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Breivik-Urteil
"Es ist noch lange nicht vorbei"
Der Fall Breivik - vom Massaker bis zum Urteil
Der Fall Breivik - vom Massaker bis zum Urteil FOTO: dapd, Frank Augstein
Anders Breivik muss für 21 Jahre ins Gefängnis. Doch für Bjørn Ihler, einen Überlebenden des Massakers auf Utøya, ist der 22. Juli 2011 noch nicht vorbei. Der 21-Jährige ist enttäuscht, wie die norwegische Gesellschaft auf die Morde reagiert hat und fordert in seinem Essay für RP Plus, dass auch Extremisten ihre Meinung äußern dürfen. Von Bjørn Ihler

Mehr als ein Jahr ist vergangen. Das ist eine lange Zeit, und ich bin müde. Nicht wegen meiner Erlebnisse auf Utøya. Nicht wegen der Erinnerungen an eine Schusswaffe, die auf mich gerichtet ist. Auch nicht wegen der Bilder in meinem Kopf von einem Freund, der tot im Wasser treibt, oder dem Leichenhaufen.

Ich bin auch nicht müde wegen des Gerichtsprozesses, aber wegen all der Dinge, die sich darum drehten, die zahllosen noch immer laufenden Debatten, die neuen Gesetze und Maßnahmen, die entweder schon verabschiedet worden sind oder bald verabschiedet werden. Ich bin müde, weil ich in einem Land lebe, in dem das öffentliche Sicherheitssystem fehlschlug, als es am meisten gebraucht wurde. Ich bin müde, aber ich kann nicht aufhören zu kämpfen, und ich kann nicht aufhören, mein Leben zu leben.

Ich habe als Zeuge ausgesagt

Am Freitag wurde das Urteil gegen den Terroristen Anders Behring Breivik gesprochen. Er wurde für zurechnungsfähig erklärt und zur Höchststrafe von 21 Jahren Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt. Im vergangenen Sommer sprengte er in Oslo zahlreiche Gebäude im Regierungsviertel in die Luft und tötete acht Menschen. Danach fuhr er zum Sommercamp der Arbeiterpartei, wo 500 junge Menschen die schockierenden Nachrichten über die Bombe in Oslo verfolgten. Er lief dort mehr als eine Stunde herum und tötete 69 Menschen, der jüngste war 14 Jahre alt.

Der Gerichtsprozess drehte sich um ihn, den Terroristen Anders Behring Breivik und seine Taten, so wie es in einem Gerichtsprozess sein sollte. Ich habe selbst als Zeuge vor Gericht ausgesagt und von meinen Erfahrungen erzählt, als ich mich vor Breiviks Kugeln versteckte, mich dabei um zwei Kinder kümmerte und es gerade so schaffte. Davon, wie es ist, ein Jahr mit diesen Erinnerungen an diesen grauen Freitag zu leben.

Ich habe von den leeren Gesichtern der Eltern erzählt, die im Krisenzentrum unermüdlich nach ihren Kindern gesucht haben. Darüber, wie ich alleine in meinem Garten stand, weinte und schrie, aus Frustration, Zorn und Trauer. Wie ich mich durcharbeitete, an meinem Buch über das vergangene Jahr schrieb und als Zeitungskolumnist arbeitete. Ich habe als Zeuge ausgesagt über einen Tag in der Hölle und über ein Jahr, in dem ich versuchte, wieder herauszuklettern. Und das war es wohl, was die meisten von uns in diesem Jahr gemacht haben.

Der Prozess war nicht so wichtig

Für mich, als Überlebender eines Massakers und als ein Bürger dieses Landes, war der Gerichtsprozess allerdings weniger wichtig. Die Tatsachen waren klar. Anders Behring Breivik hat es getan, daran gibt es keinen Zweifel. Die einzige Frage war, ob er als zurechnungsfähig eingestuft wird oder nicht, ob er ins Gefängnis gebracht wird oder zur Behandlung in eine Anstalt.

Diese Frage und der Prozess selbst haben die Aufmerksamkeit von anderen wichtigen Aspekten des Falls abgelenkt. Sie tauchen hier in den Medien nun immer mehr auf, aber ich bin überzeugt, dass diese Aspekte auch für den Rest der Welt wichtig sind. Es ist offensichtlich, dass die Polizei und andere Einrichtungen, die für die Sicherheit des Landes, des Ferienlagers und des Regierungsviertels zuständig sind, scheiterten, als wir sie brauchten.

Deshalb werde ich nicht über die schockierenden Details aus dem Gerichtssaal schreiben. Geschichten von ermordeten Kindern, von verspätet eintreffenden Polizisten und Sanitätern, Geschichten, die überall im Internet gefunden werden können. Stattdessen werde ich ein größeres Bild dieses Falls zeichnen, erstens weil ich denke, dass es wichtiger ist, und zweitens, weil ich denke, dass es das ist, was uns an dem Fall ein Jahr danach interessieren sollte.

