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Religionssatire bei Facebook
Dem lieben Gott gefällt das.

Facebook: Religionssatire auf "God"-Profil
FOTO: Martin Ferl
Düsseldorf. Gott nutzt Facebook und Twitter. Dort verkündet er neue Gebote und verspottet Fundamentalisten. Doch die Gags sind längst nur noch Mittel zum Zweck: Aufklärung. Und Rettung Lebensmüder. Von Tobias Jochheim

Man weiß nicht, wer in Gottes Namen da in Gottes Namen tippt. Die Facebook-Seite "God (Comedian)" hat jedenfalls nicht das begehrte blaue Häkchen, das die Echtheit prominenter Absender bestätigt. Klar ist nur zweierlei: Wer auch immer da schreibt, pendelt zwischen Wut, Witz und Weltschmerz. Und ist bei allem offensichtlichem Mangel an Frömmigkeit auch voll der theologischen Tugenden Glaube, Liebe, Hoffnung.

"Nur für den Fall, dass es Dir heute noch niemand gesagt hat...", lautet eine seiner typischen Nachrichten. "Hab einen guten Tag. Du bist schön. Ich liebe Dich." Und weil Gottes Social-Media-Manager auch ein Scherzkeks vor dem Herrn ist, schiebt er auch noch ein Kompliment ein, das etwas aus der Reihe fällt: " ...und: Du hast nen tollen Hintern!"

Ja, Gott ist auch bei Facebook ein alter, weißer Mann mit Rauschebart. Manchmal aber auch schwarz. Oder weiblich. Oder alles auf einmal. FOTO: facebook.com/TheGoodLordAbove

Dieser einzigartige Stil bringt Gott viele Fans ein. Zwei Millionen bei Facebook, 120.000 bei Twitter, knapp 20.000 bei YouTube.

"Neues Gebot: Seid keine Vollidioten!"

Die Massen feiern die neuen, erfrischend konkreten Gebote, die er regelmäßig verkündet. Zum Beispiel:

"Du sollst deine verdammten Blinker benutzen."

"Du sollst dich mehr um wichtige Dinge wie den Klimawandel kümmern und weniger um dämliche Dinge wie die Farbe eines Kleides."

"Du sollst den verdammten Mindestlohn erhöhen!"

"Du sollst deinem örtlichen Frauenhaus etwas spenden, anstatt 'Fifty Shades of Grey' zu sehen."

"Du sollst alles anzweifeln. Sogar Gebote."

Nach dem Anschlag auf "Charlie Hebdo" lautete die Order: "Du sollst keine Religion benutzen, um Redefreiheit zu zensieren. Stattdessen sollst du lernen, einen verdammten Witz auszuhalten."

Und man konnte ihn förmlich seufzen hören, als er schrieb: "Selbst die originalen zehn waren ganz offensichtlich zu schwierig zu verstehen. Hier also nur ein einziges Gebot: Seid keine Vollidioten. Wenn Ihr euch daran haltet, regelt sich der Rest von selbst."

Kritisiert wird eine sehr amerikanische Art von Glaube

Eine Kaperfahrt mit Ziel Katholizismus also – allerdings auf eine Art, die aufgeklärte Gläubige locker ertragen dürften. Vieles ist harmloser Pennälerhumor, vom "Bacon-Gebet" über die Offenbarung "Ich furze Regenbögen" bis hin zu "Kann gar nicht glauben, dass ich die Menschheit nicht schon längst nochmal ausgelöscht habe. Bin viel maßvoller geworden. Liegt wohl an dem Gras, das ich rauche."

Zu den heikelsten Einträgen von Gottes inoffiziellem Facebook-Beauftragten gehört schon "Wisst Ihr noch damals, als ich die Menschheit für immer bestrafte, weil jemand einen Apfel gegessen hatte? #lol #ThrowbackThursday" und "Wenn die Bibel ein Kochbuch wäre, wären alle verwirrt und würden verhungern". Das kann man für unlustig, unangemessen, unanständig halten. Wer es aber für eine unverzeihliche Sünde und auch juristisch zu verfolgendes Vergehen hält, dem sei der Standpunkt des Bundesrichters Thomas Fischer nahegelegt: "Gott – jeglicher denkbare Gott – mag alles Mögliche benötigen, aber gewiss keinen Straftatbestand (...), der seine 'Lästerung' verbietet."

Dass die Bibel von diversen Autoren über lange Zeiträume geschrieben wurde, dass sie stilistisch wie inhaltlich inkonsequent ist und vor allem dass sie der Interpretation bedarf, ist wahrlich keine Neuigkeit.

