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Bezahlen mit dem Handy
Der Kampf um die digitale Geldbörse tobt

Bezahlen mit dem Handy: Der Kampf um die digitale Geldbörse tobt
Das Konsortium namens Isis will Google den Kampf ansagen. FOTO: Hersteller
Düsseldorf. Noch ist das Bezahlen mit dem Handy nicht weit verbreitet. Dieses Jahr aber soll das Verfahren durchstarten. Zumindest hoffen das die Mobilfunkbetreiber. Ihr Konkurrent ist Google, das mit Wallet bereits die passende Basis dafür geschaffen hat.  Von Ludwig Jovanovic

Es klingt so einfach wie Luftholen. Man trinkt einen Kaffee oder kauft ein Sofa. Doch statt die Geldbörse zu zücken, um mit Bargeld, der EC- oder Kreditkarte zu bezahlen, nimmt man einfach sein Smartphone. Das hält man an ein Lesegerät und die Transaktion ist in Sekunden beendet. Möglich mach das NFC, die Near Field Communication (Nah-Feld-Kommunikation). Dahinter steckt ein Funk-Übertragungsstandard mit geringer Reichweite. In der Praxis sind das etwa zehn Zentimeter oder weniger. So Gering also, dass ein betrügerisches digitales "Abhören" der Daten nicht möglich sein sollte. Zudem arbeitet NFC mit geringen Übertragungsraten von gerade mal etwa 50 Kilobyte pro Sekunde. Das ist nur etwa ein Viertel dessen, was Bluetooth-Verbindungen schaffen. Aber es reicht, um alle wichtigen Daten für eine Transaktion zu senden.

Bislang aber unterstützen nur die wenigsten Smartphones NFC. Zu gering schien der Bedarf zu sein. Doch schon vor einigen Wochen beim Mobile World Congress in Barcelona war das bargeldlose Bezahlen mit dem Handy eines der Hauptthemen – angetrieben von Google, das bereits im Mai vergangenen Jahres "Wallet" vorstellte. Dahinter verbirgt sich eine persönliche digitale Geldbörse, über die per NFC gezahlt werden kann. Doch nicht nur der Suchmaschinengigant ist sehr interessiert daran. Auch die Mobilfunkbetreiber sehen darin einen Ausweg aus der sich abzeichnenden Krise: Sie verkaufen zwar Handys. Doch wegen Flatrates und Apps, die beispielsweise SMS einfach über Internetdienste ersetzen, stagniert ihr Umsatz. Wenn sie jedoch als Dienstleister den Zahlungsverkehr über die Smartphones abwickeln würden, ergäben sich neue, überaus lukrative Einnahmequellen.

In Deutschland soll das Bezahlen per Handy jetzt durchstarten

Doch in Deutschland sucht man derzeit nach entsprechenden Möglichkeiten vergebens – auch wenn Telekom, Vodafone und O2 gemeinsam die Plattform "MyPass" betreiben. Die erlaubt aber derzeit nur das Bezahlen per SMS. Das Geld wird nachträglich vom Bankkonto abgebucht. Das ist zumindest ein Schritt in Richtung des bargeldlosen Bezahlens per Smartphone. Der Erfolg indes hält sich bislang in Grenzen. Zu gering sind die Einsatzmöglichkeiten, zu kompliziert das Verfahren, das kaum weniger aufwändig ist, als eine EC- oder Kreditkarte in ein Lesegerät zu stecken und dann seine Geheimzahl einzugeben. An die Einfachheit der Transaktion per NFC kommt es nicht heran. Allerdings haben die drei Mobilfunkdienstleister angekündigt, eben dieses Verfahren noch in diesem Jahr möglich zu machen. Wie diese nahe Zukunft dann aussehen könnte, zeigt bereits jetzt ein Feldversuch in Frankreich an der Côte d‘Azur. Genauer gesagt in Nizza.

Dort nutzen seit mittlerweile fast zwei Jahren 5000 Einwohner ihr Smartphone als Geldbörse – im Rahmen des Projekts "Cityzi" der France-Télécom-Tochter Orange. In Restaurants, Cafés oder Läden müssen sie dem Personal nur ein Zeichen geben, damit mit sie mit tragbaren Terminals zu einem kommen. Das Handy wird an diese gehalten und nach zwei bis drei Sekunden quittiert das Gerät die Transaktion mit einem Piepton. Das Geld wird wie bei einer EC-Karte vom eigenen Bankkonto abgebucht. Bis 20 Euro ohne jede weitere Bestätigung. Geht der Betrag darüber hinaus, wird aus Sicherheitsgründen eine PIN verlangt. Um Kunden vor Missbrauch oder Diebstahl zu schützen, wird in wechselnden Intervallen zudem die Eingabe eines Kontrollcodes verlangt.