Wir brauchen eine offene Debatte

Ein paar Tage nach dem Attentat trat der Ministerpräsident vor die Leute, er sagte, dass Liebe Liebe hervorbringt, und dass wir diesen schrecklichen Akt des Terrorismus bekämpfen würden, indem wir für größere Offenheit und mehr Demokratie sorgen. Das klang für mich danach, dass wir eine lebhaftere öffentliche Debatte darüber führen würden, es klang danach, dass wir Stimmen aus allen möglichen politischen Lagern hören würden, es klang danach, dass mein Ministerpräsident mir zustimmte.

Ich glaube fest daran, dass eine offene Debatte das Mittel ist, mit dem wir weitere Taten verhindern können, die auf extremistischen Ansichten gründen. Das hängt mit der Theorie zusammen, die ich "die Hallräume des Extremismus" nenne. Diese Räume sind geschlossene Gesellschaft von Leuten, die dieselben extremistischen Ideen teilen. Ich möchte niemanden erschrecken, aber wir wissen, dass diese Gruppen existieren, wir wissen, dass sie auf der ganzen Welt zu finden sind, und wir wissen, dass sie eine Bedrohung sind. In diesen Gesellschaften können sich extreme Ideen frei bewegen, manchmal versucht so eine Gruppe, ihre Ideen der Welt mitzuteilen, aber die Welt ist damit beschäftigt, sich um andere Dinge zu kümmern, also bleiben die Ideen meist in dieser geschlossenen Gesellschaft.

Breivik sagte, der Grund, weshalb seine Ideen nicht an die Öffentlichkeit kamen, war Zensur. Genauer: Er sprach von Selbstzensur. Es kam ihm so vor, dass die Öffentlichkeit strenge Richtlinien hatte und ihm niemals zuhören noch seine Ansichten abdrucken würde. So denkt man in geschlossenen Gesellschaften.

Was meinte der Ministerpräsident?

Dieses Gefühl, dass niemand sich die Mühe macht zuzuhören, und die Tatsache, dass es Ideen gibt, bei der sich alle einig sind, sie zu ignorieren, erzeugt ein hohes Maß an Frust. Für bestimmte Leute führt dieser Frust dazu, das sie das Gefühl haben, handeln zu müssen. So können Terroristen erschaffen werden.

Als der Ministerpräsident sagte, dass Offenheit das Mittel ist, mit dem wir Extremismus bekämpften sollten, glaubte ich, dass es das war, was er meinte. Es stellte sich heraus, dass ich falsch lag. Ich verstehe immer noch nicht ganz genau, was er meinte, aber folgendes geschah:

Zuallererst sperrten die meisten Nachrichtenseiten im Land für eine gewisse Zeit ihre Kommentarfunktion bei allem, was mit Terrorismus zu tun hatte. Das hätte eine Gelegenheit sein können, mögliche Unterstützer der Idee zu hören, die hinter der Tat steckte, und gegen sie zu argumentieren. Es hätte eine Möglichkeit sein können, viel Druck abzulassen, der in den Hallräumen entstanden war, und Leuten zu zeigen, dass andere sich für ihre Ideen interessierten und gute Gründe hatten, gegen sie zu sein. Stattdessen wurden sie ausgesperrt.

Erdrückende political correctness

Zweitens begann eine massive öffentliche Debatte. Debatten sind normalerweise eine gute Sache, aber der Ausgang schien zu sein, dass die Mehrheit der Öffentlichkeit eine klare Meinung hatte, was politisch korrekt war, und dass es Leuten mit Ansichten, die gegen diese political correctness verstießen, nicht möglich sein sollte, ihre Ansichten zu kommunizieren. Falls sie es doch machten, sollten sie sich wenigstens in einer korrekten Sprache ausdrücken.

Es mag verständlich sein, dass man diese Bedingung stellt, aber es ist auch wichtig sich zu erinnern, dass viele Menschen andere Mittel haben, um zu kommunzieren, als der durchschnittliche Zeitungskolumnist. Nicht jeder ist geübt darin, einen Leserbrief zu schreiben oder überhaupt zu schreiben. Deshalb sollten wir offener gegenüber Leuten sein, die ihre eigene Sprache benutzen, wir sollten über schlechte Grammatik und Schreibfehler hinwegsehen. Die einzige Sache, die wir in Erwägung ziehen sollten, nicht zu akzeptieren, sind Drohungen und direkte Beleidigungen.

Alles in allem glaube ich, dass diese Debatte über das Debattieren bei denjenigen, die Ideen außerhalb des Politisch Korrekten haben, das Gefühl weiter verstärkt hat, dass man sich selber zensieren müsse.

Kontroverse um Lex Breivik

Drittens bat uns der Ministerpräsident, gute Online-Nachbarn zu sein. Das bedeutete, dass wir alle im Internet Ausschau halten sollten nach Anzeichen extremistischer Ideen, und so wie ich das verstehe, Bescheid sagen sollten, falls wir welche finden. Aber wie soll sich eine geschlossene Gesellschaft in so einem Umfeld öffnen? Ich habe keine Ahnung, und falls ich Teil einer geschlossenen Gesellschaft wäre, wäre ich vermutlich noch frustrierter, besonders da der Ministerpräsident zu mehr Offenheit und einer größeren Debatte aufgefordert hat.

