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Games Kritik: Mass Effect – Heller Stern am Spiele-Himmel, aber keine Supernova

VON LUDWIG JOVANOVIC - zuletzt aktualisiert: 29.09.2008 - 16:38

Düsseldorf (RPO). In der Dunkelheit der Nacht funkeln die Sterne wie ferne Leuchtfeuer, die den Weg zu kosmischen Rätseln und Abenteuern weisen. Ein Weg, auf den sich der Spieler in BioWares Rollenspiel „Mass Effect“ macht. Nachdem die Xbox360-Version – von Microsoft extrem gehyped - für Furore sorgte, gibt es das Spiel seit einiger Zeit auch für den PC.

Der Streit um den extremen Kopierschutz ist verraucht, nachdem Bioware nachgebessert hat. Das erste Patch ist erschienen und mit zusätzlichen Download-Inhalte soll der Hype hochgehalten werden. Doch wird „Mass Effect“ Biowares Ruf gerecht nach Rollenspiel-Titeln wie „Baldur's Gate“ (erfolgreich, aber überbewertet), „Planescape Torment (bis auf das Ende herausragend) und „Star Wars: Knights of the old Republic (der erste Teil war grandios)?

Die Story

2148 entdeckt die Menschheit auf dem Mars Relikte der Protheaner - einer außerirdischen Zivilisation, die vor 50.000 Jahren spurlos von der galaktischen Bühne verschwand. Ihre Hinterlassenschaften aber wie die gewaltige Raumstation „Citadel“ oder die Massenportale haben nicht nur die Menschheit, sondern die gesamte interstellare Völkergemeinschaft beflügelt. Auf diese Bühne tritt nun auch die Menschheit: 35 Jahre nach der Entdeckung auf dem Mars strebt die junge, aufstrebende, Zivilisation nach einem ständigen Sitz im Galaktischen Rat.

Das halten nicht alle Völker unbedingt für die beste Idee, schließlich sind die Menschen kosmische Frischlinge. Und da setzt „Mass Effect“ ein: Der Spieler übernimmt die Rolle von Commander Sheppard, der (oder wahlweise die) auf einer Erd-Kolonie ein weiteres Relikt der Protheaner bergen soll. Dabei kommt der Commander einer Verschwörung auf die Spur - und dem Geheimnis, warum die Protheaner vor 50.000 Jahren ausgelöscht wurden. Dahinter steht eine Gefahr, die nun alle galaktischen Völker zu vernichten droht - wenn Sheppard sie nicht aufhalten kann.

Installation

Da gibt es schon mal einen fetten Minus-Punkt. Zwar hat BioWare am oft kritisierten, überaus restriktiven Kopierschutz nachgebessert. Trotzdem verweigert das Spiel auf den Test-Rechner vehement die Installation. Nach einigen Fehl-Versuchen gibt das Spiel dann ganz auf - als wollte es sagen: „Hat eh keinen Sinn.“ Die Suche in diversen Foren führt zwar zu einigen Lösungsvorschlägen, die aber allesamt fehlschlagen.

Nach zweieinhalb Stunden startet ein letzter verzweifelter Versuch auf einem Notebook. Da lief die Installation dann problemlos. Na ja, vielleicht ist das schon das erste Abenteuer des Rollenspiels. Aber da sollte BiowWre oder Electronic Arts umgehend nachbessern. Schließlich ist „Mass Effect“ mit 50 Euro nicht gerade billig. Da ist es gar nicht gut, wenn das Spiel dann Zuhause nicht läuft.