Rabattgutscheine und Treuepunkte für die Smartphone-Transaktion

Die Technik scheint zu funktionieren. Schwieriger war es anscheinend, die Vorbehalte abzubauen. Darum werden mit jeder Transaktion Rabattgutscheine oder Treuepunkte gutgeschrieben, die automatisch im Handy gespeichert und bei der nächsten Bezahlung eingelöst werden. Zudem kann man mit dem System über eine App überall Fahrscheine für Bus und Bahn beziehen – sogar inklusive einem GPS-Lotsendienst zur nächsten Haltestelle. Steigt man dann in den Bus oder die Bahn ein, hält man sein Smartphone an einen Lesepunkt: Das Ticket wird digital entwertet, der Betrag vom Konto abgebucht.

Dennoch handelt es sich auch in Frankreich, so fortgeschritten das System klingen man, um nicht mehr als ein Pilotprojekt. Zwar sollen Paris und Strasbourg dieses Jahr folgen, doch die landesweite Umsetzung lässt ebenso auf sich warten wie in Deutschland. Das Hauptproblem scheinen dabei weniger Sicherheitsbedenken zu sein als die mangelnde Verfügbarkeit von Handys, die NFC unterstützen. Derzeit sollen es nicht mehr als etwa zwei Prozent aller im Umlauf befindlichen Geräte sein. Doch Marktforscher wie Juniper Research glauben, dass bis 2014 eins von fünf Smartphones die Technik unterstützen wird. Das klingt nach einem baldigen Durchbruch, schafft aber neue Probleme. Denn das heißt auch, dass alle Betriebssysteme von Android über iOS bis Windows und Eigengewächse wie Samsungs Bada die Transaktionen sicher abwickeln können müssen.

Konkurrenz durch die Giro-Karte mit Bezahl-Chip

Bis dahin aber wächst dem einfachen Bezahlen per Smartphone bereits Konkurrenz in Deutschland: Die Sparkassen möchten ihre Giro-Karte mit einem NFC-Chip ausstatten. In diesem Jahr sollen etwa ein Drittel der 45 Millionen Giro-Karten so umgerüstet werden. Ab August kann der Kunde sie dann bundesweit mit bis zu 200 Euro aufladen und anschließend Transaktion bis zu 20 Euro einfach mit dem Zücken der Karte durchführen. Die Marke von 20 Euro ergibt sich dabei aus Marktbeobachtungen: 80 Prozent alle Einkäufe würden darunter liegen, zu 95 Prozent aber bar bezahlt. Schon jetzt sollen sich nach Aussage des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes die Tankstellen-Kette Esso, Douglas samt der Buchhhandels-Kette Thalia, Edeka und der Drogeriemarkt "dm" bereiterklärt haben, das "Girogo" genannte Verfahren zu unterstützen. Und das Interesse weiterer Partner und auch von Automatenherstellern sei groß.

In den USA sieht es da etwas anders aus: Dort akzeptieren bereits 25 der 100 meistbesuchten Ladenketten die drahtlose Geldbörse. Darunter auch Fast-Food-Ketten. Das ist immer noch kein Wert, bei dem man von einer flächendeckenden Marktdurchdringung sprechen kann, aber zumindest ist man einen großen Schritt weiter als in Europa. Allerdings zeichnet sich in den Vereinigten Staaten bereits ab, dass die weitere Verbreitung nicht so reibungslos ablaufen wird wie gewünscht. Google bietet mit "Wallet" seit Mai vergangenen Jahres bereits ein Transaktionssystem für das bargeldlose Bezahlen an. Derzeit versucht der Suchmaschinengigant massiv, weitere Handels-Ketten davon zu überzeugen, auf den eigenen Zug aufzuspringen. Wallet arbeitet dabei mit Pre-Paid-Systemen, sprich der Aufladung des Handys mit Geld, und Kreditkarten-Unternehmen zusammen, über die dann das Geld abgebucht wird. Mit Sprint hat sich auch ein US-Mobilfunkbetreiber Wallet angeschlossen. Zudem sind nach Google-Angaben bereits 150.000 Händler an Bord.

