| 16.31 Uhr

"Making a Murderer"
Das Schicksal von Steven Avery fesselt Netflix-Fans

"Making a Murderer": Netflix-Erfolg mit wahrem Kriminalfall
Die Doku erzählt den wahren Fall des Häftlings Steven Avery. FOTO: dpa, bsc
Manitowoc. Mit der Justiz-Doku "Making a Murderer" wühlt Netflix die Amerikaner auf. Es ist erstaunlich, dass eine Geschichte mit öden Aufnahmen aus Gerichten so packend erzählt werden kann. Nun kämpfen sogar Fans für die Freiheit des Protagonisten. Von Johannes Schmitt-Tegge

Das muss alles ein schlechter Scherz sein. Ein lange im Voraus geplanter Trick, mit so vielen Komplizen und Eingeweihten, dass eigentlich alle Bewohner Manitowocs Bescheid wissen müssten. Nur Steven Avery nicht. Nur der Mann nicht, der Tag für Tag als Häftling hinter Gittern sitzt für ein Verbrechen, das er nicht begangen hat.

Doch die Geschichte des Mannes aus dem 33.000-Seelen-Städtchen im ländlichen Wisconsin ist kein Scherz. Sie füllt zwei Dutzend Kartons mit Gerichtsakten, hat es auf die Titelseite der "New York Times" geschafft, die Gemeinde aufgerüttelt und Averys Leben womöglich für immer zerstört. Und seit der Online-Videodienst Netflix die Justizsaga in "Making a Murderer" erzählt, kommen Fans der Dokureihe nicht mehr zur Ruhe.

Der harm- und fast wehrlos wirkende Avery, der mit seiner Familie einen Schrottplatz betreibt und nebenan in einem Wohnwagen wohnt, wird Opfer eines gewaltigen Fehltritts der Justiz. 18 Jahre verbringt er im Gefängnis für die Vergewaltigung einer Frau. Erst moderne DNA-Tests bringen ans Licht, dass er nicht der Täter ist. Avery kommt frei - und klagt auf Schadenersatz in Millionenhöhe. Mit weißem Rauschebart steht er strahlend vor Reportern. Sogar ein neues Gesetz zum Schutz vor falschen Verurteilungen wird nach ihm benannt.

Die Doku-Serie stützt sich dabei vor allem auf tatsächliche TV-Berichte in den Nachrichten. FOTO: dpa, bsc

Doch hier fängt der wahr gewordene Alptraum erst richtig an. Bald nach seiner Freilassung wird Avery wegen des Mordes an einer anderen Frau erneut festgenommen. Erst deuten alle Hinweise auf ihn. Doch mit jeder Folge mehren sich Zweifel, ob die Polizei ihm den Mord anhängt, um die Forderung über 36 Millionen Dollar (33 Mio. Euro) zu ersticken und den geschädigten Ruf nach der falschen Verurteilung zu kitten. Überzeugend arbeiten die Regisseurinnen Laura Ricciardi und Moira Demos heraus, dass eine Verschwörung in Gang sein könnte.

Zehn Jahre haben die beiden den Fall Avery verfolgt, und der Aufwand hat sich gelohnt. Tausende Fans streiten auf der Diskussionsplattform Reddit und in sozialen Netzwerken über die Frage der Schuld. Mehr als 400.000 Unterzeichner einer Online-Petition riefen Präsident Barack Obama zur Begnadigung Averys auf, der rund 26 seiner heute 53 Jahre hinter Gittern verbracht hat. Das Weiße Haus antwortete sogar. Doch Obama kann nur Häftlinge begnadigen, die nach Bundesrecht verurteilt wurden. Im Staat Wisconsin sind ihm die Hände gebunden.

Der Netflix-Krimi passe zu dem Eindruck, dass sich die popkulturelle Darstellung der Strafjustiz gewandelt zu haben scheint, schreibt die Ex-Staatsanwältin und Juraprofessorin Lisa Kern Griffin: "Raus mit dem alten Bild über wahrheitssuchende Ermittler und saubere Vorsätze, rein mit der beunruhigenden, funktionsgestörten Realität vieler Gerichtssäle und Polizeiwachen." Schon dem Podcast "Serial" über den rätselhaften Mord an Schülerin Hae Min Lee hatten wöchentlich im Schnitt rund drei Millionen Menschen gelauscht.

Es ist erstaunlich, dass eine Geschichte mit öden Aufnahmen aus Gerichten so packend erzählt werden kann. Die Tatsache, dass Ricciardi und Demos sowohl für als auch gegen Avery verwendbare Beweise ausklammerten, macht die Sache nur spannender. Denn so geht die vor dem Fernseher begonnene Diskussion im Netz weiter, wie auch im echten Fall: Ex-Staatsanwalt Ken Kratz, Averys wichtigster Gegenspieler, kritisierte die Doku als verzerrt, die Regisseurinnen feuerten bereits zurück. Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen.

(dpa)
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