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Optisch opulenter Actionkracher
Crysis 3: Bombast-Spektakel at its best
Optisch opulenter Actionkracher: Crysis 3: Bombast-Spektakel at its best
FOTO: Screenshot
Düsseldorf. Zwei Jahre hat sich Crytek Zeit gelassen für den nächsten Teil der Crysis-Saga. Herausgekommen ist ein optisch opulenter Actionkracher und spielerisch einer der besten First-Person-Shooter in diesem Jahr. Eine Story aber gibt es nicht. Von Ludwig Jovanovic

Schönheit hat einen neuen Namen. Er lautet Crysis 3. Denn was der deutsche Entwickler Crytek auf den Monitor zaubert, sieht einfach nur umwerfend aus: die von Pflanzen überwucherten Ruinen New Yorks, die Spiegelungen im Wasser, glitzerndes Sonnenlicht und das hohe Gras, das sich im Wind wiegt. Fast wäre es idyllisch, wenn man nicht in die Rolle des gar nicht mehr so menschlichen Soldaten Prophet schlüpfen würde - samt seinem Nanosuit und einem Hightech-Bogen in der Hand. Oder einer noch durchschlagskräftigeren Waffe. Schließlich sind wir in einem Shooter und nicht in einem Debattierklub zur impressionistischen Kunst der Neuzeit. Diese Grafikpracht kann man darum nur selten genießen. Nämlich dann, wenn man nicht gerade Gegnern ausweichen muss.

Doch nicht nur grafisch legt Crysis 3 die Latte mal wieder ein wenig höher. Die Steuerung ist bestechend einfach, und dennoch ist das Spiel nicht simpel. Dank technischer Upgrades kann man seinen Nanosuit so aufrüsten, wie es der eigenen Spielweise entgegen kommt. Die „Jäger“ werden Tarnung, Hacker-Fähigkeiten und Zielsicherheit bevorzugen. Die „Tanks“ unter den Spielern investieren in die Panzerung und stürzen sich ins Gefecht mit den Sicherheitstruppen des globalen Unternehmens C.E.L.L. Das hat 24 Jahre nach den Vorfällen von Crysis 2 New York zur Sicherheitszone erklärt und um die Metropole eine Hightech-Schutzkuppel gebaut. Die Menschheit soll so von den überlebenden Aliens geschützt werden. Zumindest offiziell. Gleichzeitig profitiert C.E.L.L. von der Alien-Technologie in New York, die sie als unbegrenzte, weltweite, billige Energiequelle nutzen und damit die Erde mehr oder weniger kontrollieren. Schließlich sitzt das Weltunternehmen buchstäblich am Lichtschalter.

Gute Gegner-KI, forderndes Spiel

Prophet soll es nun wie in den ersten beiden Teilen wieder richten. Das hoffen die Widerstandskämpfer, die den Supersoldaten aus dem Kälte-Tiefschlaf wecken. Und der Protagonist krempelt sofort die Nanosuit-Ärmel hoch. Es ist und bleibt eben ein schmutziges Geschäft. Und das heißt: Er dringt in New York ein, legt sich mit C.E.L.L. an – und mal wieder mit den Aliens, die alles andere als besiegt sind. Das Ergebnis sind Feuergefechte, die so gut inszeniert sind, wie die Grafik schön ist. Ein üppiges Arsenal von irdischen und nicht-irdischen Waffen, für die es ebenfalls diverse Upgrades gibt, steht zu Verfügung, um es krachen und knallen zu lassen. Und selten sahen Explosionen beeindruckender aus. Die Gegner machen es dem Spieler zudem nicht immer leicht. Sie sind extrem aufmerksam, reagieren fast schon überempfindlich und verhalten sich nicht ganz so strunzdoof wie in anderen Shootern. Selbst auf der niedrigsten Schwierigkeitsstufe ist Crysis 3 kein Spaziergang. Zudem wird das Geballer immer wieder von grandios inszenierten Actionsequenzen unterbrochen. Sei es ein Damm, der bricht und gewaltigen Wassermassen freien Lauf lässt. Oder die Zugfahrt mit dem hochexplosiven Tankwagen. Und das sind nur zwei der filmreifen Szenen im Spiel.

