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Eine Ehrenrettung
Das Netz kann auch ganz anders

Fotos der eineiigen Zwillinge, die sich über Facebook fanden
Fotos der eineiigen Zwillinge, die sich über Facebook fanden FOTO: Ryan Miyamoto, Small Package Films
Düsseldorf. Ohne Soziale Medien hätten zwei junge Frauen nie erfahren, dass sie einen eineiigen Zwilling haben, aufgewachsen am anderen Ende der Welt. Nur ein Beispiel von vielen für das Potential des Webs. Eine Ehrenrettung in schweren Zeiten. Von Tobias Jochheim

Noch vor zwei Jahrzehnten hätten sie keine Chance gehabt, einander je kennenzulernen: Sofort nach ihrer Geburt waren die eineiigen Zwillinge Anaïs und Samantha getrennt zur Adoption freigegeben worden, sodass die eine in Frankreich aufwuchs und die andere in den USA, eine halbe Welt voneinander entfernt. Dass sie sich trotzdem gefunden haben, ohne zuvor von der Existenz der anderen geahnt zu haben, verdanken sie den Segnungen des world wide web. Das einen miserablen Ruf hat. "The internet is really, really great – …. for Porn!" heißt es etwa in einem nur halbironischen Loblied aus einer "Sesamstraße"-Satire. Ach, wenn es nur das wäre.

Mehr denn je erweisen sich insbesondere die Sozialen Medien als perfekte Bühne für schiefgelaufene, wenn nicht komplett pervertierte Kommunikation: Der IS wirbt virtuell gezielt um Nachwuchs, Hysteriker und Verschwörungstheoretiker werfen einander in Kommentaren unter jedem zweiten Nachrichtenartikel öffentlich politischen Extremismus, Rassismus und Sexismus vor, wenn sie sich nicht gleich gegenseitig wünschen, Opfer der nächsten Bombe oder Vergewaltigung zu werden. Auch Wohlmeinende übertreiben es dabei, bilden ihrerseits Mobs und zerstören im Wahn der eigenen Tugendhaftigkeit ganze Karrieren wegen eines einzigen, scheinbar rassistischen, in Wirklichkeit missverstandenen sarkastischen Tweets.

Schlimmer die Shitstorms nie stürmten.

"Hey, ein Freund von mir hat dich in einem YouTube-Video gesehen und bemerkt, dass wir uns SEHR ÄHNLICH sehen..." – Die Facebook-Nachricht, mit der alles begann. FOTO: privat

Zunehmend drängt sich der Eindruck auf: Differenzierung und Argumentation sind out. Umso größerer Beliebtheit erfreuen sich einfache Antworten auf komplexe Fragen: Kinderschänder gehören kastriert oder gleich exekutiert, die EU-Außengrenzen dichtgemacht. Und dieselben, die "Lügenpresse!" skandieren und von "Zensur" oder "Gleichschaltung" fabulieren, feiern nur allzu oft Männer wie Putin, Erdogan und die polnischen Nationalisten, die Oppositionelle wie kritische Journalisten mund- oder gleich ganz tot machen. Stumpf ist Trumpf, Populismus und Hetze überall, man möchte verzweifeln.

Doch es gibt sie, die andere Seite des Netzes – auch jenseits der privaten Kommunikation, die das Kontakthalten etwa in Fernbeziehungen erleichtert und es Omas ermöglicht, die ersten Gehversuche ihrer Enkel im Zweifel live mitzuverfolgen.

Wikipedia ist nur ein positives Projekt von vielen

Fragen an den Mann, der im Netz Nazis jagt

Prominentes Beispiel: Seit inzwischen 15 Jahren trägt die Wikipedia-Community freiwillig und selbstverwaltet das Wissen der Menschheit zusammen – allein zwölf Versionen mit je mehr als einer Million Artikeln sind so entstanden, von Englisch über Deutsch und Französisch bis hin zur philippinischen Sprache Wáray-Wáray. Andere Idealisten arbeiten an Alternativen zu Produkten der Datenkrake Google, an der "OpenStreetMap" etwa oder dem Firefox-Browser.

Noch bevor der stark übergewichtige Sean O'Brien aus Liverpool das Ausmaß der ätzenden Kommentare unter einem Video von ihm beim Tanzen gesehen hatte, organisierten sich hunderte Frauen unter dem Slogan #FindDancingMan via Twitter, um ihn zu finden und mit einer Party in L.A. zu seinen Ehren zu trösten; Popstar Moby gab den DJ; Medien aus aller Welt berichteten, Anti-Mobbing-Organisationen profitierten von Spenden.

