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Interview
Wie das Web uns manipulieren will

"Das gekaufte Web" von Michael Firnkes: Ist das Internet manipuliert?
Dass Inhalte im Web zunehmend manipluiert und verfälscht sind - darum geht es in Michael Firnkes Buch "Das gekaufte Web". FOTO: Michael Firnkes
Düsseldorf. Was wir online in Blogs, Foren und sozialen Netzwerken sehen und lesen, das wird zunehmend verfremdet. In seinem Buch "Das gekaufte Web" stellt Michael Firnkes genau das dar. Wie wir als Nutzer manipuliert werden, erklärt uns der Autor in einem Interview. Von Katharina Stanienda

Warum kann man sagen, dass das Web verfremdet oder manipuliert ist?

Michael Firnkes Aus wirtschaftlichen oder politischen Gründen verschleiern immer mehr Webseiten und Texte im Netz ihre wahren Absichten. Oder die tatsächliche Urheberschaft. Das reicht von Schleichwerbung bis hin zu gefälschten Onlinevideos aus Krisengebieten. Leser, die keine Onlineexperten sind, können derartige Fälschungen in den seltensten Fällen erkennen. Neben all den wichtigen und sinnvollen Inhalten, die das Web bietet, entsteht so nach und nach ein Grau- oder Schwarzbereich. Und der färbt leider auf das komplette Onlineangebot ab.

Die Anzahl solcher Inhalte nimmt zu, wenn man unterschiedliche thematische Bereiche analysiert. Der Grund hierfür: Die Anzahl der Protagonisten steigt, die eine gesellschaftliche oder politische Meinung durchsetzen wollen - nicht immer mit legalen Mitteln. In einem Medium ohne Zugangsbarrieren können sie dies besonders leicht. Zudem hoffen viele Menschen, im Internet das "schnelle Geld" machen zu können.

Mit der Zeit werden die Nutzer skeptischer. Einige vermuten selbst hinter wahren Meldungen Lug und Trug, andere wiederum empfehlen manipulierte Inhalte weiter, ohne es selbst zu wissen. Das ist schade, denn es macht die Kultur des Miteinanders zunichte, das dem freien Medium Internet eigentlich zugrunde liegen sollte.

Wo genau ist das zum Beispiel der Fall?

Michael Firnkes Am deutlichsten wird all dies im Falle von Werbung, die nicht als solche gekennzeichnet ist. Dann gibt ein Text vor, aus neutralen Gründen ein Produkt zu empfehlen, während technisch geschulte Augen erkennen, wer der wirkliche Urheber ist. Oder dass für die Empfehlung eine Provision fließt. Das Internet ist leider voll von solchen Beispielen, teils sind sie gar in großen und seriösen Onlineangeboten versteckt.

Es gibt andere Beispiele, bei denen im großen Stil Produktbewertungen, Wikipedia-Inhalte, Forenbeiträge oder Texte in den Kommentarspalten der Onlinezeitungen gefälscht werden. Die Auftraggeber stammen aus der freien Wirtschaft, zunehmend sind sie aber auch im politischen Umfeld zu finden. Dann wird "das gekaufte Web" meines Erachtens richtig gefährlich. Im Buch nenne ich einige Fälle, die aufgedeckt wurden. Aber auch die Medien nehmen sich erfreulicherweise der Thematik an und berichten entsprechend.

Autor und Blogger Michael Firnkes schrieb mehrere Bücher zum Thema Online-Marketing. In seinem aktuellen Buch "Das gekaufte Web" geht es darum, wie Nutzer im Internet manipuliert werden. FOTO: Michael Firnkes

Ist alles im Web gelogen?

