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Auszeichnung für Facebook-Aktivisten
"Wir schreien nicht rum, und das ist auch gut so"

Hooligans gegen Satzbau: Auszeichnung für Facebook-Aktivisten
"Hasskommentare findet man überall. Man macht es sich aber zu leicht, wenn man nicht diskutiert." FOTO: Twitter/ @hogesatzbau
Die Gruppe "Hooligans gegen Satzbau" kämpft für eine bessere Netz-Welt. Bei Facebook entgegnet sie Hasskommentaren mit Rotstift und Ironie. Dafür wurden sie jetzt von dem Unternehmen ausgezeichnet. Doch bei der Preisverleihung kam es zum Eklat. Von Vassili Golod, Düsseldorf

"Es ist allerhöchste Zeit, dass Facebook auf menschenverachtende Inhalte genauso schnell reagiert wie auf nackte Brüste", sagten die "Hooligans gegen Satzbau" bei der Verleihung des "Smart Hero Awards".

Bei der Veranstaltung in Berlin hat Facebook am Dienstag Initiativen ausgezeichnet, die in sozialen Netzwerken gegen Hasskommentare vorgehen. Die "Hooligans gegen Satzbau" gewannen den Publikumspreis und nutzten die Bühne für einen verbalen Rundumschlag.

Bekannt geworden ist das Trio durch die sprachliche Korrektur menschenverachtender Hasskommentare:

Die Netz-Aktivisten, die maskiert und anonym auftreten, sind sauer auf das größte soziale Netzwerk der Welt – und auf Familienministerin Manuela Schwesig. Aber warum eigentlich? Wir haben mit Kiki von "Hooligans gegen Satzbau" gesprochen. Sie gehört zum Gründertrio und möchte unerkannt bleiben, um ihre Familie zu schützen.

Herzlichen Glückwunsch zum "Smart Hero Award". Wie fühlt sich dieser Preis für euch an?

Kiki von "HoGeSatzbau" Sehr lustig! Wir freuen uns über diesen Preis, weil es ein Preis von den Menschen ist, die unsere Arbeit schätzen. Und wir haben gehofft, dass wir ihn gewinnen. Wir wollten gerne sprechen können.

Sprechen? Das kann man doch immer.

Kiki Nicht mit Facebook. Facebook ist nicht erreichbar, sie wollen nicht sprechen. Unsere Seite und die Accounts einzelner Admins wurden schon mehrfach gesperrt. Es gibt aber keinen Grund, uns zu sperren. Das wollten wir Facebook mitteilen. Aber selbst als wir die Nummer unter der Hand bekommen haben, wollte uns niemand zuhören.

Wie war es denn, endlich gehört zu werden?

Kiki Facebook so direkt vor Augen zu haben ist gut. Besonders die Reaktionen aus dem Publikum auf unsere Rede waren atemberaubend. Es gab viel Applaus, Zustimmung und Lob.

Facebook und die Bundesregierung haben Hasskommentaren mit ihrer "Task Force" den Kampf angesagt. Ist das nicht lobenswert?

Kiki Jein. Die Entscheidung zu treffen ist super! Aber wir merken davon nichts in der täglichen Arbeit, es hat sich nichts getan. Ein Nutzer hat allein heute 60 Beiträge gemeldet, nur einer wurde tatsächlich gesperrt. Immer mehr Menschen kommen leider zu dem Schluss: Melden lohnt sich nicht.

Wo liegt denn das Problem?

Kiki Facebook ist gigantisch groß geworden. Diese neue Gesellschaft braucht Regeln. Aber Politik, Gesetzgebung und Facebook selbst sind einfach noch nicht soweit. Es ist ein riesiger Raum entstanden, in dem die Verantwortung hin- und hergeschoben wird. Es ist kein einzelnes Land, es ist das Internet. Das Problem ist also nicht rein deutsch, sondern global.

Was sollte Facebook tun?

Kiki Sie müssen aufmerksamer sein, Dinge sehen und was tun. Aber auf keinen Fall einfach so alles löschen. Wir wollen ja einen gesellschaftlichen Diskurs. Momentan gilt hier das Recht des Stärken und das ist sehr problematisch. 

Und konkret?

Kiki Echte Menschen, Muttersprachler, sollen Kommentare überprüfen. Facebook sollte mit Projekten und Initiativen zusammenarbeiten, die sich bereits engagieren. "HassHilft" ist so ein Beispiel, oder auch wir. Man kann gut mit uns reden und man kann gut mit uns zusammenarbeiten. 

Warum gibt es euch überhaupt? Wie würdet ihr eure Rolle bezeichnen?

Kiki Wir sind als Gegenbewegung zu "Hooligans gegen Salafisten" entstanden. Plötzlich wurde Hass viel offener ausgesprochen. Durch Pegida wurde das nochmal verstärkt. Es ist immer mehr Arbeit geworden. Viele Menschen wissen nicht, was sie tun können. Wir wollen zeigen, dass wir immer noch mehr sind.

"Wir"?

Kiki Die Menschen, die keinen Hass verbreiten. Wir schreien nicht rum, und das ist auch gut so. Wir akzeptieren andere Meinungen, aber wünschen uns einen höflichen Umgang – Argumente statt Hetze.

Ihr führt Menschen vor, die unter Klarnamen kommentieren, tragt aber selber Masken. Ist das fair?

Kiki Es ist fair, weil wir die Menschen nicht vorführen. Wir korrigieren ausschließlich öffentliche Postings – menschenverachtende, hetzende Kommentare, die eigentlich bei der Staatsanwaltschaft besser aufgehoben wären. Da gehen Menschen auf den digitalen Marktplatz und brüllen: "Alle Neger ins Wasser." Sie stellen sich selbst an den Pranger, wir machen nur darauf aufmerksam. Sie kritisieren, dass unsere Kultur gefährdet ist. Das stimmt! Aber vor allem, weil sich diese Menschen unkultiviert benehmen.

Was kann jeder einzelne tun, damit das Internet netter wird?

Kiki Diskutieren, ins Gespräch gehen, Argumente bringen, widersprechen und vor allem nicht müde werden. Hasskommentare findet man überall. Man macht es sich aber zu leicht, wenn man nicht diskutiert. Jeder trägt eine Verantwortung. Bei einigen Posts helfen keine Worte, die gehören zur Polizei.

Vassili Golod führte das Gespräch.

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