Facebook-Seiten wie "Humans of New York" wecken Empathie für Schicksale fremder Menschen wie du und ich; neben warmen Worten erhalten diese dort teils auch Hilfe wie Job-Angebote. Für jede größere deutsche Stadt haben sich Gruppen gegründet ("Neu in..."), die neu Zugezogene miteinander und mit Alteingesessenen vernetzen, oft auch ein "Nett-Werk"; halb Schwarzes Brett, halb Trödelmarkt. Auch ehrenamtliche Hilfe aller Art wird der Einfachheit halber meist über Facebook koordiniert. Und für jedes denkbare Spezialgebiet gibt es Foren, in denen Hilfesuchende auch auf dumme Fragen erstaunlich häufig freundliche Antworten bekommen.

YouTube und Facebook führen Zwillinge zueinander

Als jüngstes kraftvolles Beispiel für das positive Potential des Netzes kann man die Dokumentation "Twinsters" verstehen, die Geschichte der digital ermöglichten Zusammenführung der Zwillingsschwestern, die dank Crowdfunding in die Welt kam wie so manche nette Idee.

Im Mittelpunkt steht Samantha "Sam" Futerman, Gelegenheitsschauspielerin ("21 and Over") und Kellnerin in Los Angeles. Am 19. November 1987 war sie in Korea geboren und von ihrer unverheirateten Mutter zur Adoption freigegeben worden; in den USA wuchs sie mit zwei Stiefbrüdern auf. Kaum drei Monate nach der Veröffentlichung eines Videos, in dem sie über die Fremdheit und Einsamkeit eines Adoptivkinds spricht...

...geschieht das statistisch nahezu Ausgeschlossene: Sie wird bei Facebook von einer Französin namens Anaïs angeschrieben, die glaubt, Sams offenbar eineiiger Zwilling zu sein – obwohl in allen Akten vermerkt ist, dass beide Einzelkinder sind. Ein Freund der Europäerin war sich sicher gewesen, sie in der Nebenrolle eines YouTube-Videos erkannt zu haben – tatsächlich hatte er Sam gesehen.

Schnell stellt sich heraus, dass die beiden nicht nur äußerlich fast identisch sind, sondern auch am selben Tag in derselben Klinik geboren worden waren. Die auf Datenschutz bedachte Anaïs hatte bereits zuvor online viel über die in diesem Punkt unbedarfte Sam herausgefunden, Kinderfotos bei Facebook inklusive. Einmal informiert, beginnt Sam, ganz "Digital Native", umgehend eine Art Videotagebuch.

Beispiellose, herzerwärmende Entdeckungsreise

Mitschnitte von Skype-Telefonaten und Rekonstruktionen von WhatsApp-Nachrichten über fast 9.000 Kilometer Entfernung machen das erste, rasante Drittel des per Kickstarter-Projekt finanzierten Films aus. Just als das Kichern und die Emoji-Dialoge der beiden bei aller Liebe anstrengend werden, folgt das erste echte Treffen in London (wo Samantha via "Airbnb" ein Apartment mietet, um ihren neugefundenen Zwilling nicht zu überfordern). Umringt von Familien und Freunden mit diversen Profi- wie Handykameras im Anschlag fühlen sich die beiden sichtlich unwohl. Dass ihr Gegenüber real ist, beweisen sich beide per Fingerstupsen, was einen weiteren Lachanfall aus-, nicht aber die im Raum liegende Spannung auflöst. "Ich fühle mich wie ein Zootier", beschwert sich Sam, und als Zuschauer fühlt man sich mit einigem Recht mitschuldig.

Umso schöner ist es zu sehen, wie die beiden jungen Frauen näherkommen, nachdem eine zuvor beauftragte Forscherin am Abend (wiederum per Skype) ihre spürbare besondere Verbindung per DNA-Abgleich auch hochoffiziell bestätigt. In der Folge lernen die beiden einander noch besser kennen, treffen die Stieffamilien der jeweils anderen und später auf der Suche nach ihren Wurzeln in Korea auch ihre koreanischen Pflegemütter der ersten Tage.

Auf dieser wohl beispiellosen, herzerweichenden Entdeckungsreise wirken die Zwillinge verliebter als jedes Pärchen dieses Planeten – auf die beste Art. "Ich darf mich von jetzt an nie mehr über irgendetwas beschweren", sagt Sam einmal ohne den leisesten Hauch von Ironie. "Denn ich habe von allen Mensch auf der ganzen Welt am meisten Glück gehabt." Die beispiellose Infrastruktur des www noch viel häufiger dermaßen konstruktiv zu nutzen, kann man als Herausforderung, Verantwortung, Bürde verstehen.

Oder als Chance.

"Twinsters" ist derzeit im Original mit deutschen Untertiteln bei Netflix zu sehen.

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