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Analyse
Die große Lüge

Die große Lüge der Smiley-Fassade
Früher wurde man gefragt "Wie isset?", man antwortete "Muss", und das war nie gelogen. Heute ist die Standardfrage "Alles gut?", und wehe, man antwortet anders als mit "Ja". FOTO: Phil Ninh
Düsseldorf. Natürlich ist nicht immer alles perfekt, doch genau das täuschen wir vor. Die zarte Hoffnung aufs Glück ist einem Gruppenzwang gewichen. Das ist fatal. Denn das Aufrechterhalten der eigenen Smiley-Fassade kostet viel Kraft. Von Tobias Jochheim

Achtung, Achtung - es besteht ein ernstzunehmendes Risiko, dass das Lesen dieses Textes Sie nicht glücklich macht. Damit können Sie auf zweierlei Art umgehen: Entweder brechen Sie die Lektüre ab. Oder Sie trauen sich zu, einfach mal wieder auszuhalten, dass sich nicht immer alles nur auf der Positivskala der Gefühle bewegt, wie es die Einträge bei Facebook nahelegen, zwischen A wie atemberaubend und Z wie zauberschön.

Die Wahrheit aber ist: Wir wollen die Sorgen der anderen nicht hören. Schon das weist darauf hin, dass das verkrampfte Dauergrinsen mit echter Freude nichts zu tun hat, weil diese immer der Verbindung zu anderen entspringt. Das höchst ehrenwerte Streben nach dem guten Leben ist pervertiert, das persönliche Glück von einer vagen Traumvorstellung degradiert zum Bestandteil des Masterplans, der gefälligst zu erreichen ist.

Angesichts der Dramen unserer Zeit, der wieder aufflammenden Kriege zwischen Ost und West oder radikalem Islam und Rest, der Schuldenkrisen, Arbeitsmarktkrisen, Vertrauenskrisen, Krisen-Krisen ist die Flucht ins Private verständlich geworden. Der Soziologe Heinz Bude spricht vom Gefühl, dass "die Welt im Ganzen schliddrig geworden" sei. Da schwindelt es einen, das ist unangenehm, also zieht man sich zurück ins Schneckenhaus. So weit, so gut. Doch auch im Privaten gibt es natürlich Zweifel, Rückschläge, Niederlagen.

Infantiler Selbstbetrug

Eisern lächeln, winken, Daumen hoch zeigen ist aber trotzdem gefordert, um bloß niemanden "runterzuziehen". Dieses Aushalten der Dissonanz zwischen Schein und Sein, die Aufrechterhaltung der eigenen Smiley-Fassade, kostet Kraft und Konzentration. Den Partner oder die engsten Freunde darf man noch mit kleinen und großen Sorgen belästigen, aber spätestens im Netz wird nur gepostet, was neidisch macht.

Es darf nicht sein, was nicht glücklich macht. Als würde die Realität uns traumatisieren, wenn wir ihre weniger schönen Bestandteile thematisierten. Dabei ist doch das Gegenteil der Fall: Die Konfrontation befreit und nimmt dem zuvor Unausgesprochenen seine Macht wie der Lichtschalter einem dunklen Keller. Stattdessen herrscht infantiler Selbstbetrug nach dem Motto: Was ich nicht poste, existiert auch nicht. Auf diese Weise die Fremdwahrnehmung der eigenen Person steuern zu wollen, weil man eben kann, ist verständlich, schafft aber ein ungeheuer ungesundes Klima des Konkurrenzkampfs um das beste aller möglichen Leben. Doch der Neid auf das imaginäre Glück der anderen ist nur ein Symptom. Die Krankheit ist das Spiegelbild einer größeren gesellschaftlichen Entwicklung.

