Wirtschaftskrise im Netz: Depression 2.0
VON DOROTHEE KRINGS - zuletzt aktualisiert: 27.05.2009 - 21:19Düsseldorf (RP). Negativschlagzeilen, zynische Kolumnen, Schulden-Ticker – die Wirtschaftskrise hat das Netz im Griff und zieht die Menschen vor den Computern mit hinab in einen Strudel aus Angst und Resignation.
Er trägt die Haare immer noch fett nach hinten gegelt und Krawatte zum weißen Hemd. Doch das Siegerlachen ist dem jungen Banker aus dem Gesicht gerutscht. Stattdessen starrt dem Betrachter aus dem Internet eine Miene entgegen, in der das freche Jungenlächeln einem schiefen Trotz gewichen ist. Er steht jetzt erst mal vor dem Nichts, doch wer einmal oben war, wird auch schon wieder dorthin finden. Oder? Da ist Furcht im Blick des jungen Finanzexperten. Schwer zu vergessen. Angst in Gesichtern prägt sich ein.
Einen Klick weiter die Kolumne eines Zeitgeist-Zynikers, der von Akademikerfreunden berichtet, denen die Kreativjobs abhanden kommen. Ihre Stuck-Parkett-Wohnungen geben sie jetzt auf und nehmen das Kind aus der Ganztags-Kita. Man hat jetzt Zeit. Und wird schon Selbstbestätigung finden – auch ohne Lohn.
Da surft der erschütterte Internetnutzer doch lieber zu nüchternen Nachrichten. Doch da erreichen ihn nur dramatische Zahlen vom Rekordschrumpfen der deutschen Wirtschaft, kuriose Kunde von Managern, die sich jetzt als Tierpfleger bewerben, Warnungen vor einem deutlichen Anstieg der Firmenpleiten, dazu ein Krisenticker. Kein Entkommen.
Wer in diesen Zeiten im Internet surft, strandet bald in irgendwelchen Schicksalgeschichten von Menschen, die plötzlich ins Nichts stürzen. Menschen, die einem selbst gefährlich ähnlich sind. So ist aus dem amüsanten Zeitvertrödel-Medium eine Krisenschleuder geworden, die Horrorszenarien aus allen Winkeln der Welt ins eigene Wohnzimmer katapultiert. Darum wird es da schon länger nicht mehr so richtig gemütlich. Das Internet verschont mit gar nichts. Link um Link führt es tiefer und tiefer in die Absturzgeschichten irgendwelcher Mittelschichtsmenschen. Depression 2.0.
Denn diese Geschichten entwickeln einen perversen Sog. Man liest sie mit Angstlust. Kann ja nicht schaden, sich schon mal abzuhärten für den Fall des eigenen Falls. Dann hat man immerhin schon mal davon gehört, dass es schnell gehen kann mit dem sozialen Abstieg. Und dass es alle treffen kann. So lehrt das Internet Demut vor dem Schicksal. Allerdings auch Angst vor der Zukunft.
"Die schlechten Nachrichten schüren ein allgemeines Gefühl von Unsicherheit", sagt Wirtschaftspsychologe Jürgen Smettan, "in einer solchen Stimmung scheuen die Menschen sich, langfristige Entscheidungen zu treffen, sei es die für einen Ratenkauf, für den Hausbau – oder für ein Kind". Das Internet habe aber nicht nur den Zugang zu Negativnachrichten vereinfacht, sondern auch mehr Menschen in die Lage versetzt, direkt am globalen Spekulieren teilzunehmen. So hat das Medium doppelte Krisenbeschleunigungswirkung, als Instrument der Spekulierer und als Botenstoff für die Kunde ihres destruktiven Tuns.
Und diese Botschaft ist dauerverfügbar. Im Informationszeitalter fließt der Nachrichtenstrom an jedem PC-Arbeitsplatz vorbei, verführt jederzeit zu ein bisschen Schwarzsehen. So wird eine Krise auf Dauer gestellt, erscheint nicht mehr als ein Tal, das es zu durchschreiten gilt, sondern als ein endloser Düsterdatentunnel aus dem jede Abfahrt in die nächste Trauergeschichte führt. Retten kann sich vor dem Katastrophenschmökern nur, wer die Augen schließt oder die Kabel kappt.
Optimismus gibt's grad nur für Ahnungslose. Doch Informationsabstinenz liegt deswegen noch lange nicht im Trend. 66 Prozent der erwachsenen Deutschen sind online, Tendenz steigend. Also bleibt allen nur, auch im Internet auf den Stimmungsumschwung zu warten.
"Irgendwann wird es auch wieder mehr Positivgeschichten geben", glaubt Smettan, "das Internet funktioniert letztlich wie ein Fischschwarm, es gibt also niemanden, der den Richtungswechsel vorgeben könnte, doch langsam wird sich das Mischungsverhältnis zwischen positiven und negativen Nachrichten wieder verschieben".
Bis dahin bleibt noch viel Zeit fürs Zittersurfen und Katastrophenklicken. Die erste Rezession des Internetzeitalters funktioniert.
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