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ESC ohne Xavier Naidoo
Wenn das Netz die Kontrolle übernimmt

ESC ohne Xavier Naidoo: Die Macht von Twitter und Co.
FOTO: dpa, ua fdt sab
Düsseldorf. Erst wurde Xavier Naidoo als absoluter Wunschkandidat für den Eurovision Song Contest präsentiert. Dann wurde er in einer Pressemitteilung von den ARD-Verantwortlichen wieder abserviert. Das alles ging ziemlich schnell – auch weil die Verantwortlichen die Macht des Internets unterschätzt haben. Von Vassili Golod

Thomas Schreiber ist Unterhaltungskoordinator bei der ARD. Und er hatte eine tolle Idee: Wieso immer einen Star für den ESC mit den Zuschauern suchen, wenn wir auch einen Star bestimmen können. Dieser Star sollte Xavier Naidoo sein. Ein "Ausnahmekünstler", wie Schreiber ihn nannte. Der ARD-Mann hat sich zum Ziel gesetzt die Null-Punkte-Schmach aus dem Vorjahr zu verhindern. Doch seine tolle Idee ging nach hinten los und die null Punkte kamen früher als gedacht.

Thomas Schreiber hat bei seiner Entscheidung nämlich das Internet vergessen. Die Kritik nach dem Bekanntwerden der Nominierung war groß. Der Hashtag #XavierNaidoo schaffte es in kürzester Zeit in die Trending Topics bei Twitter. Ein Shitstorm brach aus.

Verschwörung gegen Xavier Naidoo?

Homophobie, eine rechte Gesinnung und die Verbreitung von Verschwörungstheorien wurde Naidoo in tausenden von Tweets vorgeworfen. Tatsächlich sind viele Äußerungen des Künstlers sehr umstritten. Fakt ist aber auch: Viele Kritiker haben sich nicht wirklich mit den Aussagen des Künstlers auseinandergesetzt. Andere reißen verschiedene Zitate aus ihrem Kontext. Hat sich das Internet gegen Xavier Naidoo verschworen?

"Ja!", schreien jetzt sicher die Verschwörungstheoretiker, die Naidoo mit vielen seiner Äußerungen bediente. "Mainstream-Medien" und Netzgemeinde hätten sich zusammengeschlossen, um den Mann zu verhindern, der die Wahrheit sagt. So einfach ist das aber nicht. Die Kritik im Netz war groß. Sie war in Teilen berechtigt und in Teilen überspitzt. Das ist so üblich in einer Netzdebatte. 

ARD – "Wir sind uneins"

Anfangs hat Thomas Schreiber noch versucht seinen Künstler zu verteidigen. "Xavier Naidoo ist weder rechtspopulistisch noch homophob oder antisemitisch", sagte der Unterhaltungschef der ARD. "Xavier Naidoo steht seit Langem für Werte wie Frieden, Toleranz, Liebe."

Auf der ESC-Bühne steht Naidoo indes nicht. Schreibers Schutzwall wurde durchbrochen. Das liegt zu einem großen Teil an der Wucht der Internet-Reaktionen. Aber nicht nur. Die Wahl von Xavier Naidoo war ein Alleingang von Thomas Schreiber, heißt es aus Gremien-Kreisen. Kein Wunder also, dass ihm in der öffentlichen Debatte der Rückhalt fehlte. Die ARD wirbt mit dem Slogan "Wir sind eins". In diesem Fall müsste er lauten: "Wir sind uneins".

Vor einigen Monaten ist die ARD auf mich zugekommen und hat mich gebeten, im nächsten Jahr für Deutschland beim...

Posted by Xavier Naidoo on  Samstag, 21. November 2015

Das Internet hat in der Diskussion um den ESC-Kandidaten seine Macht bewiesen, die ARD ihre Schwäche. Es kommt nicht selten vor, dass Menschen schon eine feste Meinung haben, bevor sie sich inhaltlich mit einem Thema auseinandersetzen. Bei Twitter liest man das jeden Tag. Aber wer eine Entscheidung trifft, sollte auch dazu stehen.

Das Netz hat die Kontrolle in der Causa Naidoo übernommen. Die ARD-Entscheidungsträger sollten den Umgang mit den Dynamiken im World Wide Web schnell lernen. 

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