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Kolumne Digital
Der digitale Klassenkampf

Kolumne Digital: Der digitale Klassenkampf
Kolumnist Richard Gutjahr. FOTO: Mathias Vietmeier
Düsseldorf. Für 160.000 Kinder in Nordrhein Westfalen ist es ein ganz besonerer Tag. Der allererste Schultag! Haben früher Schulranzen und Taschengeld über den sozialen Status in der Klasse entschieden, ist das im Digitalzeitalter das korrekte Smartphone. Von Richard Gutjahr

Können Sie sich noch an Ihren ersten Schultag erinnern? Welch prägendes Erlebnis im Leben eines jeden Kindes: Wie ist die Lehrerin? Wo werde ich sitzen? Wer ist mein Banknachbar? Und natürlich die Frage aller Fragen: Zu welcher Gruppe gehöre ich? Zu den hippen, coolen Checkern oder zu den unbeliebten, introvertierten Turnbeutelvergessern? Machen wir uns nichts vor, in der ersten Klasse wird der Grundstein für die spätere Biographie gelegt.

Zu meiner Zeit waren es die Schulranzen, die den Status schon am ersten Tag zementierten. Wer was auf sich hielt, besaß einen original Scout-Schulranzen, das dazu passende Federmäppchen sowie einen Doppeldecker-Malkasten von Pelikan. Wer keine Ahnung hatte oder nicht über das nötige Kleingeld verfügte, ließ sich von seinen Eltern einen Amigo-Ranzen aufschwatzen und No-Name-Wasserfarben ohne Gold und Silber.

Heute entscheidet das korrekte Smartphone, in welches Lager man gehört. Wer zum Beispiel ein iPhone besitzt, kann sich glücklich schätzen. Man kann dumm wie Brot sein, das teure Telefon qualifiziert per se zur Upper Class. Besitzer eines Android-Telefons sollten wenigstens ein Premium-Gerät vorweisen können, um im alltäglichen Klassenkampf mit den Apple-Bonzen mithalten zu können.

Zweites K.O.-Kriterium: die Tarife! Zeig mir dein Datenvolumen und ich sage dir wer du bist. Wer was auf sich hält, hat über die Eltern eine unlimitierte Daten-Flatrate. Andere müssen mit einem arme-Leute-Tarif von maximal 1-GB-Datenvolumen haushalten. Und dann gibt es die Kinder mit Prepaid-Smartphones. Für die ist bei der gemeinsamen Pokémon-Jagd nach der Schule dann schnell schluss.

Auch die Taschengeld-Regeln haben sich geändert. Galt man früher noch als König, wenn man 20 Mark im Monat bekam, entscheidet heute virtuelles Taschengeld über die Hackordnung auf dem Pausenhof. Kinder, die sich bei Handy-Spielen besondere Waffen oder Zaubertränke leisten können, steigen schneller auf, nicht nur im Spiel, auch in der real-analogen Zwei-Klassengesellschaft.

Grausam? Vielleicht. Ungerecht? Absolut. Aber wie heißt es doch so schön, nicht für die Schule, sondern fürs digitale Leben lernen wir. Ach ja, zum Schluss noch ein Pro-Tipp für alle Eltern: Nächste Woche werden in Kalifornien die allerneusten iPhones vorgestellt. Nicht etwa, dass sich ihr Kind mit einem ollen Vorgängermodell blicken lassen muss!

Quelle: RP
 
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