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Interview mit dem Journalisten
Tilo Jung, warum mögen dich auch AfD-Wähler?

Tilo Jung: "Großkotzig finde ich mich im Schnitt zweimal pro Woche"
Tilo Jung – Marke und Journalist FOTO: dpa
Düsseldorf. Wenn Tilo Jung (Jung & Naiv) seine Clips von der Bundespressekonferenz ins Internet stellt, gefällt das Anhängern von Linken und AfD. Wie kann das sein? Ein Gespräch über Empörung und Journalismus in Zeiten von Facebook. Von Sebastian Dalkowski

Du hast Wehrdienst geleistet. Das hätte ich von dir nicht erwartet.

Jung Da ich mich für Politik und Kriegseinsätze interessiere, wollte ich mir das persönlich ansehen. Es war für mich die größere Herausforderung, als Zivildienst zu machen.

Wie viel Spaß hatten die Ausbilder mit dir?

Jung Nicht viel. Sie haben schnell gemerkt, dass ich nicht gut zur Bundeswehr passe. Ich bin immer noch stolz auf das Abschlusszeugnis, das mir bescheinigt, nicht für die Bundeswehr geeignet zu sein. Ein Satz lautet, glaube ich: "Er hat versucht, sich zu bemühen".

Du warst also aufsässig.

Jung Nein, ich war ein guter Soldat. Ich war sportlich und konnte gut schießen. Das Problem war eher, dass ich meinen eigenen Kopf hatte. Ich wollte mich nicht fügen. Sie dachten, nur weil sie Vorgesetzte waren, könnten sie alles mit mir machen. Außerdem kannte ich meine Rechte.

Was war die größte Strafe, die sie dir aufgedrückt haben?

Jung Ich musste einen Monat den Flur putzen. Das hat mein Vorgesetzter dann jedes Mal mit dem Taschentuch geprüft. Nach der Grundausbildung haben sie mich der Bibliothek zugeteilt. Ich war Abiturient. Und Abiturienten wurden in meiner Kaserne zu Kräften gemacht, die die Vorgesetzten nicht nerven.

Was war deine Aufgabe?

Jung Ruhig sein, lesen, und wenn ein Vorgesetzter kam und ein Buch brauchte oder eine Vorschrift, habe ich ihm die rausgesucht. Ich hatte Zeit, jede Zeitung von vorne bis hinten zu lesen, und hab das auch gemacht.

Du wirkst sehr selbstbewusst. Was hat dich zu Tilo Jung gemacht?

Jung Da musst du meine Eltern fragen. Ich war schon im Kindergarten ein Sonderling. Den Lehrern und Erziehern bin ich von Beginn an aufgefallen. "Der macht das anders", haben sie gesagt.

Wann findest du dich großkotzig?

Jung Immer wieder. Im Schnitt zweimal pro Woche.

Hast du je eine Frage bereut, die du in der Bundespressekonferenz gestellt hast?

Jung Nein.

Das sehen einige Kollegen anders.

Jung Dann meinen die sicher die Fragen, die es sich gelohnt hat zu stellen. Ich sitze da nicht, damit sich die Leute am Ende über die Regierung lustig machen können. Vielleicht hören auch die Kollegen zu, was ich da frage. Vielleicht bringt es sie ins Grübeln. Genauso wie ich ins Grübeln komme, wenn die Kollegen bei einem Thema nachbohren.

Warum berichtest du über die Bundespressekonferenz?

Jung Wir wollen zeigen, wie die Bundesregierung kommuniziert und argumentiert.

Und wie macht sie das?

Jung Nicht vorbildlich. Sie gibt sich offen und transparent, aber das ist für mich wenig überzeugend. Seibert versucht, so wenig wie möglich zu sagen und hält sich an sein Skript.

Nun sitzen in der Bundespressekonferenz die Sprecher aller Ministerien, nicht nur Herr Seibert. Machen die alle ihren Job nicht gut?

