Google: Online-Gigant in der Schusslinie
VON REINHARD KOWALEWSKY - zuletzt aktualisiert: 23.01.2010 - 10:27(RP). Soeben stellte Google sein Jahresergebnis 2009 vor. Der Gewinn stieg um hundert Prozent. Doch die Suchmaschine ist weiterhin fast nur von Werbung abhängig. Wichtige Partner gehen gezielt auf Distanz.
San Francisco Auf diesen Auftritt hatte Google-Chef Eric Schmidt begierig gewartet. Er stellte in der Nacht zum Freitag auf einer Telefonkonferenz bei San Francisco den Jahresabschluss für 2009 vor. Der Umsatz stieg um acht Prozent auf 15,5 Milliarden Euro, der Gewinn verdoppelte sich auf vier Milliarden Euro. Das gute Ergebnis ist aber nur die eine Seite der Medaille. Elf Jahre nach der Gründung ist Google eine der umstrittensten Firmen der Welt. "Don't be evil" ("Tue nichts Böses") lautete die Leitlinie der Unternehmensgründer. Jetzt wächst der Widerstand gegen Googles Machtansprüche.
Selbst der einzige Imageerfolg der vergangenen Monate, nämlich der angekündigte Rückzug aus China, entpuppt sich als fragwürdig: Um im bevölkerungsreichsten Land der Welt mitzumischen, hatte Google in den vergangenen Jahren sein Angebot zensiert – der größte Überwachungsstaat der Welt und der größte Datensammler des Globus hatten sich gut arrangiert. Dass Google jetzt wohl doch geht, ist dagegen unvermeidbar: Pekings Regierung hatte das Knacken von Mail-Konten offensichtlich veranlasst. Wenn Google das akzeptiert hätte, wäre seim Image im Westen völlig ruiniert gewesen.
Der Erfolg des Unternehmens mit 20 000 Mitarbeitern steht auf tönernen Füßen. Noch immer kommen 97 Prozent der Einnahmen aus der Werbung. Das heißt: Trotz Milliardenausgaben für Zukäufe wie Youtube (Video) ist es bisher nicht gelungen, weiteres profitables Geschäft aufzubauen. Eine Reihe wichtiger Partner hält Distanz zu der wichtigsten Suchmaschine der Welt. So hat die Deutsche Telekom vor einigen Jahren zwar Google als Suchmaschine auf ihre Handys genommen und verkaufte als erster großer Telefonkonzern der Welt Handys mit dem Android-Betriebssystem von Google, doch gleichzeitig geben sie Yahoo den Vorrang als Suchmaschine. "Wir dürfen uns nicht zu abhängig machen", sagt ein Vorstand. Ähnlich Vodafone: Gezielt wird den Kunden angeboten, neben Google auch andere Suchmaschinen zu nutzen – und von den Werbeeinnahmen muss Google beim größten Mobilfunker Europas besonders viel abgeben.
Damit ist der Ärger nicht vorbei. Das deutsche Kartellamt prüft Ermittlungen wegen Monopolmissbrauch – besonders das Ausschlachten der Websites von Medienkonzernen hat mit Informationsfreiheit wenig zu tun. Weltweit wächst auch die Kritik am Scannen von Millionen Büchern. Der Chef der renommierten Harvard-Bibliothek fordert die Enteignung der mit Harvard aufgebauten Buch-Datenbank von Google. Sie solle der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden.
Noch gefährlicher ist aber, dass Partner gezielt opponieren: Apple verhindert angeblich gezielt, dass Google Bewegungsdaten von Nutzern des iPhone nutzt. Nun erwägt Apple, die Suchmaschine von Microsoft ("Bing") alternativ ins iPhone zu installieren. Noch härter wehrt sich Nokia: Google wollte Handys vermarkten, indem kostenlose Navigation mitgeliefert wird. Das lässt sich der wichtigste Handybauer nicht bieten: Er kündigte an, für die Navigationsfunktion in seinen Handys auch keine Gebühr mehr zu nehmen – teuer für Nokia, ärgerlich für Google.
Googles riskante Visionen - Kommentar von R. Kowalewsky
Ohne Zweifel: Mit der Suchmaschine Google lassen sich viele Informationen schnell finden. Die Werbebanner am Rande der Google-Seite stören auch nur wenig – und manchmal geben sie auch interessante Hinweise auf möglicherweise interessante Angebote.
Gleichzeitig zeigt sich aber, dass der Konzern bei der Jagd nach neuen Gewinnen einen immer gefährlicheren Weg geht: Viele hunderttausend Bücher wurden eigenmächtig gescannt, um sie ins Internet zu stellen – mit Urheberrechten hat der Gigant wenig am Hut. Google-News ist nichts weiter als das Ausschlachten von fremden Inhalten. Und die Überlegung, eine Suchmaschine auch für das Erkennen von Personen anhand von geschossenen Fotos aufzubauen, erinnert an totalitäre Visionen: Jeder könnte jeden auf der Straße oder wo auch immer per Handy-Aufnahme namentlich identifzieren – vielleicht auch auf einer Demonstration. Es ist gut, dass Google dieses Angebot bisher nicht freigeschaltet hat. Die Politik muss mit Gesetzen sicherstellen, dass das unbedingt so bleibt.
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