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Kolumne Digital
Analoger Wein in digitalen Schläuchen

Kolumne Digital: Analoger Wein in digitalen Schläuchen
FOTO: Mathias Vietmeier
Düsseldorf. Was bitteschön war das für ein frustrierender Wahlkampf? Ein Wahlkampf, fantasielos in Bezug auf die Zukunft und von irrationaler Angst getrieben: Unser schönes Deutschland, umzingelt von Migranten, Terroristen und Robotern! Von Richard Gutjahr

Altbekannte Floskeln von Wohlstand und Gerechtigkeit, ausgerichtet auf die Ängste einer alternden Gesellschaft. Auf Menschen, die durch den digitalen Wandel mehr zu verlieren, als zu gewinnen haben (oder das zumindest befürchten). Genauso könnte man plakatieren: "Kuchen statt Cookies!" oder "Gestern ist gut für uns alle!"

Für diejenigen, denen gestern noch nicht gestrig genug war, gab es diesmal rechts von der CSU ein Nostalgie-Sammelbecken, eine Art Nazi-Bällebad. Schlimm genug, wie es die AfD geschafft hat, die anderen Parteien in einen Wettstreit zu zwingen, wer am entschiedensten gegen Flüchtlinge vorgeht. In so mancher Polit-Talkshow rieb man sich verwundert die Augen und fragte sich, ob da ein noch ein Grüner spricht oder schon Alexander Gauland. 

Was mich aber am ratlosesten zurücklässt, ist diese unfassbare Bräsigkeit der Parteien, wenn es um das Morgen geht. Wo ist die Vision einer Gesellschaft, auf die man sich freuen kann? Eine Gesellschaft, die Lust aufs Neue macht, ohne bewährte Werte und Tugenden zu verraten? Eine Gesellschaft, geprägt von Experimentierfreude, von Offenheit und Neugier, statt die immer gleichen Verteilungs- und Verteidigungskämpfe.

Wer bei Twitter angemeldet ist und bei Facebook Werbung schaltet, hat noch lange keine Digitalstrategie. Auch die FDP, die einen bemerkenswerten Wahlkampf im Netz hingelegt hat, fällt im Wahlprogramm nicht mehr ein, als Steuerentlastungen und der übliche Industrielobbyismus. Die Intensität, mit der sich FDP-Spitzenkandidat Lindner zuletzt an die Benzin- und Diesel- Automobil-Bosse rangeschmissen hat, lässt tief blicken. Analoger Wein in digitalen Bremsschläuchen.

Im Digitalsektor haben wir Deutsche mit Ausnahme von SAP nichts, aber auch rein gar nichts vorzuweisen. Kein Smartphone, keine Suchmaschine, kein WhatsApp. Wo also sind die Visionen? Wir brauchen keine Autobahn-Maut, was wir brauchen ist schnelles Internet. Deutschland ist beim Glasfaserausbau OECD-Schlusslicht. Sogar Kolumbien und Chile haben ein schnelleres Datennetz. Wir brauchen keinen Placebo-Streit um das Renteneintrittsalter oder mehr Hartz 4. Wir brauchen Bildung 4.0, die unsere Kinder befähigt, im weltweiten Wettlauf um die Zukunft mithalten zu können.

Wer auch immer die nächste Regierung stellt, ein Neustart sieht anders aus. Ich fürchte, allein mit einem Software-Update bekommen wir die wirklich entscheidenden Probleme nicht in den Griff. Spätestens 2021 brauchen wir neue Hardware, in unseren Autos genauso wie im Deutschen Bundestag.

 

 
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