Jung Doch, die meisten bemühen sich. Das Auswärtige Amt macht zum Beispiel gute Arbeit. Die sind vielleicht auch froh, dass sie in der Pressekonferenz ein Forum haben, weil in den Medien sonst immer nur ein Statement von ihnen gebracht wird. Wir senden ungeschnitten.

Eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes ist Sawsan Chebli. Ich glaube, sie könnte auf deine Anwesenheit verzichten.

Jung Das kann sein.

Wie müsste für dich eine vorbildliche Regierung informieren und argumentieren?

Jung Das ist schwer. Ich würde mir mehr Realismus und Logik wünschen. Die Logiken wandeln sich immer je nach Land und Partner. Wenn Land A etwas gemacht hat, was allgemein verwerflich ist, und es ist kein offizieller Freund der Bundesregierung, dann wird das offen kritisiert. Wenn Land B dasselbe macht, aber Partner ist, dann wird das abgeschwächt oder gar nicht kritisiert. Wenn Russland seine Atombomben modernisiert, bewertet das die Bundesregierung ganz anders, als wenn die USA das machen.

Aber das überrascht niemanden mehr.

Jung Mich schon. Es ist wichtig, diese Doppelmoral zu zeigen.

Aber es wird sich doch nichts an der Doppelmoral ändern.

Jung Das ist aber notwendig. Es hat vielleicht 80, 100 Jahre funktioniert, aber mittlerweile leben wir so vernetzt, dass es keine gute Idee ist, mit zwei verschiedenen Maßstäben zu messen.

Christiane Hoffmann vom "Spiegel" hat in einer Talkrunde gesagt, an der du auch teilgenommen hast: "Die Methode Jung hat sich erschöpft." Ihre Kritik zielte darauf ab, dass du nun häufig genug gezeigt hast: Die Bundesregierung mauert.

Jung Aber es wissen eben noch immer nicht alle. Nur weil ein Video mal von ein paar Millionen Menschen gesehen wurde, heißt es nicht, dass es alle gesehen haben. Veränderung kann sich erst einstellen, wenn es immer und immer wieder gezeigt wird. Es sind eben keine Einzelfälle, sondern hat System.

Aber die Sprecher haben nicht die Aufgabe, neutral zu informieren, sondern PR zu verbreiten. Das lässt sich kaum ändern.

Jung Ich weiß nicht, ob die PR früher nicht noch schamloser war. Vielleicht hat sich das mit den Jahrzehnten gewandelt, weil sie gezwungen worden sind, ihre Informationspolitik zu ändern.

Kürzlich hast du Herrn Seibert gefragt: "Die Grenze nach Mazedonien zum Beispiel ist ja zu. Wie sollen die Flüchtlinge, die ja nicht alle in Griechenland bleiben können und wollen, weiterkommen?" Warum fragst du das die Bundesregierung?

Jung Weil die Bundesregierung ein Interesse daran hat, dass die Flüchtlingszahlen sinken. Dementsprechend hat sie ein Interesse daran, dass die Flüchtlinge nicht mehr die alte "Balkan-Route" nehmen können, weil dann auch weniger von ihnen Deutschland erreichen. Das, was die Bundesregierung als Schlepperbekämpfung bezeichnet in der Ägäis, ist in Wirklichkeit eine Flüchtlingsbekämpfung. Die Schlepper sitzen ja nicht in den Booten.

Dann hast du Herrn Seibert nach Merkels Auftritt bei Anne Will gefragt, ob die Kanzlerin nun plane, ab sofort vor jeder Landtagswahl ins Fernsehen zu gehen. Ist das nicht bloß Provokation?

Jung Das war eine unterschwellige Kritik: Ach, jetzt stehen Landtagswahlen an, dann gehe ich mal ins Fernsehen. Wenn die CDU droht, Wahlen zu verlieren, denkt sich die Kanzlerin: Da müssen wir was tun. Ich finde, die Kanzlerin sollte nicht nur dann ins Fernsehen gehen, wenn sie es für richtig hält, sondern auch dann, wenn es die Öffentlichkeit für richtig hält.