Es gibt in der norwegischen Gesellschaft auch Kontroversen um die Gesetzgebung. Ein Gesetz, das unter dem Namen Lex Breivik bekannt ist, kam in diesem Sommer durchs Parlament. Dieses Gesetz war vor allem für einen einzigen Verbrecher gemacht, falls er für unzurechnungsfähig erklärt wurde. Das bedeutet, dass das Gesetz Macht über Breivik hat, obwohl es nichtmal geschrieben war, als er seine Verbrechen beging. Das ist nicht sehr demokratisch in einer Gesellschaft, in der jeder vor dem Gesetz gleich sein sollte.

Ein weiteres Problem des Gesetzes ist, dass es dafür sorgen kann, Leute ein Leben lang im Gefängnis zu halten. Nun ja, das mag eine gute Sache sein, wird man denken, angesichts der Schrecken, die Breivik hervorgerufen hat. Das wirkliche Problem ist der Grund, der dafür sorgt, dass man im Gefängnis bleibt. Das Gesetz schafft die Möglichkeit, dass man ein Leben lang eingesperrt wird aufgrund der Tatsache, dass Leute außerhalb des Gefängnisses einen bedrohen. Das ist grob undemokratisch, und ist in den Medien kaum erwähnt worden.

Die Regierung war unfähig, die Bürger zu schützen

Der Prozess gegen Breivik ist vorbei. Die größte Frage war, ob er zurechnungsfähig ist oder nicht. Das hat eine Krise unter Psychiatern im ganzen Land hervorgerufen, aber das ist kaum etwas, das die Zivilgesellschaft interessiert. Die meisten Leute wollen einfach nur, dass ihre Kinder sicher sind, wenn sie ins Ferienlager fahren.

In der Zwischenzeiten müssen wir uns mit den folgenden Fakten beschäftigen: Das Gesetz verändert sich. Wir haben eine Regierung, die unfähig war, ihre Bürger ausreichend zu schützen. Es mangelt uns an der Erkenntnis, dass es wieder passieren könnte und dass es überall passieren könnte. Es mangelt uns auch am Willen, aktiv gegen Extremismus vorzugehen, indem wir die Öffentlichkeit einen näheren Blick auf die geschlossenen Gesellschaften von Extremisten werfen lassen, sowohl in Norwegen als auch im Rest der Welt.

Und während all das passiert, versuchen wir, zu einem normalen Leben zurückgekehren. Es ist nun ein Jahr her, aber für mich, die anderen Überlebenden, unsere Familien und die Familien, die einen geliebten Menschen verloren haben, sind die Narben tief. Ich gebe mein bestes, die Uni zu schaffen, ich versuche zu arbeiten, ich versuche ein schönes Leben mit Freunden und einer liebenswürdigen Freundin zu führen.

Noch ist jeder Tag ein Kampf

Gleichzeitig ist da immer wieder dieser Fall mit seinen ungeklärten Fragen, den andauernden Debatten und dem Mangel an Willen, etwas zu tun. Ein Jahr ist vergangen, und noch ist jeder Tag ein Kampf. Für mich ist es ein Kampf dagegen, dass so etwas nochmal passiert. Ich arbeite daran mit den Mitteln, an die ich glaube, durch Offenheit, Literatur, Filme und verschiedenen anderen Projekte, die Leute mit unterschiedlichen Ansichten zu einer offenen Debatte einladen. Ich arbeite daran, eine Organisation zu führen, das "Centre For Free and Creative Expression", das genau dieses eine Ziel hat.

Ich kann das nicht als Einzelperson machen, Norwegen kann das nicht als einzelnes Land machen. Alle müssen sich beteiligen, alle müssen offener werden, anderen zuhören, egal, wie sehr man ihre Ideen ablehnt, alle müssen wichtige Themen mit anderen diskutieren.

Mein letzter Punkt ist dieser: Das Urteil am Freitag war nicht so wichtig. Dieser Fall ist Teil eines größeren Bildes, ein Bild, das dich und mich als Bürger einer Welt enthält, die frei und friedlich sein soll.

Es dreht sich nicht länger um Breivik

Eine Welt, in der so etwas passiert wie am 22. Juni 2011, sollte es nicht geben. Wir können das nicht der Regierung oder Politikern überlassen. Es liegt an uns als verantwortliche Bürger. Wir müssen uns gegenseitig einladen, um offen über die Gesellschaft zu sprechen, in der wir leben, und über Ideen, die wir möglicherweise nicht mit anderen teilen.

Es dreht sich nicht länger um Breivik. Er kann niemandem mehr schaden. Was zählt, sind die Leute, die ihm folgen könnten, die Leute in den geschlossenen Gesellschaft. Was zählt ist die Tatsache, dass es besser wäre, wenn sie sich aussprächen, anstatt dass sie in die Fußstapfen unzähliger gewalttätiger Extremisten vor ihnen treten.

Quelle: seeg/csr
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