Aleksandr Orlov mischt England auf: Ein Erdmännchen als Bestseller-Autor
VON ALEXEI MAKARTSEV - zuletzt aktualisiert: 22.12.2010 - 08:05London (RPO). Aleksandr Orlov hat fast 800.000 Fans bei Facebook, über 40.000 Follower bei Twitter und seine Biografie hat sich bereits über 100.000 Mal verkauft. Ein phänomenales Ergebnis für einen Autor, der gar nicht existiert. Und der eigentlich auch nur ein Erdmännchen ist, aus dem Computer. Aber eben dieser Herr Orlov hat in Großbritannien einen riesigen Hype ausgelöst.
"Simples!" quietscht Aleksandr Orlov im Lesesessel vor einem brennenden Kamin. Doch so „einfach“ ist das nicht. Während der russische Aristokrat in einem Werbespot im gebrochenen Englisch das Publikum auf eine Versicherungsfirma aufmerksam macht, zerbrechen sich die Verlagschefs und Marketinggurus in London den Kopf über den Riesenerfolg einer Autobiografie, die mit tierischem Ernst die Bestsellerlisten des Königreichs hochklettert.
Nein, der adelige Multimilliardär aus Meerkovo bei Moskau mag keine Scherze, wenn es um seine Familie geht, die im Mangustenkrieg von 1728 heldenhaft gekämpft hat, um 1921 tapfer dem „Haarigen Terror“ in Russland zu trotzen. Außer man bittet den Exzentriker Orlov darum, seine Stammeshymne zu singen.
„Unsere Klauen sind stark und scharf und zugleich feinfühlig“, schießt der unmusikalische Blaublüter wie aus dem Maschinengewehr zu orchestralen Klängen in einem Videoclip. Dann holt er Luft und kichert: „Bei Pavarotti sah das so mühelos aus“. Simples, Mr. Orlov: Pavarotti war schließlich kein Erdmännchen.
Große Beliebtheit in sozialen Netzwerken
768.436 Fans bei Facebook, 42.815 Follower bei Twitter und 105.000 verkaufte Bücher im November: Ein phänomenales Ergebnis für einen Autor, der gar nicht existiert. Denn Orlov ist nur eine computergenerierte Gestalt, die seit 2009 im Fernsehen all die Trottel tadelt, die auf die Preisvergleichsseite www.comparethemarket.com gehen wollen, aber auf Orlovs Seite www.comparethemeerkat.com landen. „Meerkat“ ist ein Erdmännchen, folglich bietet fiktive Russe den Besuchern einen sinnlosen „Nagetier-Vergleich“ an – und einen Link zur anderen Seite. Der geniale Einfall der Werbefirma VCCP hat die Gewinne seines Kunden comparethemarket.com in einem Jahr verdoppelt.
Und auch Orlovs Schöpfer können zufrieden sein: Die Biografie des Aristokraten mit dem Titel "A Simples Life" (etwa: Einfaches Leben) eroberte Platz Zwei in den Amazon-Charts. Zwar führt Jamie Oliver mit seinen "30-Minuten-Rezepten" bislang das Rennen um die Spitzenposition in der lukrativen Weihnachtszeit an.
Doch die Analysten erwarten, dass das Erdmännchen den Starkoch am Ziel abhängen wird. Ganz schön ärgerlich für Oliver und andere Prominenten wie Stephen Fry und Keith Richards, die mit eigenen Buchprojekten um die Gunst des Publikums buhlen. Was ist das Geheimnis des Phänomens Orlov? Darüber scheiden sich die Geister.
Man möchte ihn als Kumpel haben
Er ist extravagant, sein Akzent ist so dick wie beim Schein-Kasachen Borat, seine bewegte Vergangenheit ist so spannend wie die von Dr. Schiwago und sein Lebensstil bedient jedes Klischee von superreichen Russen, mit einer Ausnahme: Das charmante Erdmännchen wirkt so umgänglich, dass man es als Kumpel haben möchte.
So beliebt ist der Ausruf „Simples!“ bei den Briten, dass er sogar im neuen Collins-Wörterbuch steht. „Erst war Shakespeare, dann kam Dostojewski, und nun Orlov“, wird das tierische Literaturdebüt im Königreich angepriesen. Und so stellt der Autor sich selbst vor (Stil beibehalten): „Ich lebe und mache Arbeit in Moskau... Ich bin Hoffnung, dass dieses Buch zeigt, was Mut und gute Fellpflege bringen. Ich auch hoffe, mit Honorar neues Marmordach für mein Landhaus zu bauen“.
Die Zeitung kritisiert, die Bevölkerung kauft
Orlovs Biografie fängt mit dem Marsch der Erdmännchen in der Kalahari-Wüste an, sie schildert die Liebesgeschichte des ersten „Meerkat“-Vergleichers Anton mit der schönen Tochter des Moskauer Bürgermeisters, Valeria, und sie weiht die Fans in die tägliche Trainingsroutine von Alexandr ein: „21 Bahnen in Olympisches Schwimmbecken in mein Badezimmer und keine Bahn mehr, sonst ich kriege Krampf im Schwanz“.
Der „Guardian“ nannte kürzlich den Bestseller „extrem zynisch und dünn“. Den Briten gefällt er aber. „Der Wettbewerb ist so hart wie Putins Bizeps, aber ihr habt guten Geschmack im Lesematerial“, lobte Orlov seine Fans. Jetzt will das glückliche Tierchen im Geld-Rausch angeblich sogar einen marmornen Hubschrauber-Landeplatz vor seinem Haus bauen.
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