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Interview mit Bitkom-Präsident Dirks
Unterschiedliche Preise für schnelles Internet

Bitkom-Präsident Thorsten Dirks: Unterschiedliche Preise für schnelles Internet
Thorsten Dirks ist Präsident des IT-Branchenverbands Bitkom. FOTO: Rolf Vennenbernd
Düsseldorf. Der Präsident des IT-Verbands Bitkom, Thorsten Dirks, verteidigt im Interview das EU-Gesetz zur Netzneutralität, wirbt für mehr Einsatz bei der Digitalisierung und erklärt, warum es schnelles Internet künftig nicht mehr für 20 Euro im Monat geben könnte. Von Florian Rinke

Eine halbe Stunde hat Thorsten Dirks für das Interview Zeit. Sein Terminkalender ist eng getaktet – gerade jetzt, so kurz vor dem IT-Gipfel der Bundesregierung am Donnerstag. Kein Wunder, bei den Aufgaben: Dirks leitet den Mobilfunkanbieter Telefónica Deutschland und ist Präsident des einflussreichen Digitalverbands Bitkom. 

Herr Dirks, die Terroranschläge von Paris überschatten auch den IT-Gipfel am Donnerstag. Fürchten Sie eine neue Diskussion über eine Ausweitung der Vorratsdatenspeicherung?

Dirks Diese Anschläge waren schrecklich. Sollte die Politik nun noch weitere Sicherheitsbedürfnisse erkennen, wird man das diskutieren müssen. Aus unserer Sicht ist die jetzige Regelung ausreichend. Wir als Unternehmen setzen erst einmal die bisherigen Vorgaben um.

Vor einem Jahr sagte Telekom-Chef Tim Höttges beim IT-Gipfel, dass Deutschland die erste Halbzeit beim Thema Digitalisierung verloren hätte. Wie läuft es die zweite Halbzeit?

Dirks Europa hat in der ersten Halbzeit nicht gut gespielt. Alle großen Plattformen wie Facebook, Google oder Alibaba sind in den USA oder Asien angesiedelt. In der ersten Halbzeit ging es allerdings vor allem um das Geschäft mit Konsumenten. Das war nie unbedingt die Stärke der Europäer. Nun aber geht es um unsere Kernbranchen wie Automobil, Pharma oder Medizintechnik. Es geht um Stichworte wie Industrie 4.0 oder autonomes Fahren. Da sind wir gut gestartet. Aber wir müssen noch mehr Tempo machen. Und vor allem im Mittelstand muss mehr passieren.

Woran scheitert es bislang?

Dirks Laut einer unserer Studien hat ein Drittel der Mittelständler bis heute keine Digitalstrategie. Viele fürchten sich auch vor den Risiken der Digitalisierung, Stichworte IT-Sicherheit und Datenschutz. Andere sehen vielleicht keine Notwendigkeit: Die Auftragsbücher im Mittelstand sind ja  gut gefüllt – da überlegen sich viele zweimal, warum sie etwas  ändern sollen. Das ist aber fahrlässig.

Zwingen können Sie den Mittelstand ja nicht – also was tun?

Dirks Wir müssen noch mehr Überzeugungsarbeit leisten – und zwar gemeinsam. Wir haben da einen sehr konkreten Vorschlag: Wir brauchen digitale Hubs, also Orte, an denen man Flaggschiffe der Industrie mit Mittelständlern, Wissenschaftlern, Start-ups und Risikokapitalgebern zusammenbringt. Aber natürlich müssen auch die Betriebe investieren – zum Beispiel in Form von neuem Personal.

Mir hat mal ein Mittelständler gesagt: Sie quatschen hier von digitaler Transformation, ich habe nicht mal schnelles Internet.

Dirks Es gibt sicherlich noch die eine oder andere Region, in der wir noch Arbeit vor uns haben. Das Ziel der Bundesregierung, jedem Haushalt bis 2018 einen Anschluss mit 50 Mbit pro Sekunde zur Verfügung zu stellen, werden wir erreichen. Hier kommt es auf einen vernünftigen Technologie-Mix an – also neben TV-Kabeln und Mobilfunk auch Kupfer und VDSL-Vectoring. Viel wichtiger ist aber: Wir müssen wir uns jetzt damit beschäftigen, was danach kommt. Wir müssen uns auf die Gigabit-Gesellschaft vorbereiten.