Nur ist all das zu vielen fundamentalistischen Christen insbesondere in den USA noch nicht durchgedrungen. Dass Papst Franziskus fragt "Wenn jemand schwul ist und den Herrn sucht und dabei guten Willen beweist, wer bin ich, dass ich richte?", ignorieren sie. Und murmeln warme Worte in der kühlen Berechnung, das enthebe sie der Pflicht, ihren Mitmenschen selbst zu helfen, zumal das ja auch Sozialismus wäre und damit maximal unamerikanisch. Sie sind tief ergriffen, wenn Millionäre aus dem Musik-, Sport- oder Politikbusiness für das Erreichen ihrer arg weltlichen Ziele vor laufenden Kameras Gottes Beistand erflehen oder sich dafür bedanken. Nehmen Bibelverse wörtlich und leben in Furcht vor dem strafenden Gott des Alten Testaments. Flirten mit Rassismus und Sexismus. Und leugnen Evolution und Klimawandel, hetzen gegen Abtreibung, ernstzunehmende Waffengesetze und Homosexualität.

Das bedeutet Christentum in einem großen Teil der USA. Und diese aggressive, religiös verbrämte Ignoranz und Intoleranz ist es, die der anonym bleibende Satiriker bekämpft.

Kämpfer gegen Dummheit, Angst und Hass

"Haben Sie jemals 'Die unendliche Geschichte' gesehen?", fragt er einen Interviewer. "Das 'Nichts' gibt es wirklich, nur dass es 'die Dummheit' heißt. Dummheit droht, diese Welt zu verschlingen. Ich und andere stellen sich den Kräften von Angst und Hass entgegen, die zu nichts führen außer Elend."

Besonders stört ihn Mobbing gegenüber trans- und homosexuellen Menschen. Was er genüsslich in folgende Worte verpackt: "Wer denkt, dass Schwule für alle Probleme der Welt verantwortlich seien, hat wahrscheinlich schon viel über schwulen Sex fantasiert." Das ist Provokation mit wahrem Kern: immer wieder werden Schwulenhass predigende Hardliner in den USA tatsächlich beim Konsumieren oder Praktizieren von Sex mit Männern erwischt.

Seit ihrer Gründung 2011 hat die Facebook-Seite sich sichtbar entwickelt. Zunächst ging es dem Menschen dahinter darum, christliche Fanatiker zu provozieren und lächerlich zu machen. Heute ist der Ton sehr viel positiver. Das Ziel lautet Lebenshilfe für die Opfer von Hetze unter dem Vorwand der Religion. Dabei hilft, ähnlich wie beim Foto-Blog "Humans of New York", auch eine warmherzige Fangemeinde.

Die Hilfe kommt im echten Leben an

So hatte ein bibelfester Leser in einem Mailwechsel mit dem Menschen hinter Gottes Facebook-Seite auf den Bibelvers Leviticus 20:13 verwiesen, wo gleichgeschlechtlicher Sex als Todsünde beschrieben wird. In seiner Antwort bemüht Gott das Wörtchen "lie", das im Englischen sowohl "liegen" (hier: mit jemandem schlafen) als auch "lügen" heißt. Zitat: "Männer sollen nicht gegenüber anderen Männern lügen, wie sie es manchmal gegenüber Frauen tun." Die bessere Antwort, die den ursprünglichen Schreiber ernst- und dessen wahrscheinliche Doppelmoral aufs Korn nimmt, stammt von einem Leser: "Yeah, und direkt danach steht in diesem Vers, dass es eine Abscheulichkeit sei, Krustentiere zu essen. Aber gegen Leute, die Hummer oder Shrimps essen, sieht man selten Christen protestieren..."

Auch an anderer Stelle unterstützen Fans den Humanisten im Gewand des Zynikers. Am 1. März veröffentlichte Gottes alter ego den (verfremdeten) Screenshot eines Mailkontakts mit jemandem, der davon berichtet, sich selbst verletzen zu wollen. Antwort: "Bitte tu dir nichts an, Kind. Du bist geliebt!" Dazu wie so oft ein Verweis auf die Hotline für Suizidgefährdete in den USA. Ein Leser ergänzte den Link zur Liste für ähnliche Notrufnummern in aller Welt bei Wikipedia. Rund 1000 Menschen gefällt dieser Service.

Einem weiteren lebensmüden Verzweifelten begegnete Gottes selbsternannter Vertreter bei Facebook mit einer unwiderstehlichen Mischung aus schwarzem Humor, Pragmatismus und Mitgefühl: "Nein Sean, sorry. Dein Papierkram ist noch nicht erledigt, du musst noch eine Weile durchhalten. Vergiss nie: Dein Leben muss nicht überragend sein ... Durchschnitt reicht als Ziel vollkommen." Kaum hatte "Gott" auch davon einen Screenshot veröffentlicht, meldete sich der Hilfesuchende mutig zu Wort: "Das hat mein Leben gerettet. Ich stand ernsthaft kurz davor, mir das Leben zu nehmen. Doch als ich diese Antwort las, musste ich beim Teil mit dem 'Papierkram' so laut lachen, dass ich merkte, wie lebenswert das Leben ist. Morgen gehe ich zum Arzt und beginne mit dem Alkoholentzug."