Grafik

„Mass Effect“ setzt auf die gute, aber nicht mehr ganz aktuelle Unreal3-Engine. Der Vorteil: Es ist keine Killer-Aplikation wie beispielsweise Crysis. Selbst auf Mittelklasse-Rechner ist das Game in hoher Auflösung ruckelfrei spielbar. Im Test-Notebook beispielsweise sorgt eine Nvidia 8600 GS mit High Quality-Einstellungen problemlos für die Pixelflut. Trotz der alten Engine sieht es schon ziemlich cool aus, wenn auf einen fremden Planeten zwischen zwei Plateaus eine außerirdische Sonne durchscheint. Okay, zumindest beim ersten Mal. Leider verbrauchen sich solche Aha-Effekte mit der Zeit, und die Planeten-Oberflächen wiederholen sich. So groß ist das viel beschworene Mass-Effect-Universum dann auf einmal gar nicht mehr.

Generell sieht das Mass-Effect-Universum zwar gut aus, wirkt aber etwas steril. Von den Beton-Frisuren der Charaktere ganz zu schweigen. Da merkt man, dass das Spiel ursprünglich für eine Konsole entwickelt wurde, deren Hardware für Jahre eingefroren ist. Und bei der Umsetzung für den PC hat man nicht unbedingt Vollgas geben. Da wäre definitiv mehr drin gewesen. Aber vielleicht hat man aus Rücksicht auf die Konsolen-Besitzer einen Gang zurückgeschaltet. Es wäre ein schlechtes Verkaufsargument für die Xbox, wenn die PC-Version um Längen besser aussehen würde. So reicht es für die Grafik nur für einen besseren Durchschnitt. Vor allem, wenn man sieht, was „The Witcher“ aus der ebenfalls veralteten Aurora-Engine herausholen kann.

Sound

Die Musik ist sphärisch bis ätherisch und richtig kitschig, dann wieder episch orchestral mit Kalte-Schauer-über-den-Rücken-jagen. Die Sound-Effekte sind gut, aber reißen nicht vom Hocker. Dafür legen sich die Sprecher in der deutschen Version richtig ins Zeug und arbeiten mit viel Liebe zum Detail. Das deutsche „Mass Effect“ muss sich nicht vor dem englischen Original verstecken. Da sollten sich andere Spiele ein Beiuspiel dran nehmen.

Gameplay

Der Spieler wählt, ob er einen weiblichen oder männlichen Charakter spielen möchte. Und er kann das Gesicht so detailliert festlegen, wie noch nie zuvor in einem Spiel. Eine breitete Nase – kein Problem. Eine Narbe quer über die Wange geht genauso wie buschige Augenbrauen und ein spitzes Kinn. Mal hübsch, mal hässlich. Sheppard passt sich den Wünschen an. Im Laufe des Spiel entscheidet der Spieler, ob hinter der Maske ein Gutmensch unterwegs ist, der alte Frauen noch die Einkaufstüte in den Raumgleiter tragen würde.

Oder ob er ein skrupelloser Agent des Galaktischen Rates ist, der alles tut, was nötig, um seine Ziele zu erreichen – und dabei über Leichen geht. Buchstäblich. Das ist wie die Wahl zwischen lustigen Astronauten und Mad Max. Im Prinzip steht beiden die gesamte Galaxis offen. Tatsächlich sind die Ziele schon etwas genauer vorgegeben. Und ein planloses Erforschen der Milchstraße macht nicht ganz so viel Spaß, weil sich die Welten mit der Zeit mit der Zeit zu ähnlich sehen.

Das Inventar-System ist etwas unübersichtlich, ebenso wie die durchaus interessanten und detaillierten Enzyklopädie-Einträge, dem Kodex. Die sind in Kategorien sortiert, die blinken, wenn im Laufe des Spiels eine neuer Eintrag hinzu kommt. Den klickt man an, dann öffnet sich eine eine Baumstruktur und ein Text wird eingeblendet, durch den man sich scrollen muss. Auf Dauer ist das etwas ermüdend und langweilig.

