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Nach Terroranschlägen in Paris
So kämpft Anonymous gegen den IS

Nach Anschlägen in Paris: Anonymous kämpft gegen den IS
In einer Videobotschaft erklärt Anonymous dem IS den Krieg. FOTO: Screenshout Youtube/Anonymous
Paris. Die Hacker-Gruppe macht Jagd auf die Terroristen, die unter anderem für die Anschläge in Paris mit mindestens 132 Toten verantwortlich sind. Das Netzwerk ist einflussreich, aber umstritten. Von Philipp Jacobs

Mit wuchtiger Musik, wie sie aus Kinotrailern bekannt ist, unterlegt das Hacker-Kollektiv Anonymous sein Video. Nach einigen einleitenden Worten wird eine Person eingeblendet. Schwarzer Kapuzenpullover. Der Mann trägt eine Guy-Fawkes-Maske, bekannt aus dem Polit-Comic "V wie Vendetta" und der gleichnamigen Verfilmung. Die Stimme, mittels Computersoftware verzerrt, kündigt eine nie da gewesene Welle an Cyber-Angriffen gegen die Extremisten der Terrormiliz Islamischer Staat an.

"Wir bereiten die größte Operation gegen euch vor, die es je gab." Zu ihrem Video, das seit Montag die sozialen Netze flutet, veröffentlichten die Hacker zahlreiche Twitter-Accounts, deren Inhaber angeblich in Verbindung mit dem IS stehen. 

Dem Magazin "Business Insider" zufolge hat der IS bereits auf die Videobotschaft reagiert. In Mitteilungen, die unter anderem über Facebook, Twitter und den Messenger-Dienst Telegram verschickt wurden, fragen mutmaßliche IS-Angehörige: "Was wollen sie schon hacken?" Darunter finden sich einige Anweisungen. Sie sind teilweise so banal, dass ihre Echtheit doch fraglich ist. So steht dort: "Öffnet keine Links, deren Hintergrund ihr nicht kennt."  Zudem wird dazu aufgerufen, häufig die IP-Adressen zu wechseln. 

Es ist nicht die erste Androhung von Anonymous, sich dem IS entgegenzustellen. Bereits nach den Anschlägen auf die Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" im Januar dieses Jahres eröffnete das Hacker-Kollektiv einen Kleinkrieg gegen islamistische Webseiten, bombardierten sie mit sogenannten DDOS-Angriffen und legten die Seiten letzten Endes damit lahm.

Für Redefreiheit, gegen Zensur

Binnen eines Jahres, so behauptet Anonymous, habe man bereits 149 IS-Webseiten vom Netz genommen, über 100.000 Twitter-Accounts gemeldet und knapp 6000 Propaganda-Videos gelöscht. Könnten Hacker womöglich den entscheidenden Impuls geben, die Machenschaften des IS offenzulegen? Unterschätzen sollte man Anonymous jedenfalls nicht. 

Hinter dem Namen steckt nicht eine einzelne, fest organisierte Hacker-Gruppe, sondern eine breit angelegte Bewegung. Eigentlich setzten sich ihre Mitglieder für den freien Datenfluss ein, für Redefreiheit und gegen Zensur. Unter ihrem Decknamen starteten Aktivisten beispielsweise Hacker-Angriffe auf die Online-Auftritte amerikanischer Banken und Kreditaktenfirmen, die sich geweigert hatten Spenden für den Wikileaks-Gründer Julian Assange weiterzuleiten. Seit Jahren liefert sich die Vereinigung Auseinandersetzungen mit Scientology, nachdem die umstrittene Organisation versucht hatte, ein YouTube-Video mit dem Scientology-Mitglied Tom Cruise aus dem Netz zu verbannen.

Anonymous leitet Informationen an Geheimdienste weiter

Auch vor Regierungen schreckt Anonymous mittlerweile nicht zurück: So greifen die Aktivisten immer wieder Webseiten israelischer Behörden an, um gegen die Lage der Palästinenser in den besetzten Gebieten zu protestieren. Während des "Arabischen Frühlings" nahmen die Hacker staatliche Einrichtungen in Tunesien, Iran und Syrien ins Visier. Twitter- und Facebook-Konten mutmaßlicher Terroristen leitet das Kollektiv derweil an Geheimdienste weiter. 

Für den IS sind soziale Netzwerke das wichtigste Propaganda-Mittel. Über sie werden neue Rekruten angeworben. Im Netz kursieren Videos, die die Brutalität der Miliz in die Ästhetik von Hollywood-Filmen packen. Dutzende weitere Filme und Podcasts sowie Fotostrecken erzählen vom vermeintlich sorgenfreien Alltag, in denen von den Extremisten kontrollierten Gebieten. 

Wenn Anonymous sich nun verstärkt den gewaltbereiten Schergen aus dem Nahen Osten widmet, ist das freilich noch kein Medikament, mit dem der Tumor IS vernichtet werden kann. Allerdings: Der Feind meines Feindes ist mein Freund.

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