In den USA kämpft Google gegen Mobilfunkbetreiber

Doch Mobilfunkdienstleister wie Verizon, AT&T, und T-Mobile USA möchten Wallet das Feld nicht überlassen. Sie haben sich in einem Konsortium namens Isis zusammengeschlossen. Und deren Vertreter putzen derzeit eifrig Klinken quer durch die USA, um Geschäfte, Warenhäuser, Restaurants und Cafés von der eigenen Lösung zu überzeugen. Dabei verweist man darauf, dass Isis ebenfalls Kreditkarten-Unternehmen, aber auch drei Banken mit insgesamt 100 Millionen Kunden, Hersteller der Transaktions-Terminals und Handy-Produzenten hinter sich versammelt hat. Apple ist allerdings nicht darunter, sondern scheint den Ausgang des Kampfes zwischen Isis und Google abzuwarten. Und das in einem Geschäftsfeld, das derzeit kaum eine Rolle spielt. Denn 93 Prozent aller Verkäufe finden in den Staaten immer noch mit Bargeld oder Kreditkarte statt. Dahinter steckt ein Volumen von fast vier Billiarden Dollar.

Für die Vorreiter der Smartphone-Börse sind das aber bis zu vier Billiarden Dollar, die per Handy abgewickelt werden könnten. Würden davon nur 0,01 Prozent in die eigene Tasche fließen, wären das immer noch 370 bis 400 Milliarden Dollar. Darum klingt das bargeldlose Bezahlen in den Ohren von Google und Isis wie die Lizenz zum Gelddrucken. Und selbst wenn das eine Milchmädchenrechnung sein sollte, öffnet es doch die Tür zu einem gewaltigen Anzeigenmarkt. Schließlich kennt der Händler so seinen Kunden und was er gerne einkauft. Noch besser lässt sich Werbung kaum personalisieren und direkt versenden. Die Abwicklung würden die Payment-Anbieter übernehmen. Angesichts von Googles genereller Sammelwut von persönlichen Daten zeichnet sich da aber ein neuer Konflikt mit Datenschützern ab.

Milliarden-Geschäft erwartet

Das Risiko wird man bei den Anbietern aber eingehen. Schließlich macht das Anzeigen-Volumen im Einzelhandel derzeit in den USA etwa 200 Milliarden Dollar im Jahr aus. Google und Isis wollen davon über das bargeldlose Bezahlen ein großes Stück für sich gewinnen. Und insbesondere für die Mobilfunkbetreiber im Konsortium Isis wäre das ein neuer Weg, mit Smartphones Geld zu verdienen. Schließlich haben sie anders als Apple und Google nichts vom Umsatz mit Apps, müssen aber die Technologie für schnelle Mobilfunk-Verbindungen bereitstellen – und werden dann über Facetime und Messenger für Facebook oder iOS vom Geschäft mit der Telekommunikation abgeschnitten. Kein Wunder also, dass das Konsortium Isis 100 Millionen Dollar in die Entwicklung von NFC-Transaktionen investiert hat.

Der Kampf um die Vorherrschaft beim bargeldlosen Bezahlen wird dabei mit immer härteren Bandagen geführt. Google beispielsweise hat erst jüngst App-Entwickler dazu aufgefordert, nur noch den Dienst "Wallet" zur Zahlungsabwicklung zu nutzen. Sollte jemand auch Konkurrenzsystem unterstützen, würde die App aus dem Play-Market fliegen. Damit greift man zwar nicht direkt Isis an, aber möchte so Wallet als Standard etablieren. Der Mobilfunkbetreiber Verizon dagegen, der lange Zeit ein enger Verbündeter von Google war, hat den Suchmaschinengiganten aufgefordert, bei den neuen Android-Smartphones für Verizon das Bezahlsystem "Wallet" abzuklemmen. Der Kampf um die digitale Geldbörse – in den USA ist er bereits entbrannt.

Google könnte ihn aber aus einem ganz anderen Grund zumindest in Deutschland verlieren: Nach einer Studie der Gesellschaft für Konsumforschung interessiert sich zwar jeder zweite Deutsche für das Handy-Payment. Auf die Frage aber, welchem Dienstleister sie dabei am ehesten vertrauen würden, sagten 86 Prozent: ihrer Bank. 74 Prozent könnten sich aber auch mit einer Kooperation der Kreditinstitute mit den Mobilfunkbetreibern vorstellen. Google aber scheint da keine Rolle zu spielen. Sei es aus Unwissenheit oder aus gewachsenem Misstrauen.

(csi/jco)
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