Michael Firnkes Nein, natürlich nicht. In vielen Umfeldern überwiegen die neutralen, seriösen Texte. Ich kenne jedoch Themen, bei denen die gefälschten Inhalte mittlerweile dominieren, sofern man beispielsweise in einer Suchmaschine nach ihnen recherchiert. Das ist vor allem dann der Fall, wenn sich mit einem solchen Thema Geld verdienen lässt, wenn das bisherige Marketing an seine Grenzen stößt, oder wenn politische Lager um Deutungshoheit kämpfen. Ich fürchte, dass sich das Gleichgewicht noch stärker in Richtung der künstlichen Inhalte verschieben wird. Bald schon werden Roboter das Texten übernehmen. Dann wird die Fälschung nicht nur billiger, sondern auch schwerer zu enttarnen, weil die Anzahl der eingeweihten Personen sinkt. Aktuelle Fälle von gefälschten Foreninhalten kommen beispielsweise nur ans Tageslicht, weil die Texter irgendwann ihr Schweigen brechen. Eine Maschine ist da leichter zu handhaben.

Wie sollen Nutzer ihrer Meinung nach mit dem Web umgehen?

Michael Firnkes Nicht anders wie bislang. Sie sollten sich ihren Spaß nicht nehmen lassen. Es schadet jedoch nicht, sich Kenntnisse darüber anzueignen, wie und womit im Internet Geld verdient wird. Und wie sich Fälschungen von neutralen Texten unterscheiden lassen. Die meisten Nutzer wissen nicht, wie viel man mit einem Onlineportal oftmals erwirtschaften kann - durch mehr oder weniger kenntlich gemachte Werbung. Oder dass sich zahlreiche Onlineautoren kaufen lassen. Eine gesunde Skepsis und mehr Online-Medienkompetenz, das wäre ein erster wichtiger Schritt weg vom "gekauften Web". Um diese zu vermitteln, habe ich das Buch geschrieben.

Im Buch heißt es, dass wir uns gerade an einem Punkt befinden, an dem wir uns entscheiden müssen: Zwischen einem freien oder einem kommerzialisierten Web. Warum befinden wir uns gerade jetzt am Scheideweg?

Michael Firnkes Weil neue Technologien das, was ich das gekaufte Web nenne, deutlich effizienter machen. In wenigen Jahren werden einige inhaltliche Gebiete von gefälschten Texten geradezu geflutet. Bislang können Google & Co. diese Inhalte teilweise herausfiltern - was auch geschieht. Doch die "Fälscher" werden immer geschickter. Wenn wir nichts unternehmen, gewinnen sie die Oberhand. Zudem beobachte ich, dass beispielsweise Schleichwerbung von den Publizisten zunehmend enttabuisiert wird. Was vor wenigen Jahren als unmöglich galt, das probiert man heute gerne aus. Soweit darf es meines Erachtens nicht kommen, wenn wir weiterhin Inhalte lesen wollen, die das Prädikat "neutral" tatsächlich verdienen.

Ist es für diese Entscheidung nicht schon zu spät?

Michael Firnkes Nein, absolut nicht. Wenn es mehr mündige Leser gibt, die kritisch beim Onlineanbieter, der Onlinezeitung oder dem Blogger ihrer Wahl nachhaken, wenn diese eine Grenze überschreiten, dann besinnen sich die Publizisten sehr schnell auf ihre alten Werte. Bislang fehlen genau diese kritischen Stimmen. Auch die aufgedeckten Skandale, bei denen Onlineinhalte systematisch gefälscht wurden, trafen bislang auf nur mäßiges Interesse beim Großteil der Onlinenutzer. Das muss sich ändern.

Wie kommen wir aus der Misere raus?

Michael Firnkes Ich bin überzeugt davon, dass das Thema in einigen Jahren ebenso aufmerksam verfolgt wird, wie die aktuellen Debatten rund um Onlinespionage, Datenschutz und Co. Wie bereits erwähnt: Mit der richtigen Onlinekompetenz - die es im Bezug auf das gekaufte Web bislang kaum gibt - erledigen sich viele Probleme von selbst. Diese müsste vielleicht sogar in der Schule gelehrt werden. Denn gerade jüngere Zielgruppen gehen oftmals erstaunlich entspannt damit um, wenn ihre YouTube-Stars der Schleichwerbung überführt werden. Sie scheinen sich nicht darüber im Klaren zu sein, wie gefälschte Inhalte das Netz und die öffentliche Meinung korrumpieren, zum Wohl einiger weniger, und zum Schaden sehr vieler.

Weitere Informationen vom Autor gibt es in seinem Blog. Informationen zum Buch gibt es auf der Webseite des Verlags Telepolis.

 
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