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Schokohersteller Lindt in der Kritik
Wie ein harmloser Adventskalender zum Shitstorm führte

Proteste gegen Adventskalender: Schokohersteller Lindt in der Kritik
Was kann man an so einem Adventskalender Schlimmes finden? Eine ganze Menge, so scheint es. FOTO: Screenshot / Lindt.de
Düsseldorf. Der Schokoladenhersteller Lindt bekommt in diesen Tagen die geballte Wut von einigen Nutzern zu spüren. Der Grund: Ein einfacher Adventskalender, den die Firma schon jahrelang verkauft. Doch 2015 wird die orientalische Gestaltung des Kalenders plötzlich zum Politikum – und viele andere Nutzer verteidigen den Hersteller. Von Henning Bulka

Jesus von Nazareth war Jude und wurde vor mehr als 2000 Jahren im Nahen Osten geboren. So viel zur Geschichte. Weihnachten ist aber natürlich trotzdem ein christliches Fest, und auch die Adventszeit ist eine christliche Tradition. Warum nicht also beides verbinden und einen Adventskalender in historischer Umgebung herausbringen? Dachte sich auch der Schokoladenhersteller Lindt und verkauft den Adventskalender "1001 Weihnachts-Traum". 281 Gramm Schokolade – verpackt in orientalischer Gestaltung.

Nutzer laufen Sturm gegen Schokoladenhersteller

Bisher störte sich niemand daran, doch im Jahr 2015, in dem "Pegida" und ihre Ableger an Zulauf gewinnen und die Flüchtlingsdebatte Deutschland beschäftigt, gibt es plötzlich einen Sturm der Entrüstung. "Lindt kaufe ich nicht mehr", schreibt eine Nutzerin auf der Facebook-Seite des Herstellers. "Ein muslimischer Kalender ist die Verdrängung unserer Weihnachtstradition", heißt es da weiter.

Dieser Beitrag auf der Lindt-Facebook-Seite löste die Debatte aus. FOTO: Screenshot / Facebook

Auch eine andere Nutzerin stört sich an dem Kalender, unbenommen der historischen Hintergründe der Geburtsgeschichte Jesu: "Aus meiner Kindheit kenne ich Adventskalender mit Häusern und Kirchen – und zu Heiligabend schaute man durch die Kirchentür auf eine Krippe. Das finde ich angemessen. Eine Moschee nicht." Weitere Nutzer empören sich ebenfalls und kündigen an, künftig keine Lindt-Produkte mehr zu kaufen.

Der Hersteller reagierte allerdings schnell und entkräftete die Vorwürfe nüchtern: "Die Verpackung stellt eine Visualisierung der damaligen lokalen Lebensumstände dar. Dazu gehört auch Architektur und Kultur wie diese in der orientalischen Welt zu Christi Geburt gewesen sein könnte." Außerdem respektiere man natürlich den "kulturellen Hintergrund des Weihnachtsfestes". Der Kalender sei aber ohnehin keine neue Erfindung, sondern werde nun schon seit mehr als zehn Jahren genau so verkauft.

Candystorm für Lindt nach Kritik an Adventskalender

Während Lindt seine Antwort noch sehr politisch korrekt und zurückhaltend formuliert, sagen viele andere Nutzer ganz deutlich, was sie von der Kritik an der angeblichen Islamisierung des Adventskalenders halten: nämlich gar nichts.

Mehr als 500 "Gefällt mir"-Klicks erntet folgender – zugegeben gleichsam diffarmierender – Kommentar: "ich frag mich ja immer wo die ganzen Bekloppten alle herkommen. Natürlich hieß Jesus Kevin-Ronny und kam aus Freital, und die heiligen drei Könige kamen mitm Trabbi um´s Eck gefahren, um ihm Bautzner Senf und Pulsnitzer Pfefferkuchen zu überreichen..." Ein anderer Nutzer bringt die Absurdität der Vorwürfe gegen Lindt sogar mit einer Karte auf den Punkt.

Nein, Jesus wurde nicht in Europa geboren. FOTO: Screenshot / Facebook

Und schließlich mündet der Shitstorm in einem Candystorm voller Zuspruch, also in das genaue Gegenteil. "Die wichtige Frage ist doch: Wo kriege ich den Kalender jetzt her? Ich brauche drei, so wie es aussieht", kommentiert eine Nutzerin, und eine andere schreibt auf die Lindt-Facebookseite: "Ich wollte nur mal mitteilen, dass ich euren 1001-Kalender voll knuffig finde und traurig bin, ihn nicht vor dem 1.12. entdeckt zu haben."

 

5* für eure souveräne Haltung gegen die Rechten und Wütbürger, die menschenverachtend jede Möglichkeit nutzen, um ihren...

Posted by Ahmad Safaei-Pour on  Mittwoch, 2. Dezember 2015

Welche Adventskalender sich unsere Leser geschenkt haben, sehen Sie hier in unserer Bildergalerie.

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