| 15.19 Uhr

Polizei musste sich den Weg freischneiden
"Dr. Kimble" verbarrikadierte sich bei Festnahme

Zu Besuch bei Dr. Kimble alias Kim Schmitz
Zu Besuch bei Dr. Kimble alias Kim Schmitz FOTO: dapd, Natalie Slade
Wellington. Bei seiner Festnahme hat der deutsche Internetunternehmer Kim Dotcom alias Kim Schmitz versucht mit Elektroniktricks seiner Festnahme in Neuseeland zu entgehen. Der Schlag gegen sein Internet-Portal megaupload-com löste weltweit Wirbel aus.

Am Wochenende schilderte die Polizei Einzelheiten ihrer Razzia auf Dotcoms Anwesen in Coatesville nördlich von Auckland. Dem 37-jährigen Gründer der aus dem Netz genommenen Datentausch-Plattform Megaupload werden in den USA unter anderem massive Urheberrechtsverletzungen vorgeworfen. Die US-Behörden betreiben seine Auslieferung. Mit ihm sind sechs Mitarbeiter beschuldigt, darunter drei weitere Deutsche. Die Megaupload-Macher sollen mehr 175 Millionen Dollar illegal verdient haben.

Die Polizei sei mit zwei Hubschraubern eingeflogen, berichtete Ermittler Grant Wormald. Dotcom habe sich ins Haus zurückgezogen und alle Türen elektronisch verschlossen. "Während die Polizei diese Schlösser neutralisierte, verbarrikadierte er sich in einem speziellen Raum in dem Haus und Beamte mussten sich den Weg dorthin freischneiden", sagte Wormald. "In dem Raum angekommen fanden sie Dotcom in der Nähe einer Waffe, die wie ein verkürztes Gewehr aussah."

Bei der Razzia waren mehrere Luxuslimousinen, darunter ein Rolls Royce Phantom und ein Cadillac aus dem Jahr 1959, Gemälde und Kontounterlagen sichergestellt worden.

Die Schließung von Megaupload und Schmitz' Festnahme sorgten weltweit für Aufruhr. In Hongkong durchsuchten Zollbeamte am späten Freitag zahlreiche Büros verdächtiger Internetanbieter, während Hacker die Internetseite der französischen Präsidentschaft angriffen. In den USA wurde ein Mitbegründer einer illegalen Tauschbörse für Filme verurteilt.

Rund hundert Zöllner drangen in der chinesischen Metropole Hongkong in Büroräume, Privatwohnungen und Hotelzimmer ein und beschlagnahmten umgerechnet gut 32,5 Millionen Euro, wie die Behörden mitteilten. In Luxushotels seien zudem riesige und äußerst leistungsfähige Computer sowie Flachbildschirme gefunden worden. Es werde vermutet, dass die Anlagen mit dem Wirken von Megaupload in den USA in Verbindung stünden, hieß es.

Die US-Behörden hatten am Donnerstag im Zusammenhang mit Megaupload den deutschen Internetunternehmer Schmitz sowie zwei weitere Deutsche sowie einen Niederländer in Neuseeland verhaften lassen und das Portal geschlossen. Drei weitere Verdächtige, darunter ein weiterer Deutscher, sind flüchtig. Die sieben Angeklagten sollen im Netz Plattformen für Raubkopien betrieben haben, wodurch nach US-Angaben ein Schaden von mehr als einer halben Milliarde Dollar entstand.

Nach Angaben des US-Justizministeriums verurteilte ein Gericht bei Washington am Freitag einen 24-jährigen Internetunternehmer wegen des Betriebs einer illegalen Onlinetauschbörse für Filme zu 14 Monaten Haft und einer Geldstrafe von mehr als 172.000 Dollar (rund 133.000 Euro). Matthew Smith solle nach seiner Entlassung zudem zwei Jahre lang weiter überwacht werden, hieß es. Der Mitgründer der Plattform NinjaVideo hatte sich im September schuldig bekannt.

Als Reaktion auf die Ermittlungen der US-Fahnder wurde die Hackergruppe Anonymous aktiv; am späten Freitag griff sie die Internetseite des französischen Präsidialamts an. Im Portal des Elysée-Palastes waren vorübergehend Sprüche zu lesen, etwa der Slogan "We Are Legion" ("Wir sind eine Heerschar"). In den USA hatte Anonymous bereits die Internetseiten des Justizministeriums sowie von Musikkonzernen und -verbänden lahmgelegt.

Der US-Senat verschob eine für Dienstag geplante Abstimmung über umstrittene neue Internetgesetze auf unbestimmte Zeit. Aus Protest gegen diese Pläne hatte unter anderem das Onlinelexikon Wikipedia seine Seite vorübergehend abgeschaltet. In der Kritik stehen zwei Gesetzesvorhaben, die sich der Bekämpfung der Internetpiraterie widmen und vor allem von der Film- und Musikindustrie unterstützt werden.

Der Vorsitzende des Unterausschusses Neue Medien im Bundestag, Sebastian Blumenthal (FDP), sagte im Deutschlandradio Kultur, die Gesetzentwürfe zielten auf Internetsperren in Form von DNS-Filtern ab. Dies sei aber "gerade kein taugliches Mittel, um gegen illegale Inhalte vorzugehen", weil auch legale Plattformen gesperrt werden könnten.

Alec Ross, ein Berater von US-Außenministerin Hillary Clinton, warnte im Magazin "Focus", der Kampf gegen Onlinepiraten dürfe nicht zur "Zensurmaßnahme" werden. "Wir werden kein Gesetz unterstützen, das ein innovatives Internet untergräbt und die freie Meinungsäußerung einschränkt", sagte er laut einem Vorabbericht vom Samstag.

(dpa)
 
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