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Virtuelles Gedenken
World Wide Dead

Grabsteine mit QR-Codes: World Wide Dead
Ein Grabstein mit QR-Code. FOTO: dpa
Düsseldorf. Tod, Verlust, Trauer: Grabsteine mit QR-Codes leiten Friedhofsbesucher auf Gedenkseiten im Netz. Dort finden sie die Lebensgeschichten der Verstorbenen und die Gelgenheit, Abschied zu nehmen. Von Merlin Bartel

Ein junger Mann lehnt lässig an einem Geländer, im Hintergrund sieht man einen See und einen Wald. Die Sonne scheint, er trägt eine Sonnenbrille und lächelt. "Felix Primus Averes" steht neben dem Foto - was aussieht wie ein Facebook-Profil, ist jedoch e-Memoria, eine Gedenkseite.

Am 5. Februar dieses Jahres starb Felix. Der Werbetechniker wurde 2013 Landesbester bei seiner Gesellenprüfung. Er verbrachte viel Zeit damit, an seinem Audi 100 zu basteln. Doch ein Unfall in eben diesem Wagen mit den zwei unverkennbaren schwarzen Streifen kostete ihn das Leben - mit gerade einmal 22 Jahren.

Tod, Verlust, Trauer, Abschied, Gedenken: Themen, die Menschen, die eine geliebte Person verloren haben, beschäftigen, häufig allerdings nicht thematisiert werden. Meike Averes hat sich nach dem Tod ihres Sohnes dazu entschieden, einen Schritt zu wagen - und ihn digital in Erinnerung zu behalten. "Nach seinem Tod bin ich im Internet auf Gräber mit QR-Codes gestoßen. Mir gefiel die Verbindung von Grab und Internet, weil es eine altersgerechte Möglichkeit für seine Freunde und Familie ist, an der Trauer teilzuhaben", sagt sie. "Junge Leute zieht es nicht ans Grab, aber trotzdem denken Felix' Freunde oft an ihn."

"Felix war selbst viel im Internet, deshalb wäre er begeistert"

Das Internet bietet schnell, kostenlos und ohne großen Aufwand eine Flut an Informationen. Daneben ermöglichen soziale Medien Selbstdarstellung und Kontaktaufnahme. "Meine Mutter und meine Schwester haben mich darin bestärkt. Es war eine offene Methode der Trauerbewältigung", erklärt Meike Averes. "Felix war selbst viel im Internet, deshalb wäre er begeistert von der Seite. Ich habe ein Unfallbild reingestellt - das hätte er auch gewollt. Und nur das zählt für mich."

Gräber mit QR-Codes (Quick-Response-Codes; zu deutsch: schnell antwortende Codes) gibt es zunehmend auch in Deutschland. Dabei werden die Quadrate mit schwarz-weißem Muster entweder in den Grabstein eingelassen oder als Plakette darauf angebracht. Über eine App kann das labyrinth-ähnliche Muster "gelesen" werden und führt den Nutzer direkt auf eine zuvor erstellte Internetseite.

Christian Paechter ist in Deutschland Vorreiter im Bereich "digitaler Grabstätten". Von dem Trend habe er aus Asien mitbekommen, wo QR-Codes auf Gräbern bereits geläufige Praxis sind. 2013 gründete er e-Memoria, eine bis heute werbefreie Internetplattform. Die Webseite betreibt Paechter nebenberuflich, seit anderthalb Jahren jedoch "intensiver", wie er sagt. "Wir sind noch im Stadium, Bekanntheit aufzubauen. Doch mein Wunsch ist, das irgendwann hauptberuflich zu machen." Einnahmequelle ist die Premium-Variante des Angebots, die mehr Möglichkeiten umfasst.

Neue Art der Trauerbewältigung

"Den Ursprungsgedanken hatte ich, als ich Nachwuchs bekommen habe", sagt er. "Ich habe überlegt, was ich meinem Sohn von meinen Vorfahren erzählen will - und überhaupt noch kann. Schließlich verblassen die Erinnerungen von Jahr zu Jahr." Dieses langsame, aber dennoch kontinuierlich fortschreitende Vergessen der Lebensgeschichten von Verwandten bewegte ihn dazu, eine neue Art der Trauerbewältigung zu nutzen. "Jeder Mensch hat ein bewegendes Leben zu erzählen. Nun wird die Erinnerung für alle lebendig gehalten."

Die Gedenkseiten im Netz können nach einer Registrierung angelegt werden; anschließend wird ein QR-Code generiert, der die Friedhofsbesucher auf die Seite leitet. Diese kann mit Fotos und Videos gestaltet werden - oder auch schlicht nur mit Text. Den Angehörigen sind bei der Gestaltung der Seite fast keine Grenzen gesetzt: So individuell wie der verstorbene Mensch kann auch seine Erinnerungsseite sein. Außerdem bietet e-Memoria praktische Vorzüge: Unter anderem beinhaltet es eine Navigationsfunktion: "Ich war schon länger nicht mehr am Grab meines Großvaters. Da musste ich suchen", sagt Paechter. Durch eine GPS-Markierung kann das Grab leicht wiedergefunden werden.

