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Facebook-Insider
Der Whistleblower aus dem Silicon Valley

Facebook-Insider Antonio García Martínez: Whistleblower aus dem Silicon Valley
Berichtet aus dem Silicon Valley: Antonio García Martínez (40) hat Physik in Berkeley studiert. Arbeit fand er zunächst bei der Investmentbank Goldman Sachs, später bei seinem eigenen Start-Up und schließlich bei Facebook. FOTO: Helena Price/Harper
Menlo Park. Antonio García Martínez arbeitete an der Wall Street, bevor er bei Facebook den Umsatzbringer maßgeschneiderte Werbung entwickelte. Sein Buch "Chaos Monkeys" vermittelt ein ernüchterndes Sittenbild: Die Gier sei im "Valley" noch größer - und der Antrieb von Mark Zuckerberg noch gefährlicher. Von Tobias Jochheim

Das Besondere an Antonio García Martínez (40) ist nicht, dass er Facebook für eine Droge hält, für "legales Crack", und dass er geschworen hat, alles daran zu setzen, seine Kinder davon fernzuhalten.

Zu etwas Besonderem macht ihn, dass er Facebook sehr viel besser kennt als fast jeder andere. Zwischen 2011 und 2013 hat er selbst gearbeitet, wo man anstelle des Geburtstags den Jahrestag seines Eintritts in den Konzern feiert. Seine Aufgabe war es, die Daten der schon damals eine Milliarde Nutzer zu Geld zu machen.

Jetzt hat er ein Buch darüber geschrieben, ein Sittengemälde des Parallel-Universums Silicon Valley, wo es aus seiner Sicht in jeder Hinsicht ungesund zugeht: finanziell, moralisch, körperlich und geistig.

Mark Zuckerberg ist 30 geworden! FOTO: afp, js/jr

Nun sind Enthüllungsbücher stets mit Vorsicht zu genießen. Dieses ist allerdings einerseits relevant, weil "Chaos Monkeys" das erste Buch überhaupt ist, das Einblicke in die Kultur derjenigen bietet, die zunehmend bestimmen, wie wir kommunizieren, kaufen, leben.

Und vom naheliegenden Vorwurf des Aufbauschens, wenn nicht Erfindens von Skandalen ist der Autor andererseits freizusprechen, weil er überhaupt keine Skandale enthüllt, sondern bloß den alltäglichen Wahnsinn im Valley in Worte fasst. Der Wert des Buchs liegt in den vielen kleinen Szenen, die tief blicken lassen: Da ist das Facebook-WC, auf dem jemand noch beim Toilettengang programmiert.

Da ist Martínez' Einordnung seines eigenen Status' als kleines Licht bei Facebook: "Ich ähnelte einem afghanischen Warlord oder Piratenkapitän: Angsteinflößend für den Rest der Welt - auf eine Zwei-Zeilen-Email hin tanzt die Geschäftsführung fast jeder Firma an - doch intern hatte ich kaum Kontrolle." Da sind die Teile der Nutzerschaft, an denen Facebook ohne deren Wissen Neuerungen testet - klein, aber immer noch Dutzende Millionen von Nutzern umfassend, die von Programmierern munter untereinander getauscht werden.

Steve Jobs – eine Chronologie seines Schaffens FOTO: AP

Da ist der Verweis auf das Domino-Spiel, das seine Großmutter 1961 auf der Flucht aus Kuba mitnahm, obwohl es fünf Pfund wog - und das heute unbenutzt im Schrank liegt, weil sie lieber das Facebook-Spiel "FarmVille" daddelt und dort sogar echtes Geld für virtuelle Ausrüstung bezahlt.

Da ist sein Urteil über die Atmosphäre, die herrscht, wo Risikokapitalgeber mit Haifischgrinsen blasse Jungs in Kapuzenpullovern zu Millionären machen, wenn diese nur einige Zeilen Computer-Code schreiben, die Geschäftszweige revolutionieren und dabei massenhaft Jobs vernichten, wie es etwa Taxifahrern durch Uber droht. Kulturelle Normen seien im Silicon Valley außer Kraft gesetzt: "Hier ist einem niemand böse, bei dessen Hochzeit man gefehlt hat - und auf dem Weg zum Achtsamkeits-Yoga steigt man über Obdachlose hinweg."

Antonio García Martínez gelingt das Kunststück, aus dem Herz dieses Wahnsinns zu berichten, ohne die Außenperspektive auf all die kleinen und großen Absonderlichkeiten zu verlieren.

Hintergrund: Meilensteine in der Facebook-Geschichte FOTO: dpa, Jessica Binsch

Er teilt kräftig aus, aber zu allen Seiten und auch auf seine eigenen Kosten. Er kommt rüber als schillernder, aber anstrengender Zwitter aus Nerd und Macho. Ein brillanter Beobachter und großmäuliger Erzähler, häufig sexistisch und zum Fremdschämen.

