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Interview mit Medienwissenschaftler Christoph Neuberger
"Falschmeldungen im Netz sind alte Propagandatechnik"

Facebook als Fakebook: Falschmeldungen alte Propagandatechnik
Auch dieses Bild eines RP-Fotografen wurde von Facebook-Hetzern aus dem Zusammenhang gerissen. Es zeigt keine Flüchtlinge im Kampf gegen die Polizei, sondern eine Auseinandersetzung mit Salafisten im Mai 2012. FOTO: Martin Kempner
Düsseldorf. Gefälschte Meldungen in sozialen Netzwerken verunsichern die Nutzer im Internet. Vor allem Flüchtlinge werden Opfer von erfundenen Schlagzeilen. "Die Methoden extremer Gruppen werden immer raffinierter", sagt der Kommunikationsforscher Christoph Neuberger. Ein Interview.

In sozialen Netzwerken kursieren gefälschte Meldungen (unsere Redaktion berichtete), Fotos werden in falschem Kontext hochgeladen, um Stimmung gegen Flüchtlinge zu machen. Früher herrschte ein freundlicher Umgangston bei Facebook, heute ist immer wieder von Hass und Hetze zu lesen. Was ist da passiert im Internet?

Neuberger Wir haben in Deutschland in den sozialen Medien lange Zeit eine relativ unpolitische Haltung gehabt. Da ging es oft nur um Nabelschau und Banalitäten. Das hat sich seit der Bundestagswahl gravierend verändert, seitdem gibt es mehr politische Blogs und verschärfte Kommentierungen. Auch Schlüsselereignisse wie die Wulff-Affäre haben dazu beigetragen.

Was beobachten Sie heute?

Neuberger Politische extreme Gruppen nutzen soziale Medien in verstärktem Maße. Das gilt sowohl für die Linken als auch die Rechten, die keinen Zugang zu den Mainstream-Medien haben. In der Kritik am Journalismus und der Debatte über die "Lügenpresse" durch "Pegida" hat sich der Trend zugespitzt. Das spiegelt sich jetzt auch in der aktuellen Debatte über Asylbewerber wider. Ich glaube, das ist nur eine Fortsetzung der ganzen Geschichte.

Wie gehen diese Gruppen vor?

Neuberger Meist versuchen die Urheber solcher Falschmeldungen, in der Öffentlichkeit zu punkten, indem sie sich mit ihren Fälschungen an große Themen dranhängen. Früher diente das Internet extremen Gruppen zur internen Vernetzung. Dass sie jetzt nach außen hin auftreten, ist ein neuer Entwicklungsschritt. Das Phänomen ist aber noch recht neu, es fehlt an umfassenden Studien.

Kann man die Techniken beschreiben? Etwa bei den Bildern, die Flüchtlinge in neuem Kontext zeigen? Etwa bei dem Foto, auf dem eine Frau Lebensmittelgutscheine in die Kamera hält, die sie angeblich von Flüchtlingen bekommen hat? (In Wirklichkeit handelte es sich, um eine Reporterin, die demonstrieren wollte, wie schwierig der Einkauf mit solchen Gutscheinen werden kann.)

Neuberger Die Methoden, die da eingesetzt werden, um die öffentliche Meinung zu beeinflussen, werden immer raffinierter. Wir finden da bei den sogenannten "False Flags" eine alte Propagandatechnik wieder. Sie schreiben dem Kontrahenten etwas zu, das ihn bloßstellt oder in ein schlechtes Licht rückt und täuscht dabei den Adressaten über den Absender.

Wo kann ich Falschmeldungen aufsitzen?

Neuberger Das betrifft alle sozialen Medien. Hinzu kommt, dass Netzwerke wie Facebook oder Twitter eben zur Oberflächlichkeit neigen, da finden keine tiefschürfenden Diskurse statt. Es geht eher um Befindlichkeiten und pointierte Bekenntnisse. Da sehe ich ein Problem, weil es keinen rationalen Diskurs gibt. Populismus und Oberflächlichkeit zählen zu den Schattenseiten des Internets.

Was bedeutet das für den Nutzer?

Neuberger Ich finde es wichtig, jetzt den Blick dafür zu schärfen. Der User befindet sich im Internet in einer völlig anderen Situation als bei den klassischen Medien. Er wird oft mit Angeboten konfrontiert, bei denen er nicht so genau weiß, wer dahinter steht.

Haben Sie konkrete Empfehlungen für das Verhalten im Netz?

Neuberger Nicht leichtfertig vertrauen und alles übernehmen, sondern auch nachsehen, was Dritte, was andere seriöse Quellen dazu schreiben. Letztlich tritt da aber das Kernproblem öffentlicher Kommunikation zutage: Es gibt eben keine absoluten Indikatoren, ob jemand recht hat oder nicht. Da sind wir auf Vertrauen und Erfahrung angewiesen. Ein kritischer Vergleich der Quellen ist sicherlich die Hauptregel, die man beachten sollte.

Mit Christoph Neuberger sprach Philipp Stempel.

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