Unter anderem auf mehreren jüdischen Friedhöfen in Berlin sowie auf Friedhöfen in München sind solche Gräber mit QR-Codes zu finden. In Köln sollte das schon mal verboten werden: Kritiker behaupteten, die Inhalte der Webseiten seien nicht zu kontrollieren und fürchteten Ruhestörungen durch verlinkte Musik. Der Umweltausschuss stimmte allerdings gegen die Vorlage der Verwaltung. Der deutsche Städtetag gab 2013 bekannt, dass der verlinkte Inhalt besondere Verantwortung voraussetze. Aufgrund dessen muss man bei der Antragstellung beim Steinmetz darlegen, was die Pläne für die Gedenkseite sind.

Sorgen vor dem "gläsernen Menschen"

Konkrete Zahlen oder Statistiken zur Thematik gibt es nicht. "Wir führen über Gräber mit QR-Codes keine Statistik", sagt Jörg Deter vom Gartenamt Düsseldorf. "In der aktuellen Friedhofssatzung sind die Codes noch nicht enthalten. Sie soll aber bald überarbeitet werden, um zeitgemäß zu sein." Entscheidend für die Friedhofsverwaltung ist, dass die "historisch gewachsenen Strukturen des Friedhofs nicht gestört werden", erklärt er.

Heutzutage besitzt nahezu jeder ein Smartphone – zunehmend auch ältere Menschen. Im Internet gibt es eine Flut an Texten, Bildern und Videos - den Kontakt zu Verstorbenen kann das jedoch nicht ersetzen. Ein Problem für viele alte Menschen ist mangelnde Mobilität, die ihnen den Weg zum Friedhof erschwert. "Durch unsere Erfindung wollen wir im Zeitalter der Digitalisierung den Besuch der Grabstätte attraktiver machen", erklärt Plattformgründer Paechter. Die Plaketten lassen sich übrigens rückstandsfrei entfernen - vorausschauend für den Fall, dass in Zukunft ein neuer Trend die Begräbniskultur revolutionieren wird. Dass das Prinzip Früchte trägt, hat der Plattformgründer am eigenen Leib erlebt: "Nachdem meine Großmutter gestorben ist, haben wir den QR-Code in der Zeitung abgedruckt. Darauf haben sich sogar Nachbarn von vor 60 Jahren gemeldet."

Dieser neue Umgang mit dem Tod in Verbindung mit moderner Technik stößt nicht bei jedem auf Anklang; viele Menschen kritisieren die Digitalisierung der Gesellschaft. Sorgen vor dem "gläsernen Menschen", der alle Informationen über sich preisgibt und von allen Seiten überwacht wird, erzeugen Furcht. Speziell weil die Angaben dann - nicht wie heute bei Twitter, Instagram und Co. - von einem selbst gemacht werden, sondern von anderen verwaltet und verändert werden können. Zu jeder Zeit. Somit könnten sie auch gehackt werden. Aus Furcht vor einem Verlust der Privatsphäre wehren sich manche Menschen gegen die Nutzung moderner Technik in diesem emotional aufgeladenen Thema.

Würde und Friedhofsregeln beachten

Auch die Kirche hat erste Berührungspunkte mit QR-Code-Gräbern: "Die Codes sind nichts anderes als ein Link zu einer digitalen Erinnerungs- oder Trauerseite. Das Gedenken an Verstorbene hat einen besonderen Stellenwert. Insofern sind auch neue Formen des Trauerns prinzipiell zu begrüßen", erklärt das Erzbistum Köln. Das Gestalten der Gedenkseite sei ein "wichtiger Bestandteil der Trauerarbeit". Allerdings sieht man dort auch Gefahren: "Ein Friedhof, auf dem Nutzer wie bei einer Sightseeing-Tour reihenweise Gräber abscannen, ist nicht akzeptabel." Es müssten die Würde und die Friedhofsregeln beachten werden. Außerdem sollten die Angehörigen dafür Sorge tragen, dass sie keine Inhalte öffentlich machten, die "anstößig oder pietätlos" seien. Nach Kenntnis des Erzbistums gibt es bislang aber auf keinem ihrer Friedhöfe ein solches Grab. Auch das Bistum Essen lässt verlauten, dass die Codes bislang "überhaupt kein Thema" seien.

Die evangelische Kirche im Rheinland erklärt, dass QR-Codes "grundsätzlich Teil einer Grabmalgestaltung" sein können, jedoch nicht als Ersatz für den Namen des Verstorbenen taugten. Stattdessen bietet die evangelische Kirche ein alternatives Angebot an: Trauernetz.de. Die Plattform bietet bereits seit 2009 am Totensonntag eine Chat-Andacht, seit vergangenem Jahr auch Gedenkseiten. Damit wendet sie sich speziell an Trauernde, die weit entfernt von Verstorbenen wohnen.

Heute, rund neun Monate nach dem Unfall, lächelt Felix immer noch. Zwei Fotos zeigen ihn mit einem Hund auf dem Arm. "Die Erinnerungen an dich sind jetzt mein Leben", hat seine Mutter geschrieben. Im e-Memoria-Profil steht auch sein Lebensmotto: Lieber kurz und kräftig, als lang und langweilig. "Die Geschichten der Verstorbenen kann man nur über das Internet erzählen", sagt Meike Averes. "Ich würde mir wünschen, dass mehr Menschen ihre Liebsten digital weiterleben lassen."

Quelle: RP
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