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Spaß-Lexika im Web: Steht uns die Kartoffelrevolution bevor?

zuletzt aktualisiert: 27.02.2008 - 14:45

Bad Salzuflen (RPO). Wikipedia gilt mittlerweile als das Nachschlagewerk im Internet. Viele Nutzer verlassen sich nahezu blind auf die Angaben, ohne an die Nachteile zu denken. Doch es gibt eine Gegenbewegung: Spaß-Wikis rufen beispielsweise zur Kartoffelrevolution auf.

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Die meisten Surfer ärgern sich, wenn sie im Internet auf Falschmeldungen und frei erfundene Geschichten hereinfallen. Doch einer Reihe von Webnutzern haben es solche "Hoaxes" angetan: In Spaß-Lexika sammeln sie jeden erdenklichen Blödsinn und treiben kursierende Gerüchte auf die Spitze. Die Macher parodieren die populäre Online-Enzyklopädie Wikipedia, indem sie ihr Konzept auf den Kopf stellen. Damit wollen sie auch den Blick der Leser im Umgang mit Neuigkeiten aus dem Netz schärfen.

Eine dieser Wikipedia-Parodien ist "Kamelopedia.org": Rund 10.000 Scherz-Artikel haben ihre Macher schon zusammengetragen, in denen sie die Welt aus der Sicht von Kamelen erklären. "Erlaubt ist alles, was Spaß macht", erklärt Sprecher Thomas Heitsiek aus Bad Salzuflen (Nordrhein-Westfalen) das Konzept. Auf der Seite erfahren Leser etwa von der "Kugelschreiber-Verschwörung", in deren Rahmen vertuscht werden soll, dass die Erde in Wahrheit doch eine Scheibe ist.

Ähnlich warten Satireseiten wie "Stupidedia.org", "Falsipedia.com" oder "Kartoffelpedia.de" mit Nonsens-Nachrichten auf. Letztere warnt vor einer drohenden Kartoffelinvasion, auf "Stupidedia.org" wird etwa behauptet, am 32. Dezember drohe der Weltuntergang - er könne aber "durch Geldspenden an eine beliebige Sekte" abgewendet werden.

Untermauert werden die pseudowissenschaftlichen Erklärungen häufig mit obskuren Studien oder vermeintlichen Aussprüchen bekannter Persönlichkeiten. So war es in der englischen Version von "Uncyclopedia.org" lange Zeit ein Running Gag, dass die Artikel mit einem frei erfundenen Zitat von Oscar Wilde anfingen. Die deutsche Seite fügte ihren Einträgen analog ein erdachtes Bonmot von David Hasselhoff hinzu. "Uncylopedia" wurde bisher in fast 30 Sprachen übersetzt - darunter etwa auch Koreanisch oder Finnisch.

Wichtigster Grundsatz der Satire-Lexika ist das Verdrehen von Tatsachen: Die Macher beteuern beharrlich, die offizielle Wikipedia-Seite sei in Wirklichkeit eine Parodie auf ihre satirischen Pendants und nicht umgekehrt. Um die Verwirrung komplett zu machen, sehen Seiten wie "Uncyclopedia.org" und "Illogicopedia.org" auf den ersten Blick Wikipedia ganz ähnlich und halten sich auch formal streng an den Aufbau einer gewöhnlichen Enzyklopädie.

Für die Macher ist das Ganze dabei mehr als nur ein Scherz. Denn die Satire der Spaß-Wikis hat einen ernsten Kern: Sie zielt auf die Leichtgläubigkeit ab, mit der manche Surfer Meldungen aus dem Netz aufnehmen. "Das eigentlich Verrückte ist ja, dass es immer wieder Leser gibt, die unseren Unsinn für bare Münze nehmen", sagt Heitsiek.

Besonders Jugendliche vertrauen Befragungen zufolge inzwischen vorwiegend auf das, was ihnen Wikipedia zu einem Thema liefert. Laut einer Studie des Meinungsforschungsinstituts "Icon Kids & Youth" von 2007 glaubt mehr als die Hälfte der 6- bis 19-Jährigen dem Mitmach-Lexikon blind - Seiten wie "Spiegel.de" halten dagegen nur 40 Prozent für vertrauenswürdig. "Die meisten Jugendlichen sind sehr unkritisch, wenn es um den Umgang mit Informationen aus dem Netz geht", sagt Studienleiter Axel Dammler in München. Wie zum Beispiel die Artikel entstehen, das werde aus Bequemlichkeit oft verdrängt.

"Wer sich richtig informieren will, muss aber immer fragen, woher die Informationen stammen - sonst ist das schnell einseitig", sagt Prof. Lorenz Lorenz-Meyer, der an der Fachhochschule Darmstadt Online-Journalismus lehrt. Es sei daher bedenklich, wenn Surfer Wikipedia als einzige Informationsquelle nutzen und die Einträge nicht hinterfragen. Denn oft genug gebe es bei dem freien Lexikon Meinungsverschiedenheiten über strittige Themen wie den Nahost-Konflikt. Diese führen dann dazu, dass Einträge in sogenannten Edit-Kriegen ständig in die eine oder andere Richtung abgeändert werden.

Genau hierfür wollen auch die Satire-Portale den Blick der Surfer schärfen: So witzeln die Macher von "Stupidedia.org", Wikipedia sei dafür bekannt, dass viele Artikel Fehler haben - bei der Scherzversion könnten sich die Leser dagegen darauf verlassen, dass 100 Prozent der Texte Unsinn sind.

Die Macher der offiziellen Wikipedia sind über die Spott-Projekte keineswegs sauer. "Wir haben da nichts dagegen", sagt Sprecher Arne Klempert in Königstein im Taunus. "Im Gegenteil: Wenn das hilft, dass die Leute kritischer werden, lassen wir uns gern auf den Arm nehmen."

Quelle: tmn

 
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