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Flirten für Anfänger
RP Plus: Flirten für Anfänger
Pick-Up-Artists gehen der Frage auf den Grund: Was will eine Frau eigentlich? FOTO: Grafik: Phil Ninh
Sie nennen sich Verführungskünstler, gehen gemeinsam auf Frauensuche und sprechen eine eigene Sprache: Die "Pick-up"-Community ist eine Bewegung, die in rasantem Tempo wächst. Augenscheinlich geht es den Männern um das Geheimnis eines guten Flirts – doch eigentlich geht es um etwas ganz anderes. Von Sven Grest

Nennen wir ihn Bernd. Bernd ist 34, seine Freundin heißt Lisa, ist hübsch und drei Jahre jünger. Wenn Bekannte die beiden in ihrer eleganten Wohnung in einem Kölner Szenestadtteil besuchen, erscheinen sie als perfektes Paar. Doch später am Abend, wenn Bernd den Gästen seine selbst gemixten Cocktails serviert, bekommt das Bild auf einmal Risse. "Wie oft habe ich Dir schon gesagt, dass ich kein Eis im Glas will?", schimpft Lisa. Die Gäste schauen betreten zu Boden, Bernd geht zurück in die Küche, um den Fehler zu korrigieren. "Typisch Bernd", erzählt Lisa den Bekannten. "Er denkt einfach nicht nach."

Es sind Situationen wie diese, die Männern wie Flirttrainer Maximilian Pütz Sorgenfalten auf die Stirn treiben. Männer, die fürchten, von Frauen nicht in ihrer Rolle als Mann respektiert zu werden. Männer, die davon überzeugt sind, dass sie von der Gesellschaft benachteiligt werden. Und die alles dafür tun wollen, um dies zu ändern.

Bewegung aus den USA

"Pick-Up" nennt sich die Bewegung, die bereits in den 1990er Jahren in den USA entstand und allmählich auch in Deutschland immer mehr Bedeutung gewinnt. In Internetforen tauschen sich Männer über Beziehungstipps und Anmachsprüche aus. Sie diskutieren, wie man die Handynummer einer schönen Frau erobert und streiten sich über die beste Reaktion auf einen "Shit test".

Damit sind kleine Prüfungen gemeint, mit denen Frauen unbewusst das Selbstwertgefühl eines Mannes auf die Probe stellen. Das zumindest behauptet die einschlägige Fachliteratur der Pick-Up-Community. Und demzufolge würde sie auch die oben beschriebene Szene zwischen Lisa und Bernd als solchen "Shit test" klassifizieren – den Bernd nicht bestanden hätte.

Eine Frau will lieber einen Mann mit Rückrad und Profil als einen, der immer nur versucht, es ihr Recht zu machen, heißt es im "Lob des Sexismus" von Lodovico Satana. Das 200 Seiten starke Buch ist in der Community so etwas wie die Bibel der Pick-Up-Jünger. Darin geht es darum, wie Männer auf Frauen wirken, wie sie sich interessant machen und dafür sorgen, dass eine Beziehung nicht zerbricht. Wer ein aufgeklärtes Frauenbild besitzt, wird an dem Buch wenig Gefallen finden.

 "Wir tragen die Schuld der vergangenen Generationen mit uns herum"

Maximilian Pütz dagegen hat kein Problem damit, mit seiner kontroversen Meinung über das Verhältnis von Männern und Frauen anzuecken. Seiner Ansicht nach ist die Emanzipation der Frau bereits so weit vorangeschritten, dass die Frau den Mann in vielen Belangen überholt hat. "Die ganze Schuld der Männer früherer Generationen tragen wir immer noch mit uns herum", sagt Pütz. In Wochenendseminaren bringt er anderen Männern das Flirten bei. Rund 500 Euro kostet ein Kurs, sie sind fast immer ausgebucht.

Wir treffen Maximilian Pütz in einem Kaffee in Köln-Kalk. Er trägt ein lässiges T-Shirt und eine markante Brille. Der 34-Jährige wirkt nicht so, als wäre er zu schüchtern, eine Frau anzusprechen. Doch das war früher anders. "Ich war sehr verklemmt", sagt Pütz. "Bis ich beschloss, mein Problem in die Hand zu nehmen." Heute hat er einige Flirterfahrungen hinter sich, ist erfolgreicher Buchautor zum Thema Pick-Up und war Gast in zahlreichen Talkshows von Maybritt Illner bis Frank Plasberg.

