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Diskussion um Hetze
Facebook braucht mehr Mumm

Facebook braucht in der Diskussion um Hetze mehr Mumm
Die Fronten sind im Streit um Hasskommentare auf Facebook weiter verhärtet. FOTO: dpa, Julian Stratenschulte
Meinung | Düsseldorf. Die Protestaktion eines Berliner Fotografen zeigt einmal mehr: Facebook sperrt entblößte Busen automatisch innerhalb weniger Minuten. Hetzkommentare bleiben dagegen immer wieder stehen, obwohl sie von Nutzern gemeldet werden. Diese Praxis muss sich ändern. Von Henning Bulka

Es war wohl doch ein Stück weit Naivität, die uns hat glauben lassen, Facebook könnte mit einem Foto, das einen nackten Busen zeigt, anders umgehen, nur weil es auf der Facebook-Seite von RP ONLINE steht. Natürlich wurde unser Beitrag über die Aktion #NippelstattHetze genauso schnell entfernt wie auf den Seiten "gewöhnlicher" Nutzer – und das, obwohl wir sogar mit verschiedenen Bildausschnitten des betreffenden Fotos experimentiert haben. Selbst der von uns eigens "zensierte" Link war heute Morgen nicht mehr auf Facebook zu finden.

Nicht einmal, nachdem wir unseren Artikel mit diesem Foto auf Facebook veröffentlicht haben, blieb der Post danach stehen. Der Busen, der erschien, wenn man darauf klickte, war wohl der Auslöser. FOTO: Olli Waldhauer / RPO

Es sind vermutlich auch kulturelle Unterschiede, die dazu führen, dass wir Deutschen den Eindruck haben, Facebook messe hier mit zweierlei Maß. Für uns ist ein nackter Busen nicht per se ein Problem, Beleidigungen aber schon. Gleichzeitig macht Facebook in der eigenen Argumentation einen Unterschied zwischen "Hatespeech", also wirklichem Hass, und "Flamespeech", also lediglich beleidigenden und verächtlichen Äußerungen. Was uns als Hass erscheint, muss für Facebook nicht zwingend anstößig sein.

Was aber auch an diesem pikanten Beispiel des nackten Protest-Busens deutlich wird: Facebook ist eine privatwirtschaftliche Plattform mit eigenen, selbstdefinierten Regeln und kein demokratischer Diskussionsraum. Im Alltag fällt das häufig nicht auf, mitbestimmen können wir bei Facebook aber nicht. Einzig die Politik hat vermutlich echte Steuerungsoptionen. Entsprechend zu begrüßen sind die ersten, wenn auch zaghaften Versuche von Justizminister Heiko Maas, mit dem Unternehmen zu einer Einigung zu kommen.

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Bis sich allerdings wirklich etwas an der Löschpraxis von Facebook ändert, wird es wohl noch dauern, auch wenn das angesichts des wachsenden Hasses, gerade gegenüber Flüchtlingen, nur schwer zu ertragen ist. Was uns bleibt, ist, neben Forderungen an die Politik, immer wieder den Finger in die Wunde zu legen: Facebook muss mutiger werden, was das Löschen von Hasskommentaren angeht. Eine gewisse Form der Automatisierung scheint ja zu funktionieren, wie das aktuelle Nippel-Beispiel zeigt.

Eine Alternative zu solch einem Kurswechsel gibt es aus demokratisch-freiheitlicher Sicht nicht wirklich – zumindest, wenn Facebook weiterhin ein echtes "soziales Netzwerk" bleiben möchte.

Liebe Leserinnen und Leser,
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