nicht die erste Suchmaschine – bei Apps hingegen zeigt sich sofort der nach einem Bibelzitat benannte "Matthäus-Effekt": "Denn wer da hat, dem wird gegeben, dass er die Fülle habe; wer aber nicht hat, dem wird auch das genommen, was er hat."

Extremer als andere Märkte neigt die Web-Ökonomie zur Monopolbildung: Die gesamte westliche Welt nutzt eine Suchmaschine, ein soziales Netzwerk, eine Shopping-Plattform. Wer wächst, wächst exponentiell. Und wer stagniert oder gar schrumpft, ist so gut wie tot.

Dieselbe Dynamik wirkt im Wettbewerb WWW vs. Apps: Weil Apps erfolgreicher sind als mobil-optimierte Websites, fließt mehr Geld in ihre Entwicklung. Dadurch haben es browserbasierte Angebote noch schwerer. Das führt dazu, dass sich noch mehr Nutzer von Browsern ab- und Apps zuwenden.

Profiteure sind die wertvollsten Konzerne der Welt

Von alledem profitieren die beiden Konzerne, deren Marken ohnehin längst die wertvollsten der Welt sind, wertvoller als Coca-Cola und Nike, BMW und Mercedes, Facebook und Amazon.

Apple hat ein unangreifbares Monopol: Wer sein iPhone und iPad nicht nur besitzen, sondern auch benutzen möchte, muss wohl oder übel im App-Store kaufen. Fast alle anderen bedient Google gerne nicht mehr "nur" mit Suchergebnissen, E-Mail-Service, Videos, Nachrichten und Routen: Google Play versorgt praktisch sämtliche Nicht-Apple-Fans mit Software: Nutzer der Smartphones und Tablets von Samsung, Sony, LG, HTC, Huawei.... nur Microsoft und Blackberry machen nicht mit.

Auch die zu Recht beklagten anderen, mehr oder weniger latenten Gefahren für das Netz – von inhaltlicher Kontrolle und Zensur bis hin zu ökonomisch bedingter, künstlicher Verknappung des Angebots – sind in den App-Kaufläden von Apple und Google längst Realität.

Vor allem an den gewollt diffusen Schwellen von Apple scheitern als moralisch minderwertig erachtete Apps, oder schlicht solche, die das Geschäftsmodell von Telefonfirmen untergraben, mit denen Apple verpartnert ist. Sowohl Apple als auch Google behalten sich ausdrücklich das Recht vor, Apps von den Geräten ihrer Kunden zu löschen.

Gewinne auf Kosten der Kunden und Kreativen

Ihren Reichtum mehren sie nicht nur mit den Daten ihrer Kunden, sondern auch auf dem Rücken der Kreativen: Bei jeder App, die nicht ohnehin kostenlos ist, gehen 30 Prozent des Verkaufspreises nicht an den genialen Spiele-Erfinder oder Verlag und Redaktion eines tollen Magazins, sondern an die beiden absolutistischen Herrscher des frühen 21. Jahrhunderts. Auch knapp jeder dritte Dollar oder Euro, den auszugeben Kinder geradezu genötigt werden, um in "Gratis"-Spiele-Apps erfolgreich zu werden, bleibt bei Apple und Google hängen.

Dafür, dass sie dem Pöbel gnädig ihre Infrastruktur zur Verfügung stellen wie Drogenbosse ihren kleinen Zulieferern – ohne deren Kooperation das gesamte Geschäftsmodell zusammenbrechen würde, die ihre Macht aber nicht zu nutzen wissen.

Dagegen, wie Superschurken in James-Bond-Filmen an ihrer eigenen Selbstherrlichkeit zu scheitern, wappnen sich Google und Apple: Sie bleiben auf der Hut und aggressiv – und schütten auch die kleinsten, obskursten Garagenfirmen mit Geld zu, um Innovationen außerhalb ihres Einflussbereichs schon im Ansatz zu unterbinden.

Angesichts dessen schreibt Chris Dixon: "Am Ende wird das Web wahrscheinlich ein Nischenprodukt, gebraucht, um sehr spezifische Inhalte auf kleinen Blogs zu lesen – oder um einen Service auszuprobieren, bevor man die entsprechende App herunterlädt." Dixon hat Philosophie studiert, ist aber kein weltfremder Hippie, sondern ein prominenter Hightech-Investor. Sein Wort hat Gewicht, und die Debatte wieder ins Rollen gebracht, die in der Wired bereits 2010 unter der Schlagzeile "The Web is dead" etwas verfrüht geführt worden war.

Vergnügungsparks ersetzen den Dschungel

Wenn man so will, stampfen Apple und Google gerade Vergnügungsparks für alle aus dem Boden – sauber, sicher, mit Angeboten für jeden Geschmack, breiten Wegen und stets akkurat gestutzten Pflanzen. Der Eintritt ist kostenlos für jeden, der den Kameras und Wachleuten einen andauernden, tiefen Blick in sein Ich gewährt, sein Kaufverhalten, seine Bewegungen in der virtuellen wie realen Welt, seine Mails, Fotos, Beziehungen.  

Parallel zu unserer Freiheit, Privatheit, unseren Geheimnissen stirbt ein Ökosystem, das Anonymität zuließ und jedem der wollte alle Möglichkeiten bot, sich der Beinahe-Allmacht von Apple und Google zu entziehen.

Dieser wild wuchernde Dschungel, der Mündigkeit forderte, aber auch belohnte, hätte unser Schutzraum bleiben oder werden können. Stattdessen wird er gerodet. Unter unserem Beifall.

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(dafi)
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