Das kann doch eigentlich nur heißen: Glasfaser bis an jede Haustür.

Dirks Im ersten Schritt bringen wir Glasfaserkabel näher an die Haushalte heran. Dafür rüsten wir die Kabelverzweiger, also die grauen Kästen am Straßenrand, entsprechend aus. Damit schaffen wir die Grundlage für den weiteren Ausbau. Langfristig müssen wir Glasfaser möglichst nah an den Haushalt heranbringen, auch wenn es nicht zwingend erforderlich sein wird, Leitungen in jedes Haus zu graben.

Die Telekom bietet an, den Breitband-Ausbau mittels Vectoring voranzubringen. Viele fürchten ein Monopol. Sie auch?

Dirks Um das Ziel 50 Mbit pro Sekunde bis 2018 zu erreichen, brauchen wir einen vernünftigen Technologie-Mix. Das dazu auch Vectoring gehört, versteht sich von selbst.

Sie fordern immer Zuschüsse vom Staat für den Ausbau. Heißt das nicht auch, dass DSL-Verträge viel zu günstig sind?

Dirks Wir fordern keine Zuschüsse vom Staat. Die Netzbetreiber investieren Jahr für Jahr Milliardensummen in die Infrastruktur. Wir begrüßen aber, dass sich Bund und Länder dort engagieren, wo sich ein Ausbau wirtschaftlich nicht rechnet. Wir haben heute in Deutschland ein vernünftiges Preisniveau. Es ist aber nicht realistisch, dass man für 20 Euro die allerhöchsten Bandbreiten liefern kann. Es wird auch in Zukunft unterschiedliche Preise für unterschiedliche Geschwindigkeiten geben.

Bis dahin dürfen Sie sich ja darüber freuen, dass die EU es Netzanbietern durch das umstrittene Gesetz zur Netzneutralität ermöglichen will, von Firmen höhere Preise für eine schnellere Durchleitung ihrer Daten zu nehmen.

Dirks Die Entscheidung der EU-Kommission ist ausgewogen. Es gibt weiterhin diskriminierungsfreies Internet. Die Datenpakete werden wie heute je nach Auslastung unterschiedlich schnell weitergeleitet. Das neue Gesetz sieht zudem vor, dass bestimmte Dienste mit einem bestimmten Qualitätsparameter versehen werden können. Ein Beispiel: Der Vater fährt mit einem selbstfahrenden Auto, das permanent Daten sendet, während die Tochter auf der Rückbank Musik streamt. Welche Daten sind wichtiger? Dafür braucht es bestimmte Diensteklassen.

Das wäre ein Zwei-Klassen-Internet. Kritiker fürchten, dass es nicht bei Beispielen wie dem autonomen Fahren und der Telemedizin bleibt. Wären Sie dafür, die "Spezialdienste" auf einen eng gefassten Bereich zu beschränken?

Dirks Es gibt eine Vielzahl von Beispielen, die man sich da vorstellen kann. Neue Technologien bieten enorme Möglichkeiten, und wir sollten diese künftigen Möglichkeiten jetzt nicht durch eine teils sehr emotional geführte Diskussion um die Netzneutralität im Keim ersticken.

Einige dieser Technologien sollen nach Wunsch der Landesregierung auch in NRW entstehen. Sie will NRW zum "place to be" der digitalen Wirtschaft machen. Gelingt das?

Dirks NRW hat die Bedeutung der digitalen Wirtschaft erkannt – das ist gut. Die Maßnahmen können allerdings nur ein erster Schritt sein. Es gibt andere Länder wie Bayern, die noch mehr tun. Die Digitalisierung schreitet unaufhaltsam voran. Wir müssen diesem Thema dauerhaft eine hohe Priorität geben – da gibt es noch weitaus mehr Möglichkeiten, zu gestalten.

Der Bitkom fordert gerade im Bereich Bildung mehr Engagement – da wäre die Landesregierung ja der richtige Ansprechpartner.

Dirks Wir brauchen grundsätzlich mehr digitale Bildung, nicht nur an Schulen und Hochschulen, auch beim Thema lebenslanges Lernen. Es braucht an den Schulen eine bessere Ausstattung, mehr Fortbildungen für Lehrer, aber auch mehr Weiterbildungen in den Betrieben. Natürlich würde ich mich freuen, wenn NRW da vorangehen würde.

Das Gespräch führte Florian Rinke. 

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