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Cybercrime-Statistik
Wenn der Kühlschrank kriminell wird

Cyber-Kriminalität: Wenn der Kühlschrank kriminell wird
Am Mittwoch hat das Bundeskriminalamt seinen neuen Cybercrime-Report vorgestellt. FOTO: dpa, brx hpl
Meinung | Berlin. Viele haben mit Computer und Smartphone ihr Verhalten geändert, nutzen und genießen die Möglichkeiten der digitalen Welt. Sie sollten ihr Verhalten erneut ändern, denn hinter jedem Klick lauern Diebe und Erpresser. Von Gregor Manytz

Internet-Konzerne denken in Milliarden, da wirkt ein Schaden von 40 Millionen, wie ihn das Bundeskriminalität im vergangenen Jahr unter "Cyber-Kriminalität" verbuchte, wie Peanuts. In der Tat scheinen die lustigen Pokémon-Spielchen, die harmlosen Chats und die bequemen Shops auf den Smartphones unendlich weit weg zu liegen von den dunklen Gassen in Bahnhofsnähe, in denen früher die Kriminalität zu Hause war.

Genau das ist jedoch der Grund, warum sich die Kriminalität im Netz immer häuslicher, trickreicher und gefährlicher einrichtet. Viele merken es nicht einmal, dass ihre Rechner gekapert und ihre Handys nach Passwörtern und Bank-Zugangsdaten ausspioniert werden. Und so sind die 40 Millionen, die das BKA nun errechnete, nur ein winziger Teil des tatsächlichen Schadens. Ja, teilweise ist es sogar ein statistischer Effekt, denn alles, was dann im Netz in eine klassische Erpressung mündet, wird auch dort registriert.

Immer mehr Nutzer machen die Bekanntschaft mit Internet-Erpressern, die den Zugriff auf unersetzliche Dokumente und Bilder unterbinden und damit drohen, diese zu löschen, wenn das Opfer nicht zahlt. Manche starten sogar auf dem gekaperten Bildschirm einen Countdown bis zum Exitus des kostbaren Digitalbesitzes, um den Druck zu erhöhen. Nach einer Umfrage haben 33 Prozent der betroffenen Menschen das Lösegeld gezahlt, würden 38 Prozent im Durchschnitt über 200 Euro aufbringen, um ihre Daten wieder zu kriegen. Kein Wunder, dass diese verlockende Geldquelle so viele Täter anlockt, dass auch die Organisierte Kriminalität online geht. Vor drei Jahren zählte das BKA noch sechs OK-Banden, im vergangenen Jahr schon 22.

Internet der Dinge als Angriffspunkt

Die Zahlen potenzieller Opfer und Gelegenheiten sind in den letzten Jahren explodiert. Inzwischen nutzen über 44 Millionen Jugendliche und Erwachsene in Deutschland ein Smartphone oder Tablet, sind damit täglich im Schnitt 158 Minuten online. Da dürften die Meldungen von täglich rund 60.000 registrierten Infektionen – also fast jede Sekunde eine – noch tief gegriffen sein. Zumal sich das Potenzial immer noch rasant ausbreitet. Die leistungsstarken Spielekonsolen können von Kriminellen spielend leicht geentert werden, das sie meistens über veraltete Software mit riesigen Schutzlücken verfügen. Ähnlich verhält es sich mit dem Internet der Dinge. Das ist nicht nur Theorie. BKA-Präsident Holger Münch berichtete davon, dass sich in einem Netz mit von Kriminellen ferngesteuerten Endgeräten auch ein Kühlschrank befand.

Spätestens nach dieser Entdeckung müsste es der digitalen Generation kalt den Rücken und die Tastatur hinunter laufen: Wer per App aus der Ferne seine Rolladen, seine Geräte und sein Licht bedienen kann, der weiß nun, dass Einbrecherbanden das auch können. Wer mit seinem Wagen in die schöne neue Welt des automatisierten Fahrens braust, der kann sich nicht sicher sein, dass Hacker vor ihm in seinem Wagen sind und ihn zu erpressen versuchen, wenn er weiter nutzbar sein soll.

Das BKA hat in einer Analyse diese jetzt schon bestehenden Gefahren konsequent weiter gedacht und sieht nun auch die Gefahr, dass mit der "Industrie 4.0" auch ein kompletter Produktionsstillstand ermöglicht wird, das Erpressungspotenzial gerade in der Wirtschaft somit ständig wächst.

Amoklauf von München zeigt Gefahren

Wie sehr das Internet zum digitalen Schutzmantel für analoge Verbrechen geworden ist, hat der Amoklauf von München gezeigt. Die Tatwaffe kam aus dem verborgenen Darknet, wo auch Rauschgift und kriminelle Handlungen verkauft werden. So können auch Internet-Laien kriminelle Dienstleistungen kaufen, um andere Menschen auszunehmen. Die Polizei entdeckte sogar ein professionelles Geschäftsmodell, bei dem die Schadsoftware sogar kostenlos vertrieben wurde und die Bezahlung aus einer Beteiligung an den Einnahmen aus der Schutzgelderpressung bestand.

Das schamvolle Verschweigen, motiviert durch die Furcht, als Opfer für unsicher gehalten zu werden, ist die falsche Reaktion. Nur offenes Bemühen um immer besseren Schutz bringt die bedrohte Internet-Gemeinschaft weiter. Das zeigen die Kurven beim Pishing im Bankensektor. Zuerst der starke Anstieg von Schäden durch gestohlene Passwörter, dann die stark sinkenden Opferzahlen, als die Banken ein neues, sichereres Verfahren einbauten, daraufhin wieder deutliche Anstiege, nachdem sich die Internet-Ganoven darauf eingestellt hatten, nun wieder absinkende Vorfälle, weil zusätzliche Sicherungen eingebaut wurden.

Die Marktmacht der Verbraucher kann dafür sorgen, dass die Waren-Anbieter noch sensibler mit digitalen Schutzlücken umgehen, Updates noch schneller entwickeln und liefern, die Etats für die Cyber-Abwehr wachsen. Die Politik muss dafür sorgen, dass die Fahnder und Strafverfolger auf Augenhöhe der Digital-Verbrecher agieren – also sowohl in Technik als auch in  Umfang, Qualifizierung und Bezahlung der Experten investieren. Und schließlich sollte jeder, der Opfer wird, das auch anzeigen, damit das bisherige Dunkelfeld für die Polizei heller wird, sie ihre Strategie auf neue Phänomene besser abstellen kann. Und ganz besonders: Wachsamer werden. Die Kriminalität lauert nicht mehr nur nachts im Bahnhofsviertel. Sondern rund um die Uhr im Kühlschrank.

(may)
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