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Viele haben es nicht verstanden: Die Twitter-Falle

VON PHILIPP STEMPEL - zuletzt aktualisiert: 26.05.2009 - 21:14

Düsseldorf (RPO). "Leute, ihr könnt in Ruhe Fußball gucken. Wahlgang hat geklappt." Zwei Bundestagsabgeordnete plapperten fröhlich das Wahlergebnis der Bundespräsidentenwahl über den Online-Dienst Twitter aus, bevor es offiziell werden konnte. Der Fall zeigt: Vielen ist nicht bewusst, welche Folgen mit einem Posting bei Twitter verbunden sein können.

Samstag, 14.15 Uhr: Der SPD-Abgeordnete Ulrich Kelber gibt den Sieg Horst Köhlers bei der Bundespräsidentenwahl bekannt: "Nachzählung bestätigt: 613 Stimmen. Köhler ist gewählt." Kelber sitzt als Abgeordneter in der Bundesversammlung.

Samstag, 14.18 Uhr Die CDU-Abgeordnete Julia Klöckner twittert ebenfalls. "Leute, ihr könnt in Ruhe Fußball gucken. Wahlgang hat geklappt", teilt sie mit. Klöckner berichtet quasi live aus der Zählkommission. Das genaue Ergebnis verheimlicht sie. Die Zahl von 613 Stimmen für Köhler machte im Plenum bereits gerüchteweise die Runde. Leidtragender ist Bundestagspräsident Norbert Lammert. Bevor er um 14.29 Uhr das Ergebnis in der Bundesversammlung verkünden kann, weiß das Internet schon Bescheid.

Info

Was ist Twitter?

Twitter ist ein Kurzmitteilungsdienst im Internet. Angemeldete Nutzer können Nachrichten von 140 Zeichen Länge verfassen. Die Mitteilungen sind sofort sichtbar. Durch die Folge ihrer lassen die Nutzer so etwas wie ein virtuelles Mini-Tagebuch entstehen.

Twitter ist auch ein soziales Netzwerk. Um Nutzer und ihre Nachrichten entstehen Bekanntschaftskreise. Twitter lässt sich sowohl vom Computer als auch über ein internetfähiges Handy bedienen.

In Medien und Bundesversammlung löste das eifrige Twittern (deutsch: Zwitschern) der Politiker wenig Freude aus. Viele sehen das Protokoll verletzt und die Würde einer demokratischen Institution beschädigt. Schließlich bezeichnete Klöckner den Bundespräsidenten in ihrer Twitterstunde auch schon mal jovial als "Bundes-Hotte." Die Folge: Inzwischen wird ein Verbot von Mobiltelefonen in Sitzungen von Zählkommissionen diskutiert, SPD-Politiker Sebastian Edathy nennt den Ablauf der Wahl stillos. 

Die Politiker Kelber und Klöckner – beide waren beteiligt bei der Wahl zum höchsten deutschen Staatsamt, beide erlagen dem süchtig machenden Mitteilungsdrang der schnellen schönen Zwitscherwelt, in der User mit 140 Zeichen die Frage beantworten "Was machst du gerade?"

Kelber verteidigt sein Verhalten später. Das Ergebnis sei zu diesem Zeitpunkt bereits ein offenes Geheimnis gewesen, sagt er im Deutschlandfunk. "1224 Delegierte und zig Journalisten dürfen also Ergebnis wissen, Öffentlichkeit nicht? Wo ist da Sinn und Moral?", argumentiert er bei Twitter. Anders die CDU-Abgeordnete Julia Klöckner. Sie entschuldigte sich für ihr Verhalten.

Beide Fälle zeigen: Die Folgen des Twitterns gehen weit über die einer Äußerung im Kreis von Eingeweihten hinaus. Die Annahme, dass Twitterer mit ihren spontanen Befindlichkeits-Botschaften nur ausgewählte Abonnenten bedienen, trügt. Wer twittert, macht sich öffentlich. Nicht nur, indem andere seine Botschaften weiterleiten. Jeder, der die Twitter-Startseite aufsucht, kann die Mitteilungen lesen und im Zweifelsfall durch eine gut funktionierende Suchfunktion verfolgen.

Nur wer sich selbst und bewusst abschirmt, kann sich vor zu viel Öffentlichkeit schützen. Dazu braucht es unter den Einstellungen im eigenen Nutzerprofil ein Häkchen unter dem Punkt "Protect my Updates". Nur dann sind Botschaften nur noch für diejenigen sichtbar, die zum registrierten Freundeskreis zählen. Alles, was man zuvor gepostet hat, bleibt allerdings ein öffentliches Gut und müsste eigens gelöscht werden.

Vielen Twitter-Nutzer verzichten jedoch darauf, ihren Feed vom großen breiten Twitter-Strom abzuklemmen. Viele wollen sich profilieren, Politiker oder Showstars versuchen Nähe zu ihren Anhängern herzustellen. Viele Nutzer sind jedoch schlichtweg arglos im Umgang mit einem Medium, das Öffentlichkeit schafft wie einen eigenes Blog oder einen eigene Homepage.

Die Beispiele für fatale Folgen von allzu sorglosen Plaudereien im Netz häufen sich. So kann die von den Sorglos-Nutzern an den Tag gelegte Offenheit auch zu weit gehen - zum Beispiel, wenn sie mit der Berufswelt kollidiert.

Das Weblog Resume Bear etwa hat erst kürzlich eine ganze Reihe von Beispielen gesammelt, in denen Twitterer sich selbst in Schwierigkeiten brachten, weil sie sich zu offenherzig über ihr Berufsleben mitteilten. Wer aber freimütig der ganzen Welt erzählt, wie dämlich er seinen Chef findet oder sein Unternehmen betrogen hat, darf sich nicht wundern wenn ihm die Kündigung ins Haus flattert. Und Chancen mit einem solchen im Netz verewigten Sozialprofil einen neuen Job zu bekommen, kann er sich auch nicht ausrechnen.

Der jüngste-Twitter-GAU ereignete sich einem Bericht der Schweizer Webseite 20min.ch zufolge in Guatemala. Ein zorniger Mann namens Jean Ramses Anleu Fernández forderte demnach per Twitter zu einem Boykott auf. „Hebt das Geld von der Banrural ab, um so die korrupte Bank in den Bankrott treiben“, hieß es im Netz. Wenig später wurde er von der Polizei abgeführt. Er wurde zu einer hohen Geldstrafe verurteilt. Sein Twitter-Account ist inzwischen gelöscht.


 
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