Am Tiefpunkt erblödet er sich, einen "älteren" Mann im Porsche zu bewundern statt zu bemitleiden, der ihn bei einem illegalen Straßenrennen im dichten Verkehr abhängt. "Er hatte sicher eine Frau, Kinder und ein Haus, riskierte in diesem Moment aber alles, was er erreicht hatte. Wer Herausforderungen ablehnt, wird es nie zu einem Porsche bringen."

Dass weder Intelligenz noch Programmierfähigkeiten entscheidend seien, um im "Valley" Erfolg zu haben, illustriert er an seinem eigenen Beispiel. Ungleich wichtiger seien eine Obsession mit der eigenen Geschäftsidee und das Knüpfen von Kontakten.

Reaktionen auf den Tod von Steve Jobs FOTO: dapd

Den Preis für das ewige Studentenleben zwischen Laptop und Fast Food mit der winzigen Chance auf immensen Ruhm und Reichtum per App-Gründung erahnt man, als Martínez von seiner Entscheidung erzählt, aus beruflichen Gründen dem ersten Geburtstag seiner Tochter fernzubleiben. Dasselbe Start-Up verkauft er wenig später samt seinen Mitgründern an Twitter, für fünf statt der zuvor vereinbarten zehn Millionen Dollar, weil er selbst im letzten Moment zum Rivalen Facebook überläuft.

Steve Jobs war laut Martínez "ein mittelmäßiger Ingenieur, bestehend aus glühendem Ehrgeiz, skrupelloser Machtgier und Narzissmus, dessen großes Talent es war, Fähigkeiten Dritter zu erkennen, diese bis zur Erschöpfung für ihn arbeiten zu lassen und alle Wettbewerber abzuschrecken". Fünf Jahre nach Jobs' Tod ist Mark Zuckerberg mächtiger, als Jobs es jemals war.

Zuckerberg ist laut Martínez weniger Nerd als ein moderner Napoleon. Jemand, der Facebook für eine Inkarnation des Römischen Reichs hält: "Carthago delenda est!", rief er, als Google sein eigenes Social Network "Google+" ankündigte - sinngemäß: "Google muss zerstört werden". Dann erließ er eine Ausgangssperre an alle Mitarbeiter, 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Martínez: "Dass die wenigen Mitarbeiter mit Familien ihre Frauen und Kinder kurz am Wochenende sehen konnten, empfand man als großzügiges Zugeständnis des Konzerns."

Zuckerberg träumt Martínez zufolge von einer Welt, die "nicht mithilfe traditioneller Institutionen wie Zeitungen, Regierungen oder Religionen interpretiert wird, sondern durch das Netz persönlicher Beziehungen". Kurz: Am Facebook-Wesen soll die Welt genesen.

Die interne Atmosphäre in der "Volksrepublik Facebook" mit Führer-Kult beschreibt Martínez als totalitär: "Anstelle der Braunhemden sind Blauhemden getreten, die Social-Media-SA. Das sage ich, weil ich von diesem Geist genauso verführt wurde wie jeder andere bei Facebook." Der Konzern sei voll mit Gläubigen, die "wirklich, wirklich, wirklich nicht ruhen werden, bevor jeder Mann, jede Frau und jedes Kind der Erde auf das Facebook-Logo starren."

Was "sehr viel gefährlicher ist als Gier", so Martínez' Überzeugung. Zuckerberg und die Seinen seien nicht käuflich und unberechenbar.

Nebenbei klärt er ein großes Missverständnis auf: "Facebook verkauft Eure Daten nicht!" Es ist viel schlimmer: Der Konzern hortet die selbst gesammelten Datenberge wie den Schatz, der sie sind - und kauft weitere Daten dazu, die seine Nutzer anderswo generiert haben, Offline-Einkäufe inklusive. Damit lässt sich dann einzigartig hochprofitable Werbung maßschneidern.

Martínez betont, die Nutzer seien selbst Schuld daran, dass sie diesem "Targeted Advertising" ausgesetzt sind: Ende 2011 hatte der Konzern seine Nutzer abstimmen lassen, ob er seine Datenschutz-Regelungen lockern dürfte. Die notwendige Wahlbeteiligung von 30 Prozent wurde weit unterschritten.

Die denkwürdigste Reaktion auf Martínez' Thesen stammt von gruenderszene.de: Indem er seine Kinder von Facebook fernhalte, "beraube" er sie ihrer Zukunftschancen, heißt es dort dramatisch. "Wir dagegen werden unsere Kinder vor seinem Buch warnen."

Quelle: RP
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