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"Der Nächste bitte": Chatroulette - irrer geht's nicht

VON FRANZISKA BLUHM - zuletzt aktualisiert: 24.02.2010 - 12:46

Düsseldorf (RPO). Chatroulette ist derzeit der letzte Schrei im Netz: Per Zufallsgenerator werden Menschen rund um die Welt zusammengewürfelt, um miteinander zu reden, chatten oder sich einfach nur anzustarren. Das führt zu sehr skurrilen Begegnungen. Ein Selbstversuch.

Eigentlich sollte ich mich nicht so anstellen. Jeden Abend verbringen derzeit rund 20.000 Menschen vor ihrem Rechner und chatten mit wildfremden Menschen aus der ganzen Welt. Doch mir ist ein bisschen mulmig zumute. Schließlich hat die Plattform des 17-jährigen High-School-Studenten Andrey Ternovskiy aus Moskau innerhalb kürzester Zeit seinen Ruf weg: Spaßig ja, süchtig machend, aber auch eklig soll es dort teilweise zu gehen. Gerüchte hin oder her. Fakten müssen her, ich tippe chatroulette.com in meinen Browser ein und schon geht es los. Das Protokoll.

19.00 Uhr: Eine Stunde habe ich mir vorgenommen, so lange will ich es bei Chatroulette aushalten. Das Mindestalter: 16 Jahre. Die Seite ist übersichtlich und einfach gehalten. Zwei schwarze Bildschirme auf der linken Seite, ein großes Chatfenster rechts, oben die wichtigsten Buttons: Next, Stop, Report – der nächste, stop und melden. Das verstehe ich.

19.01 Uhr: Kamera an oder aus? Ich traue mich nicht, erst einmal schauen, was passiert, wenn ich völlig anonym chatten will.

19.05 Uhr: Der eine popelt in der Nase, der andere zeigt mir nur seinen Unterarm. Ich schaue in dutzende gelangweilte Gesichter. Kurz. Ich bemerke schnell, dass das Prinzip einfach ist: Wer nichts von sich preis gibt, wird gekickt. Denn der nächste mögliche Chatpartner ist ja nur einen Klick entfernt.

19.06 Uhr: Kann doch nicht sein, dass ich hier seit sechs Minuten unterwegs bin und noch mit niemanden gesprochen habe? Als ich ein junges Mädchen anschreiben will und das Wort „Hello“ in das dafür vorgesehene Fenster eingebe, ist sie schon wieder weg. Ich muss schneller tippen.

19.08 Uhr: Schneller tippen reicht nicht: Kürzer schreiben, gerade am Anfang einer Unterhaltung führt zum Erfolg. Ein weibliches Wesen schreibt mich mit „Hi“ an. Nach acht Minuten kommuniziere ich also endlich.

19.27 Uhr: Wow, ich habe jemanden kennengelernt. Lustigerweise eine Frau aus der Nähe von Köln, die keine Kamera an ihrem Rechner hat. Wir tauschen unsere Erfahrungen aus, haben beide schon Kermits, kleine Jungs und männliche Geschlechtsorgane gesehen. Doch dann endet unser Gespräch abrupt, als das Texteingabefeld nicht mehr befüllbar ist. Tschüss, neue Freundin, war schön.

19.34 Uhr: Klick, klick, klick. In den letzten Minuten habe ich mal Jungs zu arabischen Rhythmen tanzen sehen, Jungs mit lustigen Masken, Mädchen mit großen Augen, alte, einsame Männer. Pärchen, die es offenbar vorziehen, den Geschlechtsakt in aller Öffentlichkeit zu vollziehen. Zwei wache Augen blicken mich aus einer Maske an, ein Mädchen verdeckt ihre Augen durch eine Sonnenbrille. Gute Idee.

19.36 Uhr: Das traue ich mich auch: Ich aktiviere meine Kamera, setze mir eine Sonnenbrille und meine Karnevalsperücke auf. Jetzt falle ich auf. Der Nächste, bitte.

19.41 Uhr: Jetzt reagieren meine Gegenüber auf mich. Wenn sie mich nicht sofort wegklicken, werde ich komisch beäugt und dann weggeklickt. Oder sie lachen kurz auf, um dann zum nächsten zu klicken. Oder sie bezeichnen mich als schwul.

19.43 Uhr: Die erste Anmache, aber auch die schnellste: Erster Spruch „Sexy Girl“. Als ich mich bedanke, denn ich bin ein höflicher Mensch, sagt mein Gegenüber „I love you“. Mir geht das zu schnell, ich wähle die Trennung, der nächste bitte.

19.46 Uhr: Hilfe! Nach gerade einmal einer Dreiviertelstunde bin ich genauso oberflächlich, wie meine Mitchatter. Als mich ein freundlicher Franzose nach meinem Namen fragt, klicke ihn ihn weg. Ich muss mir eine Chatroulette-Identität ausdenken, sonst fliege ich auf. Der nächste bezeichnet mich als „fat“. Pah.

19.51 Uhr: Den schätzungsweise 14-jährigen Engländer (zumindest hängt ein Nummernschild von der Insel im Hintergrund) habe ich nun mittlerweile dreimal getroffen. Ob wirklich mehr als 20.000 Menschen zeitgleich hier drin sind? Mir kommen Zweifel auf. Der nächste hat mich offenbar erkannt, er selbst ist ohne Kamera unterwegs: „Du schon wieder. Schöne Perücke.“ Als ich versuche, die Frage, ob ich schwul sei, mit „Nö, nur vorsichtig“ zu beantworten, hat er mich schon wieder weggeklickt. Noch einer.

19.55 Uhr: Soll ich es wirklich wagen, meine Perücke abzusetzen? Ich entscheide mich, die letzten fünf Minuten zumindest ohne Sonnenbrille zu verbringen.

19.57 Uhr: Zwei Typen trinken Bier und tragen Papiertüten mit ausgeschnittenen Augen. Sie gröhlen. Ich nicht.

19.59 Uhr: Als ich auf die Frage „where?“ mit einem Fragezeichen antworte, werde ich weggeklickt. Ein ganzer Satz darf’s ja wohl sen. Erziehen lassen sich die Chatrouletter also auch nicht.

20.00 Uhr: Ich mag nicht mehr in leere Augen schauen. Nicht mehr aussortiert werden – das ist schlimmer als auf einer Single-Party im Norden Berlins. Ich bin hier raus.


 
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