Aber was soll Herr Seibert darauf antworten?

Jung Manchmal reicht es, einfach nur die Körpersprache zu zeigen. Dann ist die Antwort eher zweitrangig.

Das heißt, du hast auch im Hinterkopf, dass das gefilmt wird?

Jung Klar. Aber ich stelle Fragen nicht, weil ich kalkuliere, wie das im Video wirkt. Aber das Performative gehört natürlich dazu.

Ein starker Moment ist, als du – wir sprachen eben schon drüber – gezeigt hast, wie unterschiedlich die Bundesregierung die Modernisierung der Atombomben durch die USA und Russland bewertet. Aber die Kommentare bei Facebook bestanden fast ausschließlich aus Empörung. Kann aus Empörung überhaupt etwas Gutes entstehen?

Jung Ich glaube schon. Das Problem bei vielen Zuschauern ist, dass sie eine vorgefertigte Meinung haben. Dann sehen sie das, was sie sehen wollen und was sie erwarten. Aber das kann ja nicht der Maßstab sein. Ich will nur die Doppelmoral aufzeigen. Was man daraus ziehen kann, muss jeder für sich entscheiden. Dass 50 bis 70 Prozent der Leute das mit Empörung aufnehmen, dafür kann ich nichts. Es zeigt aber, dass solche Themen den Menschen nicht egal sind. Öffentliche Empörung kann gesund und nützlich sein und der Politik vermittelt werden, die daraus wiederum Schlüsse ziehen kann.

Das Problem für Journalisten ist momentan, dass sie genau wissen: Wenn ich etwas Kritisches über die Flüchtlingspolitik schreibe, werden verschiedene Parteien das als Munition nutzen.

Jung Das Problem habe ich auch. Bei uns teilen Anhänger der Linken häufiger dieselben Beiträge wie Anhänger der AfD oder der SPD. Das zeigt aber nur, dass alle was daraus ziehen können. Ich kann Fragen nicht so stellen, dass sich kein Neonazi über die Antwort freuen kann. Ich muss mich damit abfinden, dass Leute das nutzen, mit denen ich nicht einer Meinung bin.

Wenn du ein Video machst, in dem Frau Chebli auftauchst, weiß du, dass es wieder Kommentare geben wird, die unter die Gürtellinie gehen.

Jung Kommentare unter der Gürtellinie werden gelöscht. Ich habe eine Halbtagsstelle, die sich um das Feedback bei Facebook kümmert, besonders um alles, was Sexismus, Rassismus und Xenophobie betrifft. Wir bekommen tausende Kommentare pro Woche.

Ich habe aber noch sehr beleidigende Kommentare gegen Frau Chebli gefunden.

Jung Wir merzen auf jeden Fall die schlimmsten aus. Ich nehme mir auch gerne einen beispielhaft schlimmen Kommentar und kommentiere den dann. Ein bisschen public shaming hilft oft.

Ich habe nicht entdecken können, dass du Frau Chebli verteidigst.

Jung Wir hatten die Option, dass wir unter den Videos selbst schon reinschreiben, dass rausfliegt, wer die Sprecher beleidigt. Das haben wir versucht, aber das hat nicht funktioniert. Die Leute lesen das einfach nicht. Deshalb sind wir dazu übergegangen, Kommentare zu löschen. Die werden einmal verwarnt und dann sperren wir sie. Jeden Tag beschweren sich Leute, dass sie verbannt worden sind. Man muss die Leute aber auch ein bisschen an die Hand nehmen, auch vor anderen. Es bringt nichts, die einen auszuschließen, und dann nur noch eine Diskussion unter Leuten zu haben, die zum Beispiel für Flüchtlinge sind. Und ich muss sagen: Wir können nicht Facebooks Probleme mit der Kommentarkultur lösen.

Wenn man sich nur deine Clips aus der Bundespressekonferenz ansieht, wird man ein eher schlechtes Bild von der Bundesregierung haben. Müsstest du da nicht gegensteuern und auch ein bisschen um Verständnis für Politiker werben?