Story? Welche Story?

Crytek hat sogar das Kunststück geschafft trotz der schlauchartigen Spielewelt ein Gefühl von Open-World zu erzeugen: In jedem Level gibt es verschiedene Abzweigungen und kleinere, ineinander verschachtelte Bereiche, die man erkunden kann – bevor man wieder dem vorgegebenen Pfad folgt. Als Belohnung winken Upgrades und Datenpakete, die der Geschichte von Crysis 3 Hintergrundmaterial liefern. Oder besser liefern sollen. Denn eine echte Story ist so existent wie ein Eiswürfel in der Mittagssonne der Sahara. Von Anfang an wird man in die Spielwelt hineingeworfen und weiß sofort, was einem am Ende erwartet: der Alpha-Ceph. Denn die Außerirdischen gleichen Ameisen, die von einer zentralen Einheit gelenkt werden – auch wenn das Prophet zunächst keiner glauben möchte. Das hört sich genauso trivial und ausgelutscht an, wie es auch ist. Da das böse Unternehmen, dort die noch böseren Aliens und mittendrin der Held, dem niemand glauben möchte. Es fallen sogar noch Sätze wie: „Sie haben keine Ahnung, mit welchen finsteren Mächten sie experimentieren.“ Da meint man das Telefon klingeln zu hören, weil das 20. Jahrhundert anruft und seine Klischees zurückhaben möchte. Crytek nimmt sich erst recht keine Zeit, den Protagonisten zu entwickeln. Der ist einfach, wer er ist und bleibt fade. Schade.

Kurze Spielzeit, aber DLC ist angekündigt

Und ohne Geschichte sind die Bombast-Szenen zwar sehr beeindruckend, aber auch Selbstzweck. Darum werden die auch recht schnell nacheinander abgefeuert, bevor auffällt, dass es dafür keinen tragfähigen erzählerischen Rahmen gibt. Kein Wunder also, dass die Spielzeit mit fünf bis sechs Stunden recht kurz ist. Denn irgendwann ging den Entwickler die Luft aus und sie schafften es nicht mehr, sich selbst noch zu toppen, ohne sich zu wiederholen oder zu langweilen. Dafür gibt es noch einen Multiplayer und Download-Zusatzmissionen, die bereits angekündigt sind – und noch einmal Geld kosten. Wer damit aber leben kann, findet in Crysis 3 einen unglaublich gut aussehenden, abwechslungsreichen, bisweilen fordernden Shooter.

Und wie sieht das Spiel auf der Konsole aus? Klar, dass die nicht ganz mit der Grafikpracht der PC-Version mithalten kann. Dennoch sieht das Spiel auch auf einer technisch veralteten PS3 noch gut aus. Und wenn man ehrlich ist: Um die Szenerie am PC in höchster Auflösung genießen zu können, benötigt man schon eine überdurchschnittlich gut ausgestatteten und entsprechend teuren Rechner.

Grafik 10 von 10 (PC-Version)

+ sehr detailverliebte, wunderschöne Settings

+ filmreife Szenen

+ auch auf Konsolen immer noch gute Grafik

- für beste Darstellungsqualität ist ein hochgerüsteter PC erforderlich

 

Sound 9 von 10

+ passende Sound-Effekte

+ stimmungsvoller Soundtrack


Gameplay 8 von 10

+ verschiedene Spielweisen werden unterstützt

+ gute, bisweilen überreagierende Gegner-KI

+ viele Upgrade-Möglichkeiten

+ nicht langatmig

- das Spiel bevorzugt brachiale Vorgehensweise

- sehr kurz

Story 2 von 10

+ stimmige Fortsetzung von Crysis 1 und 2

- triviale, klischeehafte, unlogische Alibi-Geschichte

- langweiliger Protagonist ohne Sympathie-Wert


Gesamtwertung 7,5 von 10

Quelle: RP/felt/csi/csr/sap
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