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Kolumne "Total Digital"
Der Algorithmus, wo man mitmuss

Kolumne: Ulrike Langer berichtet von der US-Westküste
Kolumne: Ulrike Langer berichtet von der US-Westküste FOTO: dpa, Sebastian Widmann
Düsseldorf. Seit vielen Jahren kaufe ich die unterschiedlichsten Dinge bei Amazon. Vom Adapter für den Surfboard-Gepäckträger über Verbindungskabel fürs iPhone bis zu neonfarbenen Topfuntersetzern aus Silikon. Vor allem aber Bücher. Hunderte. Und ebenso lange, wie ich bei Amazon einkaufe, habe ich mich bereits über Amazons Empfehlungen, was ich sonst noch alles kaufen könnte, gefreut, amüsiert, gewundert und geärgert. Von Ulrike Langer

Längst sprichwörtlich ist der Algorithmus à la "Kunden, die Krimis von Michael Connelly kauften, sahen sich auch Krimis von John Lescroart an".

Dieses Vorschlagswesen ist so perfide und perfekt, dass der Fußboden neben meinem Bett voll ist mit Titeln, die ich mir irgendwann mal gekauft habe. Den Lektürestapel werde ich auch ganz bestimmt irgendwann abbauen. Natürlich nur, falls er nicht schneller wächst, als ich hinterherkomme.

Die Top-Seller aus 15 Jahren Amazon FOTO: Amazon

Amazon hat seinen Konzernsitz übrigens bei mir in Seattle, einer boomenden Technologie-Metropole, die die besten Software-Ingenieure aus aller Welt anzieht. Daher bleiben mir manche von Amazons Einfällen rätselhaft.

Glauben die wirklich, dass ich das Buch wieder zum Verkauf einstellen werde, das ich soeben erstanden habe? Oder dass ich so blöd bin, mich mit einem Amazon-Gutschein für zwei Dollar abspeisen zu lassen, wenn ich das neue Buch, das 20 Dollar gekostet hat, tatsächlich wieder verkaufen will?

Rheinberg: Einblick in das Innere von Amazon FOTO: Fischer, Armin

Geradezu unheimlich gut sind oft Vorschläge von Google. Wenn ich zum Beispiel nach Flügen suche, erscheinen nicht nur die günstigsten Verbindungen an sich, sondern offenbar auch noch gewichtet nach Fluglinien, auf die ich in der Vergangenheit am häufigsten geklickt habe.

Ich könnte mich natürlich ausloggen, meine Cookies löschen und weitere digitale Spuren verwischen. Doch wozu? Ich müsste dafür auf Komfort verzichten. Weil ich das nicht will, gehe ich mit Google ein Geschäft auf Gegenseitigkeit ein: Ich gebe dir meine Daten, du lieferst mir bessere Suchergebnisse.

Was alle 60 Sekunden im Internet passiert FOTO: afp, JOHN MACDOUGALL

Die erstaunlichsten Vorschläge macht manchmal allerdings das Online-Filmportal Netflix, das vor Kurzem mit einer noch relativ kleinen Bibliothek auch in Deutschland gestartet ist. Auf der viel größeren US-Plattform über Kategorien und Listen genau den passenden Film zur momentanen Stimmung zu finden, ist zwecklos.

Also muss wiederum die Software ans Werk. Einmal sah ich "Face/Off", nachdem mir Netflix präsentierte: "Filme, in denen Nicolas Cage völlig die Fassung verliert". Die Empfehlung war zwar ein Aprilscherz. Aber der Film war gut.

Die Autorin ist freie Korrespondentin an der US-Westküste und Digital-Expertin.
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Quelle: RP
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