| 11.16 Uhr

Interview mit dem Ökonom Justus Haucap
"Facebook ist viel gefährlicher als Google"

Düsseldorf: Ökonom Justus Haucap über Google, Facebook und das Ende der Netzneutralität
Der Ökonom Justus Haucap war im Düsseldorfer Industrie-Club zu Gast. Thema seines Vortrags: "Google ist super - Wie die Digitalisierung unser Leben verändert". FOTO: bauer
Exklusiv | Düsseldorf. Für den früheren Chef der Monopolkommission kann die Netzneutralität zugunsten von Telekom und Co. ruhig aufgeweicht werden. Gefahren sieht Justus Haucap allerdings für Start-ups. Von Maximilian Plück und Florian Rinke

Der Auftritt von Justus Haucap, Ex-Chef der Monopolkommission, kam zum richtigen Zeitpunkt: Kurz nachdem der Leiter des Instituts für Wettbewerbsökonomie an der Heinrich-Heine-Universität im Industrie-Club über Monopole im Internet gesprochen hatte, wurde bekannt, dass nach der EU-Kommission auch russische Wettbewerbshüter gegen Google ermitteln. Erneut geht es um den Vorwurf, Google missbrauche seine Marktmacht.

Herr Professor, ist Google zu mächtig?

Haucap Die Anreize zu verzerren, sind auf jeden Fall vorhanden, Google hat eine marktbeherrschende Stellung. Es muss daher Regeln geben, die auf EU-Ebene durchgesetzt werden. Eine Entflechtung, wie sie manche Politiker gefordert haben, ginge aber zu weit. Sie wäre auch verbraucherfeindlich.

Wieso?

Haucap Nehmen wir als Beispiel die Suchmaschine: Dürfte Google eigene Dienste nicht mehr prominent einbauen, könnte es beispielsweise keine Karte mehr anzeigen, wenn man eine Adresse eintippt, sondern nur noch den Link zu Google Maps und anderen Anbietern.

In Deutschland scheint kaum jemand Probleme mit der Praxis zu haben – mehr als 90 Prozent der Deutschen suchen über Google.

Haucap Der Vorschlag der EU-Kommission, dass Links zu Google-Webseiten wie Maps farblich gekennzeichnet werden müssen, ist daher sehr gut. Das sorgt für Transparenz. Verbraucher könnten frei entscheiden, welchen Dienst sie nutzen.

Halten Sie Monopole im Internet generell für gefährlich? Paypal-Gründer Peter Thiel argumentiert beispielsweise, dass Fortschritt immer durch Monopole entstünde, die durch bessere abgelöst werden.

Haucap Das ist naiv. Monopole und marktbeherrschende Stellungen bieten immer Anreize, sie zu missbrauchen. Die Besonderheit am Internet ist, dass es Netzwerkeffekte gibt: Für Menschen lohnt es, dorthin zu gehen, wo die anderen sind. Das sieht man extrem bei Sozialen Netzwerken wie Facebook.

Sind vermeintliche Monopole im Internet immer nur temporär?

Haucap Bei vielen Monopolen ist das so. Wer kennt heute noch MySpace oder StudiVZ? Selbst Facebook verliert bei jungen Leuten schon an Attraktivität.

Ist Facebook also das nächste Monopol, das abgelöst wird?

Haucap Ich glaube nicht. Ich halte die Position von Facebook sogar für viel gefährlicher als die von Google. Wer Google nicht benutzen möchte, kann problemlos andere Suchmaschinen verwenden. Facebook kann man hingegen nur ohne Verluste verlassen, wenn es die Freunde auch tun. Auch die Datenschutzproblematik ist hier wesentlich größer.

Hat die Politik verschlafen, einheitliche Regeln für das Netz aufzustellen?

Haucap (lacht) Die Politik pennt ja immer. In vielen Bereichen ist es so, dass man korrigierend hinterherläuft – das ist unvermeidbar. Die Politik kann nicht im Voraus für mögliche zukünftige Erfindungen Regeln schaffen. Man sollte im Gegenteil häufiger alte, statische Regeln abschaffen. Nehmen wir Uber…

… der umstrittene Anbieter will Taxifahrern durch die Vermittlung privater Fahrer Konkurrenz machen, ist hier bislang aber verboten.

Haucap Die Frage ist: Kann man nicht Regeln schaffen, dass solche Dienste rechtskonform in Deutschland betrieben werden können?

Verdi wirft Uber vor, das Geschäftsmodell bestehe aus Lohndumping.

Haucap Es ist ja nicht so, dass es im Taxi-Gewerbe früher nur sozialversicherungspflichtige Jobs gab. Dort blüht seit jeher die Schwarzarbeit, weil es viele Fahrer und wenige Konzessionen gibt. Dass Uber jetzt in den Markt kommt, verschlechtert nicht die Situation der Taxifahrer – im Gegenteil, sie erhalten mehr Optionen.

Entsteht durch Dienste wie Uber nicht vielmehr ein neues Prekariat, wenn Arbeitsplätze für Niedrigqualifizierte verschwinden?

