Internet-Hype: 50.000 Deutsche "zwitschern" schon
VON FRANZISKA BLUHM - zuletzt aktualisiert: 22.02.2009 - 13:45Düsseldorf (RP). Der Internetdienst "Twitter" (übersetzt: Gezwitscher) ist ein Massen-Phänomen geworden. Seine Gründer rechnen mit einer Verfünffachung der Nutzerzahlen bis Jahresende. Aber wie funktioniert das Netzwerk eigentlich, und wie verändert es unsere Kommunikation? Eine Erklärung.
Als Lance Armstrong sein 10.000 Euro teures Rennrad gestohlen wurde, informierte er nicht nur auf die Polizei. Der Tour-De-France-Sieger vertraute auch auf die Hilfe von 130.000 Fans, die seine Mitteilungen über den Internetdienst "Twitter" abonniert haben. Über das Portal schickte er ihnen das Foto seines Rades. Mit Erfolg: Das edle Objekt ist wieder aufgetaucht – dank Twitter.
Was früher etwas für Spezialisten und Internet-Junkies war, nutzen mittlerweile mehrere Millionen Menschen weltweit. Der Internetdienst "Twitter" ist ein Massen-Phänomen geworden. Sein Name stammt von dem englischen Verb "to tweet", was auf Deutsch "zwitschern" bedeutet. Zwitschern, weil es nicht um lange Geschichten geht, sondern um kleine Plaudereien. Wer twittert, darf höchstens 140 Zeichen schreiben und schickt sie kostenlos von seinem Computer oder Handy ins Internet – als ob er Urlaubsgrüße per SMS verschickt, oder der Verabredung ein "Komme später, steh im Stau" zuruft.
Allerdings geht die Kurznachricht nicht nur an eine bestimmte Person, sondern ist für jeden öffentlich zugänglich. Und jeder entscheidet selbst, ob und welche Nachrichten er empfangen möchte. Man kann den so genannten Twitter-Feed – die Nachrichten einer Person – von Freunden abonnieren, oder nach bestimmten Begriffen suchen. Wer zum Beispiel wissen will, wie andere Twitter-Nutzer die Heinz-Erhard-Jubiläumssendung am Donnerstagabend fanden, kann so mit ihnen in Kontakt treten und diskutieren.
Oft werden beim Twittern Banalitäten ausgetauscht. Manchmal geht es nur um den verschütteten Kaffee oder das Essen in der Kantine. Doch die Webseite ist auch deshalb so populär geworden, weil die dort verfügbaren Informationen wichtig sein können und schneller zu den Nutzern kommen als von Nachrichten-Agenturen.
Ein Beispiel: Als am 15. Januar in New York der Airbus auf dem Hudson River notlandete, war der Manager David Krums an Bord einer der Fähren, die zur Hilfe kamen. Krums ist Twitterer und knipste mit seinem Handy den Airbus im Wasser. Über das Netzwerk verbreitete sich das Foto sofort im Internet. TV-Sender zeigten das Bild, auch unsere Zeitung veröffentlichte es. So nah wie Krums war keiner der herkömmlichen Fotografen an das Flugzeug herangekommen. Zudem verbreitete sich Krums Nachricht etwa eine Stunde früher über den Globus als über traditionelle Nachrichtenkanäle.
Auch in Bombay im November vergingen nur wenige Minuten, bis Augenzeugen über Twitter von den Anschlägen berichteten. Millionen User im Internet konnten nachlesen, wie die Menschen in der Stadt die Schießereien und Explosionen erlebten.
Ein weiterer Erfolgsfaktor: Bei vielen Prominenten gehört Twittern inzwischen zum guten Ton. Die Popsängerin Britney Spears lässt ihre Fans wissen, dass sie mit ihren Söhnen "Kung Fu Panda" schaut. Der Fernsehkoch Jamie Oliver fragt um Rat, was er am Valentinstag kochen soll. Und während das Schauspieler-Pärchen Ashton Kutcher und Demi Moore auf der Berlinale über den roten Teppich flaniert, sind ihre Freunde bestens informiert – weil die beiden sie mit Nachrichten, Fotos und Videos auf dem Laufenden halten.
"Twitter bietet den Menschen ein Gefühl der Nähe, das sie aus der realen Welt kennen", sagt Nicole Simon, Autorin des Buches "Twitter". Auch Politiker haben erkannt, dass ihnen der Internetdienst im Wahlkampf nutzt. So hielt US-Präsident Barack Obama seine Anhänger auf dem Weg ins Weiße Haus über Twitter auf dem Laufenden. Auch der hessische SPD-Kandidat Thorsten Schäfer-Gümbel versuchte, auf diesem Weg ein paar Wählerstimmen einzufangen. Wenige Monate vor der Bundestagswahl wird dieser sicherlich nicht der letzte prominente Politiker sein, der das Twittern für sich entdeckt.
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