Schade, denn in den gesprochenen Einträgen offenbart sich sehr viel Liebe zum Detail. Bioware ein komplett neues und in sich logisches Universum geschaffen. Respekt! Das gilt nicht für die Charakter-Entwicklung beim Stufen-Aufstieg: ein simples Balkendiagramm mit Plus und Minus-Taste. Na ja, da gibt es Innovativeres. Etwas Neues hat man sich dafür bei den Dialogen ausgedacht: Der Spieler wählt nicht den Wortlaus, sondern die Art der Erwiderung. Soll es schmeichelnd oder bedrohlich oder ganz neutral zu einen Stichwort nachfragend sein? Man klickt einfach nur die Richtung an, die das Gespräch nehmen soll.

Kämpfe

Das Spiel setzt auf den Blick über die Schulter der Spielfigur. Die Steuerung ist mit den Mischung aus Maus- und Tastatur-Eingaben etwas gewöhnungsbedürftig. Anfangs hol Sheppard sich blaue Flecken, weil er ständig gegen die Wände rennt. Das war es bei der Portrait-Erstellung eine weise Wahl, dem Commander eine breite Nase zu spendieren.

Mit der Zeit hat man den Dreh raus. Zumindest glaubt man das bis zum ersten Kampf. Auch der ist Übungssache, weil man für das strategische Head-Up-Display inklusive Pausenfunktion die Space-Taste gedrückt halten muss. Anfangs tippt man die nur an und springt so zwischen Pause und Echtzeit hin und her. Dafür sehen die Kämpfe schon verdammt cool aus, wenn plötzlich von allen Seiten auf einen geschossen wird, man in Deckung rennt und versucht, die Gegner zu treffen. Durch die Bewegungsunschärfe wackelt das Bild wie bei einer Live-Doku. Stark!

Coolness-Faktor

Sheppard hat seine coolen Momente. Beispielsweise wenn er sich als Gesandter des Galaktischen Rates weigert, auf einen Raumhafen seine Waffen abzugeben – und sie dafür gegen eine versammelten Polizei-Trupp in Anschlag bringt. Sheppard kann auch einen Kriminellen unter Druck setzen, indem er ihm androht, ihn auffliegen zu lassen. Oder Sheppard ist lammfromm. Eins ist Sheppard dabei immer: ein Soldat. Das dämpft den Coolness-Faktor etwas, der aber durchaus da ist – vor allem in der Mad-Max-Spielweise..

Fazit

„Mass Effect“ ist ohne Frage ein gutes Spiel. Die Story mit ihren Wendungen ist packend, die Kämpfe sind cool. Da verzeiht man kleinere Fehler – außer der Verweigerung zur Installation. Und doch kann es nicht ganz mitreißen, weil man sich ständig an andere Science-Fiction-Epen erinnert fühlt. Zum Teil fühlt es sich wie der dritte Teil von „Knights of the old Republic“ an. Die Biotik-Fähigkeiten beispielsweise, mit denen man Gegner umwerfen oder zusätzlichen Schaden anrichten kann: War da nicht mal etwas mit der Macht in Star Wars?

Auch beim Verhalten Sheppards, das von Spiel mit „Vorbildlich“ oder „Abtrünnig“ bewertet wird, denkt man sofort an die Helle und die Dunkle Seite im Krieg der Sterne. Die Raumstation „Citadel“, die Intrigen und Machtspiele sowie die Massenportale kennt man irgendwie so ähnlich aus der Serie „Babylon 5“ . Das Robotervolk „Geth“ könnte man durch die Enterprise-Borg ersetzen. Und so geht es munter weiter. Bioware hat das Rad nicht neu erfunden, sondern aus vielen Versatzstücken ein neues Universum geschaffen, das dafür nicht langweilig ist. Und bei den anderen Fehlern hoffen wir auf Teil zwei und drei. Schließlich ist „Mass Effect“ als Trilogie angelegt.

Tipp: Wenn das Spiel ruckelt, Körnigkeit in den Optionen abschalten. Hilft das nicht, die Partikel-Effekte auf Mittel oder Gering stellen.


 
 
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