Haucap Es könnten auch neue Jobs entstehen. Ich glaube nicht, dass sich alle Jobs bald flächendeckend ablösen lassen durch eine Schar von Tagelöhnern, die wie früher am Hafen auf Zuruf Bananenkisten auspacken. Die Mitarbeiterbindung hat Vorteile, weil die Unternehmer verlässliche Leute haben, auf die sie immer wieder zugreifen können.

Es wird auch immer wieder über die Netzneutralität diskutiert: Netzanbieter würden gerne Dienste gegen Gebühr bevorzugt weiterleiten, weil sie nur so die Kosten für den Netzausbau verdienen könnten. Würde das nicht den Wettbewerb behindern?

Haucap Letztlich ist die Idee, dass man eine Produkt- und Preisdifferenzierung vornimmt – wie im Luftverkehr, dort gibt es ja auch eine erste und eine zweite Klasse. Ich finde das nachvollziehbar.

Ist es nicht innovationsfeindlich, weil eine möglicherweise bessere Technologie nicht mehr unter gleichen Bedingungen mit anderen konkurrieren könnte, die durch die Finanzkraft ihrer Eigentümers schneller durch das Netz geleitet werden?

Haucap Das glaube ich nicht. Es gibt in Deutschland ausreichend Konkurrenz zwischen Netzanbietern. Wenn einer diesen schlechteren Dienst anbietet, weil er dafür Geld bekommt, wäre das ja ein gefundenes Fressen für den Wettbewerber. Wenn Wettbewerb und Transparenz erhalten bleiben, sollte der Markt die Probleme weitestgehend regeln.

Für Startups mit begrenzter Kapitaldecke würde es jedoch deutlich schwerer, weil sie sich keine Premium-Durchleitung leisten könnten.

Haucap Möglicherweise.

Anderes Thema: Sind die Bedenken des Kartellamts bei der geplanten Tengelmann-Kaiser's-Übernahme nachvollziehbar?

Haucap Nein. In einzelnen Städten könnte es zwar eine Konzentration geben, das gilt aber nicht flächendeckend. Tengelmann macht seit Jahren Verluste. Eine Übernahme durch Edeka wäre für die künstlich am Leben gehaltenen Filialen also eine große Chance.

Heißt das, Befürchtungen für eine insgesamt zu starke Konzentration auf dem Lebensmittelmarkt sind unbegründet?

Haucap In Deutschland haben wir durch die Stellung der Discounter eine Sondersituation. Aldi und Lidl machen sich massiven Wettbewerb und setzen aggressiv Preise.

Zum Nachteil der Produzenten.

Haucap Natürlich klagen die Bauern laut. Das tun aber auch die großen Produzenten – etwa wenn Lidl Coca Cola aus dem Regal wirft. So sind harte Verhandlungen. Wenn es die nicht gäbe, würde mich das viel mehr beunruhigen. Denn dann würde der Verbraucher die Zeche zahlen. So lange die Hersteller sich beklagen, funktioniert der Wettbewerb. Ich habe wenig Sorgen, dass Konzerne wie Kraft oder Nestlé von Edeka ausgebeutet werden.

Und regionale Milchbauern?

Haucap Diese Diskussion verläuft sehr einseitig. Milch kann man nicht nur an Supermärkte verkaufen, sondern auch an die lebensmittelverarbeitende Industrie.

Wenn wir über Wettbewerb sprechen, sind wir schnell auch beim Thema Bahnstreik. Da liefern sich die Gewerkschaften GDL und EVG derzeit einen Wettbewerb zum Nachteil des Konzerns und der Kunden.

Haucap Ich vermute, dass sich solche Probleme in einigen Jahren von selbst erledigt haben, weil es die Lokführer dann nicht mehr gibt. In Nürnberg gibt bereits selbstfahrende U-Bahnen, genauso am Flughafen. Warum sollte das nicht bald überall möglich sein?

Erleben wir also die letzten Zuckungen eines aussterbenden Berufs?

Haucap So ist es. Das aggressive Auftreten von Herrn Weselsky hat aber einen weiteren Grund. Angesichts des geplanten Gesetzes zur Tarifeinheit geht es für seine Gewerkschaft ja ums Überleben.

Wie beurteilen Sie das Gesetzesvorhaben, wonach faktisch nur noch die größte Gewerkschaft im Betrieb Tarifverträge abschließen kann?

Haucap Der Wettbewerb zwischen Gewerkschaften ist aus ökonomischer Sicht ein Problem. Aber der Gesetzgeber kann nicht den Menschen das im Grundgesetz zugesicherte Recht wegnehmen, eine Gewerkschaft zu bilden. Besser wäre es, man legt klare Regeln für den Arbeitskampf fest. Die Verhältnismäßigkeit von Streiks sollte daran ausgerichtet werden, wie stark unbeteiligte Dritte, etwa Bahnkunden, betroffen sind. Wer besonders mächtig ist, muss Einschränkungen akzeptieren.

Das Gespräch führten Maximilian Plück und Florian Rinke.

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