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Trotz Kritik
Für immer Facebook

Facebook - das ewige Netzwerk
Ohne seine User hätte Facebook ein Problem. Für eine Ausstellung setzte der Künstler Zhu Jia das Gesicht von Facebook-Gründer Mark Zuckerberg aus chinesischen Profilfotos zusammen. FOTO: dpa
Meinung | Düsseldorf. So groß die Kritik am sozialen Netzwerk auch ist, so gering sind doch die Folgen. Facebook kann sich alles erlauben, wir werden uns trotzdem nicht abmelden. Wieso eigentlich nicht? Von Sebastian Dalkowski

Ein Freund von mir hat es wenigstens versucht. "Lasst zusammenpacken und ‪#‎Fascismbook‬ den Rücken kehren", forderte er kürzlich. Via Facebook. Wie viele andere hatte er sich darüber empört, dass Facebook den Account des Comedians Micky Beisenherz für 30 Tage gesperrt hatte. Der hatte einen Facebook-User mit einem jugoslawisch klingenden Nachnamen kritisiert, als dieser gegen Flüchtlinge gehetzt hatte. Beisenherz' Kommentar: "Mit Deiner Einstellung würde es einen Amir Zemdic* in Deutschland nicht geben." Nachdem einige Medien über den Vorgang berichtet hatten, machte Facebook die Sperre rückgängig, ohne allerdings Sperre und anschließendes Zurückrudern zu begründen.

Die Sache ist erst zwei Tage her, liegt aber gefühlt Wochen zurück. Folgen für Facebook? Keine. Mein Freund hat Facebook nicht den Rücken gekehrt, Micky Beisenherz hat Facebook nicht den Rücken gekehrt – und ich habe Facebook ebenfalls nicht den Rücken gekehrt. Dabei müsste ich eigentlich.

Gegen Facebook habe ich keine Chance

Die Kritik an dem sozialen Netzwerk ist so groß, dass es dafür einen eigenen Wikipedia-Eintrag gibt. Da geht es um den Umgang mit Nutzerdaten, um Steuersparmodelle, Unterstützung von Skeptikern des Klimawandels und Zensurvorwürfe. Rechtes Gedankengut bleibt stehen, Nippel werden gelöscht – so ist der Eindruck. Moralisch kann ich meinen Facebook-Account kaum noch rechtfertigen.

Es ist ja nicht so, dass ich kein konsumkritischer Mensch bin. Es gibt einige Unternehmen, die ich boykottiere, weil ich ihr Vorgehen ablehne. Ich trinke nichts von Coca-Cola, ich esse nicht bei McDonalds, ich kaufe nichts von Nestlé. Doch der Boykott fällt leicht, weil es für alle Produkte Alternativen gibt.

Schon bei Amazon werde ich weich. Zu bequem ist es, alles an einem Ort bestellen zu können und dafür nicht mal das Haus verlassen zu müssen. Ich gehe nicht in die Buchhandlung, um ein Buch zu bestellen und dann zwei Tage später wieder dorthin zu gehen, um es abzuholen. Immerhin habe ich es schon mal in Erwägung gezogen, Amazon den Rücken zu kehren.

Gegen Facebook habe ich keine Chance. Nicht ein einziges Mal habe ich zumindest den Entschluss gefasst, mich abzumelden. Nicht einmal in dem Wissen, dass ich es sowieso nicht tun werde. Facebook ist wie die Fußball-Bundesliga und Fleischkonsum: Da läuft so vieles falsch, genug, um abzuhauen, aber ich komme trotzdem nicht davon los. Und das aus zwei Gründen.

Erstens: Alle anderen sind auch da, und nirgendwo sonst sind alle anderen auch. Nicht bei Google Plus, nicht bei Myspace – R.I.P. - nicht bei Xing und nicht bei Twitter. Wenn ich Facebook verlasse, verlasse ich die Welt und werde zum Einsiedler. So kommt es mir vor. Zweitens: Facebook bietet so viele Möglichkeiten der Zerstreuung. Links in meiner Timeline, Direktnachrichten, Likes. Und vielleicht das wichtigste: die Möglichkeit, eigene - sagen wir mal - Gedanken zu veröffentlichen. Und alle Freunde sehen es. Denn es sind ja alle da. Und noch viel mehr Leute. Viral werden nur Inhalte, die sich durch Facebook verbreiten. Das gilt auch für Youtube-Videos. Ich gehe nicht auf Youtube und gucke mir Videos an. Ich gehe auf Facebook, entdecke dort ein Youtube-Video und gucke es mir an. Die Zerstreuung führt auch dazu, dass Facebook-eigene Skandale schnell vergessen werden. Sie verbreiten sich zwar via Facebook, doch dann wird auch schon die nächste Sau durch die Timeline getrieben.

Doch wenn schon die Nutzer sich nicht aufraffen, kann es wenigstens die Justiz? Schwierig. Facebook spricht weltweit mit einer Stimme, jedes Land aber hat seine eigenen Gesetze.

Ich weiß nicht, was passieren muss, damit ich Facebook "Auf Wiedersehen" sage. Was passieren muss, damit wir alle es tun. Vermutlich müsste sich Mark Zuckerberg dafür ein riesiges Hakenkreuz auf seinen Bauch tätowieren und dazu auffordern, alle Flüchtlinge in Konzentrationslagern unterzubringen. Aber dann wird er einfach ausgetauscht, ein neuer Chef tritt an die Spitze und bald ist alles vergessen. Mir fehlt die Fantasie, so wie die Leute im Feudalismus sich kein Leben nach dem Feudalismus vorstellen konnten.

Nur eines weiß ich bereits heute sicher: Wo sich die Anti-Facebook-Bewegung organisieren wird.

Bei Facebook nämlich.

 

(*Name geändert)

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