Warum er anderen Männern Flirtunterricht erteilt? "Der Mann ist in einer Identitätskrise", sagt Pütz. Viele seiner Kursteilnehmer seien aus der Computer- und Elektronikbranche und litten darunter, dass sie es nicht schafften, bei Frauen erfolgreich zu sein. Den meisten gehe es gar nicht darum, Frauen zum One-Night-Stand zu überreden. "Viele sind an langfristigen Partnerschaften interessiert. Aber sie wissen den Weg dahin nicht", sagt Pütz. Darum gibt der Autor ihnen Starthilfe:

Sei nicht nur nett, sondern auch forsch und amüsant.

Gib am Beginn eines Flirts nicht allzu viel von Deiner Persönlichkeit preis.

Zeige Willen, Elan und mache deutlich, was Du willst.

Sind solche Taktiken frauenfeindlich? Maximilian Pütz zufolge ist das Gegenteil der Fall. Schließlich gehe es den Männern, die seine Flirtregeln lernen, vor allem um eine Frage: Was will eine Frau eigentlich? "Die meisten Frauen wollen erobert werden", sagt Pütz. "Wenn ich nicht selbst die Initiative ergreife, passiert gar nichts." So rät er seinen Flirtschülern, nicht darauf zu warten, dass die fremde Frau einem per Blickkontakt das Signal gibt, dass er sie nun ansprechen darf. Einfach probieren, ansprechen – und womöglich scheitern. Dafür klappt es vielleicht beim nächsten Mal.

Dass immer mehr Männer bereit sind, für Ratschläge wie diese viel Geld zu bezahlen, ist ein Zeichen für die große Verunsicherung des modernen Mannes. Er hat gelernt, dass er auch im Haushalt mithelfen, sich um die Kinder kümmern und die Frau nicht herablässig behandeln soll. Tragisch, wenn er mit all diesen Eigenschaften in die "Betaisierungsfalle" tappt. Betaisierung bezeichnet in der Pick-Up-Community den Versuch der Frau, ihren Partner nach ihren Wünschen zu erziehen. Mit dem Ergebnis, dass aus dem ehemaligen Alpha-Mann ein Beta-Männchen wird – und damit unattraktiv.

Um all diese Männer-Fragen zu klären, hat die Pick-Up-Community ihre eigene Sprache entwickelt. Es gibt dutzende Begriffe, die helfen sollen, das Phänomen Frau zu verstehen.

Bitch-Shield: Zur Schau gestellte Arroganz (attraktiver) Frauen, um nicht von Männern angesprochen zu werden.

LMR (Last Minute Resistance): Kurzfristiger Rückzug der Frau im fortgeschrittenen Flirtstadium.

Social Proof: Die verführerische Wirkung eines hohen Sozialstatus.

Die Internetforen sind voll von Beiträgen, die mit Fachbegriffen und Abkürzungen versuchen, das Flirten in Worte zu fassen. Doch wer glaubt, dort Sammlungen von Anmachsprüchen zu finden, sieht sich getäuscht: Den selbst ernannten Verführungskünstlern geht es nicht darum, sich mit möglichst vielen Frauen zu treffen. Es geht vor allem darum, die eigene Rolle als Mann zu finden – und auszuleben: "Es ist Zeit für dich, mein Freund, den Ruf der Wildnis zu hören. Das Tier in dir wachzurufen, die schwarze Sonnenbrille aufzusetzen, die Lederjacke anzuziehen, dich auf deine Harley zu schwingen und in den Kampf zu ziehen", schreibt Maximilian Pütz in seinem Buch "Der perfekte Eroberer".

Man müsste ihnen vielleicht mangelnden Realitätssinn unterstellen, würden alle Pick-Up-Artists diesen Worten augenblicklich Folge leisten. Doch Maximilian Pütz lebt seit mehr als zwei Jahren in einer offenen Beziehung. Und der erste Kontakt zwischen ihm und seiner Partnerin ging nicht etwa vom Verführungskünstler aus – sondern von ihr.

Quelle: seeg
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