Die beispiellose Freiheit des Individuums in der heutigen westlichen Welt und der Wust an Wahlmöglichkeiten versprächen "dem Einzelnen Glück und sollen ihm das Gefühl geben, dass er immer und jederzeit bekommen kann, was er braucht", schreibt der Philosoph Tilo Wesche. Doch gerade diese komplette Verantwortung für das eigene Lebensglück überfordert die jungen Erwachsenen, die "Generation zu viel".

Das wiederum übersteigt die Fantasie der zeit ihres Lebens mangelgeplagten Älteren - und bereitet den Boden für eine fatale Pflicht zum Glücklichsein.

Am eigenen Unglück ist heute jeder selber schuld

Unglückliche Menschen hat es zu jeder Zeit und überall gegeben. Aber früher konnten sie wenigstens mit Fug und Recht behaupten, dass Dritte an ihrer Misere schuld sind: der König, der Fabrikbesitzer oder die autoritären Eltern. Das löste kein Problem, tröstete aber ungemein, zumal ohnehin niemand erwartet hatte, glücklich zu werden. Heute glaubt mancher, einen einklagbaren Anspruch auf das ganz Große zu haben. Dabei ist jeder Unglückliche nicht nur Opfer, sondern zu allem Überfluss auch noch Täter. Denn wer angeblich stets alles selbst in der Hand hat und sein Leben designen, tunen, aufrüsten kann, wie er will, ist auch selbst schuld an jeder Differenz zum Optimum. Die Marktideologie hat unsere Gefühlswelt erreicht: Spaß, Erfüllung, Glück sind gut, also müssen sie maximiert werden. Mehr davon muss her. Heute mehr als gestern. Morgen mehr als heute. Vorwärts immer, rückwärts nimmer - Glücksjäger wirken wie eine krude Kreuzung aus Erich Honecker, Klischee-Investmentbanker und Oliver Kahn ("Weiter, immer weiter!"). Auf dieser Jagd kann man sich nicht leisten, wählerisch zu sein. Deshalb gibt es überall die Schwemme der leeren warmen Worte, Smileys und Herzchen.

Die Glücksjäger vergleichen ihre Beute-Haufen in einem pubertär anmutenden Überbietungswettbewerb: Wer hat den Größten? Klar - derjenige, der am meisten Freunde hat, am weitesten reist, am härtesten feiert, am meisten konsumiert. Wie diese fehlgeleitete Anwendung des "höher, schneller, weiter" im Paradoxen endet, fasst der kluge Liedermacher Peter Licht zusammen: "Wer schneller entspannt, ist besser als jemand, der langsamer entspannt, der aber immer noch besser ist als jemand, der überhaupt nicht entspannt." Das "absolute Glück" – schon dieser Ausdruck! – gesteht Peter Licht nur dem letzten Menschen auf der Erde überhaupt zu. Weil der niemanden hat, dessen Konkurrenz im Glücks-Business er fürchten müsste.

In Interviews verweist Licht gern auf die Notwendigkeit von Traurigkeit und Melancholie, die als Gegenpole Glück, Freude und Erfüllung erst definierbar machten und ermöglichten. Nicht zufällig hätten im Umfeld absolutistischer Herrscher und Diktatoren stets Optimismus, Eifer und unerschütterlicher Glaube an den Endsieg geherrscht, gibt er zu bedenken.

Zweifeln und manchmal auch Verzweifeln ist aber die logische Folge des Nachdenkens. Genauso gilt der Umkehrschluss: Wer denkt, ist manchmal auch traurig. Glücklich werden wollen und sollen wir trotzdem. Der Theologe Anthony de Mello wusste, wie das geht: "Das Glück ist ein Schmetterling. Jag ihm nach, und er entwischt dir. Setz dich hin - und er lässt sich auf deine Schulter nieder." Wer sich jetzt abgespeist fühlt mit einer Plattitüde, für den kann man sich aufrichtig freuen. Weil er der Diktatur des Daumen-Hochs für einen Moment entflohen ist. Und sich über das nächste gelungene Textende nun umso mehr freuen kann.

Was für ein Glück.

Quelle: RP
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