"Yeah"-Rufe stören Wahlkampfrede: Flashmob sucht Kanzlerin heim
VON PHILIPP STEMPEL - zuletzt aktualisiert: 19.09.2009 - 23:11Düsseldorf (RPO). Bundeskanzlerin Angela Merkel hat am Freitag Abend Bekanntschaft mit einem Internet-Phänomen gemacht. Zahlreiche User hatten sich im Netz zu einer gemeinsamen Aktion auf dem Hamburger Gänsemarkt verabredet. Ziel: Nach jedem Satz der Kanzlerin „Yeah“ zu rufen. Merkel nahm es mit stoischer Gelassenheit.
Nach Informationen eines Reporters von Spiegel Online sind es rund 2000 Menschen, die vor der Bühne stehen, auf der Angela Merkel an diesem Freitag, neun Tage vor der Bundestagswahl, ihre Rede hält. In der Menge sind überwiegend junge Leute zu sehen, außerdem mehrere Fahnen von Atomkraftgegnern und auch das Banner der Piratenpartei. Akustisch aber dominiert das "Yeah".
So ist es auf mehreren Videos zu sehen und zu hören, die im Internetportal youtube veröffentlicht wurden. Sie zeigen aus der Perspektive der Menge das ganze absurde Geschehen auf dem kleinen Hamburger Marktplatz. Die Kanzlerin spricht in kämpferischem Ton von der Finanzmarktkrise, der deutschen Wiedervereinigung, den Arbeitsmarktproblemen in Deutschland. Zahlreiche Zuhörer interessiert das nicht. Sie kommentieren jeden Satz, jede Pause in Merkels Rede mit einem lautstarken, langgezogenen "Yeah".
Was sind Flashmobs?
Laut Wikipedia bezeichnet der Begriff Flashmob (flash – Blitz; mob – von mobilis – beweglich) einen kurzen, scheinbar spontanen Menschenauflauf auf öffentlichen oder halböffentlichen Plätzen, bei denen sich die Teilnehmer üblicherweise persönlich nicht kennen.
Kein Gegenmittel
Wie viele mitrufen, ist schwer zu sagen. Anfangs sind es nur wenige, später werden es mehr, die sich trauen oder einfach nur mitschwimmen auf der "Yeah"-Welle. Zu überhören sind sie nicht, ihr Ruf nimmt den Platz ein. Merkel - geflashmobbt. Die Kanzlerin tut so, als ob nichts wäre. Sie setzt ihre Rede einfach fort. Was soll sie auch tun? Gegen konkreten Protest könnte sie sich zur Wehr setzen. Gegen das anarchisch-sinnfreie "Yeah" gibt es kein Gegenmittel.
Geboren wurde die Aktion im Internet. Wie so oft mit einem kleinen, eher nichtigem Anlass. Auf dem Bilderdienst flickr veröffentlichte ein User am 11. September ein CDU-Plakat, das Merkels Besuch ankündigte. "Die Kanzlerin kommt", steht darauf in fetten schwarzen Lettern. Und rechts daneben, mit Filzstift in krakeliger Schrift: "Und alle so: 'Yeaahh'". Ein Scherz, eine ironische Vorstellung, nichts weiter.
Vom Lachkrampf zum Flashmob
Der aber verselbständigt sich. Die eigenwillige Komik findet ihre Anhänger. "ch muss noch einmal auf dieses Bild eingehen. Ein Bild, das bei mir immer noch feinste Lachkrämpfe verursacht" schreibt ein Blogger und versucht die Komik des "Yeaahh" zu ergründen. Zahlreiche User kommentieren seinen Beitrag. Ein Dialog entsteht, eine kollektive Idee wird geboren: das "Yeah" zum Leben zu erwecken.
Über Twitter, Youtube, Blogs und andere Kanäle verbreitet sich das Projekt weiter. Ein Video ruft gezielt zum Treffen auf dem Gänsemarkt auf. Ein Plakat wird zum Internet-Thema, das "Yeah" mutiert zur Kampagne mit einem konkreten Ziel: dem Auftritt der Kanzlerin am 18. September in Hamburg. Die Folgen sind ein kleines Stück Mediengeschichte, wenn auch politisch belanglos.
Merkmal: sinnfrei
Beim Flashmob, einem spontan über das Internet organisierten Treffen von Menschen, die sich noch nie zuvor gesehen haben, geht es in erster Linie um Spaß, das Überraschende, das Anarchische. Die Teilnnehmer tauchen völlig überraschend zu großer Zahl am verabredeten Ort zur verabredeten Zeit auf, um dort kurz und für Uneingeweihte völlig überraschend einer gänzlich sinnfreien Tätigkeit nachzugehen. Ursprünglich gelten sie als unpolitisch. Bei Twitter wird deshalb bereits darüber diskutiert, ob es sich in Hamburg um einen echten Flashmob handelte.
Als typische Beispiele für Flashmobs gelten mehrere Aktionen in den USA. Die Teilnehmer hatten sich etwa in einem Kaufhaus in einer Hotel-Lobby versammelt, um dort 15 Sekunden zu applaudieren. In Deutschland hatten zuletzt im Juni 5000 Menschen auf der Ferieninsel Sylt eine Flashmob-Party gefeiert und damit eine Debatte über die Zulässigkeit solcher Spontan-Treffen ausgelöst.
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