Immer offensichtlicher kommt die Hilfe des Facebook-Gottes im echten Leben an. Erst sammelte die Crowd Geld für riesige "God loves Gays"-Plakate, dann bekam er die Dankbarkeit seiner Fans selbst zu spüren: Nach dem Tod seiner verarmten Mutter bezahlten die Anhänger des Satirikers seinem Vater, einem Pastor im Ruhestand, einen Urlaub.

Der Facebook-Gott ähnelt Jacques Tilly

Gott ist übrigens überparteilich. Theoretisch. Praktisch sieht er sich gezwungen, regelmäßig auf die oft radikale Stimmungsmache der Republikaner und ihres massenmedialen Sprachrohrs "Fox News" hinzuweisen. Das tut er aber nicht per Holzhammer, sondern mit dem Florett: "Wäre Jesus vor 30 Jahren geboren worden, würden ihn Fox News und die Republikanische Partei einen gefährlichen Mann aus dem Nahen Osten nennen, der den Sozialismus verbreiten und die Armen ermächtigen will."

Man muss sich den Menschen hinter Gottes Internetaktivitäten wohl vorstellen wie Jacques Tilly: Er spricht harte Wahrheiten aus, und zwar über alle. Am 15. Dezember schickte er den Terroristen des "Islamischen Staats" ein herzhaftes "Fuck you", wenige Stunden später schrieb er: "Liebe USA, bitte entscheidet euch: A) Amerika ist eine christliche Nation. B) Es ist okay, gefangene Terroristen zu foltern. Beides geht nicht." Schon zuvor hatte er mit Bezug auf die Hassprediger einer winzigen, aber weltweit berüchtigten christlichen Freikirche treffend bemerkt: "ISIS ist die Westboro Baptist Church des Islam".

Manchmal nutzt er auch die Macht des (Profil-)Bildes, das mehr sagt als tausend Worte.

Am 14. Februar trug der seinen Fans bekannte, grinsende alte weiße Mann im Stil der satirischen Zeichentrickserie "South Park" plötzlich keinen weißen Rauschebart mehr, dafür aber pinkes Make-Up. Am 15. trug er Pferdeschwanz und Vollbart zum Lippenstift und Lidschatten. Am 19. outete er sich als dunkelhäutige Frau im Bikini. Und am 22. verkündete er: "Gott ist schwarz, eine Frau und lesbisch."

Am 26. zeigte er sich wieder als leicht gebräunter, aber faltenfreier Rentner mit schlohweißer Haarpracht inklusive Bart – nicht ohne zuvor darauf verwiesen zu haben, wie schwer das Leben als Frau ist, von monatlich wiederkehrenden Schmerzen bis hin zu sozialer und finanzieller Benachteiligung.

Misstrauen gegen Eiferer – auch atheistische

Seine Religionskritik bringt dem Menschen hinter der Facebookseite natürlich Applaus von Atheisten ein. Doch auch das ist eine Art Vereinnahmung, die dem Freigeist nicht ganz geheuer ist – "von Hardcore-Religionsfanatikern gehasst und von Hardcore-Atheismusfanatikern geliebt zu werden". Am 7. März stellte er klar: "Ich mag Christen. Ich wünscht nur, sie verhielten sich öfter, wie es Christen tun sollten."

Gott redet Klartext. "Die Dinosaurier haben übrigens auch nicht an den Klimawandel geglaubt", schreibt er, und "Impft eure verdammten Kinder!" und "Liebe Menschen, das zwischen uns funktioniert einfach nicht. Es liegt nicht an mir, sondern an Euch." Die logische Folge: "Ich erschaffe einen neuen Planeten mit hyperintelligenten Hunden und ohne Religion. Dort wird megagute Laune herrschen!"

Seine Versuche, die Erde neu zu starten, waren erfolglos, sowohl per Tastatur als auch per Stecker rausziehen.

Und angesichts all der Gewalt, Gier und Ungerechtigkeit in dieser Welt wird Gott jetzt ungeduldig. "Hört auf, Euch zu hassen" drohte er neulich. "Oder ich lasse die Delfine den ganzen Laden übernehmen."

Präsenter als alle Scherze aber ist die Botschaft des Humanisten. Er predigt Toleranz sowie den Kampf gegen Mobbing, Depression, Süchte und Suizid: "Bleibt am Leben! Etwas Außerordentliches könnte jeden Tag passieren."

Glaube, Liebe und Hoffnung eben.

 
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