Jung Ich führe ja auch lange Interviews mit Ministern und Regierungschefs. Das ist genau das Gegengewicht. Aber ich kann nicht kontrollieren, was in der BPK gesagt wird. Wenn es Szenen gibt, in der die Regierung gut reagiert, dann zeige ich die auch. Es kommt nur seltener vor.

In der BPK greifst du die PR der Regierung an, aber in deinen Interviews lässt du Politiker durchaus sympathisch dastehen. Weil aber die Videos aus der BPK im Internet viel besser laufen, bleibt hängen: Die Regierung ist unfähig.

Jung Solche Clips teilen sich natürlich besser als einstündige Interviews, das liegt auch am Comedy-Faktor. Aber ich präferiere die Leute, die sich Zeit nehmen.

Es gibt einige Leute, die nicht nur deine Seite liken, sondern gleichzeitig auch die der AfD und der Jungen Freiheit. Dabei positionierst du dich in der Flüchtlingspolitik eindeutig links. Warum mögen dich diese besorgten Bürger trotzdem?

Jung Einerseits kann es durchaus sein, dass sie eben nicht alle meine Positionen teilen müssen, um mir zu folgen. Andererseits sehen die Leute vom rechten Rand in den Videos: "Ah, der lässt die Regierung schlecht aussehen!" Deshalb glauben sie, dass ich das System genauso ablehne wie sie. Dabei bin ich, sind wir im Team nur kritisch der Regierung gegenüber. Wir sorgen nicht für Politikverdrossenheit, sondern höchstens für Regierungsverdrossenheit.

Macht dich die Regierung denn verdrossen?

Jung Ich würde diese Regierung jedenfalls nicht wählen.

Hast du auch was Gutes über die Regierung zu sagen?

Jung Klar. Als Merkel im vergangenen Sommer entschieden hat, die Flüchtlinge, die in Ungarn waren, nach Deutschland zu lassen. Als Netanjahu versucht hat, den Hergang des Holocausts zu relativieren, hat die Regierung klargemacht, dass das gar nicht geht. Die Regierung macht viele Kleinigkeiten richtig, aber nachdem der Koalitionsvertrag abgearbeitet war, ging das etwas verloren. Ich sehe da deutlich mehr Schatten als Licht.

Im Unterschied zu den besorgten Bürgern findest du, dass Merkel zu wenig tut. Für die ist bereits Merkels Politik viel zu flüchtlingsfreundlich.

Jung Sie tun für die Flüchtlinge hier nur, was getan werden muss. Aber sie verbessern die Situation nicht. Man braucht sich nur die beiden letzten Asylpakete angucken. Da wurde nichts für die Flüchtlinge und auch nichts für die Flüchtlingshelfer getan. Es ging einfach nur darum, die Leute, die man nicht haben will, wieder leichter rauszuschmeißen, und dafür zu sorgen, dass möglichst wenig neue Flüchtlinge kommen. Außerdem war die Regierung schlecht auf die Flüchtlingskrise vorbereitet. Es ist ja nicht so, dass das keiner kommen sah. Es wurde nur immer auf die lange Bank geschoben. Nun wird so getan, als seien wir überfordert, weil es plötzlich viele Flüchtlinge gibt. Dabei ist das Problem ein anderes: Wir sind überfordert, weil wir uns nicht vorbereitet haben. Wenn jemand einen Marathon läuft und nach einem Kilometer schlappmacht, liegt das nicht an der Länge der Strecke, sondern daran, dass er einfach nicht gut genug trainiert hat.

Hast du Merkel schon für ein Interview angefragt?

Jung Nein.

Weil es aussichtslos ist?

Jung Momentan sicher, aber ich will es auf jeden Fall irgendwann. Plan B ist, Stefan Raab beim Kanzlerduell zu ersetzen.

Mit Tilo Jung sprach Sebastian Dalkowski.

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