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Netz-Weisheiten
Warum du einmal pro Tag einem Troll widersprechen solltest

Trolle im Netz: Warum du ihnen einmal pro Tag widersprechen solltest
FOTO: Victoria1/Shutterstock.com
Hannover. Eigentlich sollten Trolle im Netz keine Beachtung bekommen. Martin Weigert von t3n plädiert in seiner Kolumne aber dafür, dass die breite Netzöffentlichkeit Online-Unruhestifter mit Kommentaren überhäuft. Von Martin Weigert

"Don't feed the trolls" – so lautet eine alte Weisheit aus den frühen Internettagen. Im Grundsatz hat sie auch heute noch Relevanz: Netzkommentatoren mit einem Faible für Provokation oder dem Bedürfnis, ihren Frust an anderen zu entladen, drehen dann so richtig auf, wenn sie Beachtung erfahren. Auf Trolle nicht weiter einzugehen, kann somit ein Ansatz sein, um sich Zeit, Ärger und schlechte Laune zu ersparen.

Doch angesichts einer um sich greifenden Polarisierung in der digitalen Welt hat das Nichtreagieren auf Trolle einen enormen Nachteil: Der fehlende Widerspruch auf hetzerische, pöbelnde und populistische Parolen produziert ein verzerrtes Gesamtbild. So werden aus Minderheitsmeinungen für den flüchtigen äußeren Beobachter, für Journalisten und Politiker, aber auch für die Trollenden selbst scheinbare Mehrheitsmeinungen. Erst recht, seit immer mehr Social Bots in den Debatten bei Facebook und Twitter mitmischen.

Ein verlässliches Bild davon, wie viele Personen tatsächlich hinter einer extremen Position und dem dazugehörigen Hashtag stehen, lässt sich ohne tiefgehende Analysen kaum erhalten. Bots, Trolle aus Fleisch und Blut (teilweise mit mehreren Accounts) sowie Sympathisanten und Mitläufer agieren in gemeinsamer Mission und schaffen es teilweise, mit fragwürdigen Standpunkten, Desinformation und der Verbreitung falscher Fakten alle moderaten Anwendergruppen zu übertönen.

Trollen widersprechen, ohne sie überzeugen zu müssen

Das Ausbleiben konfrontierender Reaktionen wird in einer solchen Umgebung zum Problem. Bislang sind es primär einige wenige Aktivisten und Einzelkämpfer, die sich mit Trollen anlegen. Doch die breite, die Extrempositionen der Populisten und Radikalen nicht teilende Netzöffentlichkeit kann etwas tun: Sie kann aufhören, die Trolle* zu ignorieren, und sie stattdessen zur Rede stellen.

Wohlgemerkt nicht mit dem Ziel, das Gegenüber argumentativ umzustimmen. Das funktioniert bei Personen, die sich auf eine einseitige, emotional aufgeladene Sicht versteift haben und irgendeinen Demagogen oder Quasi-Diktator anhimmeln, so gut wie nie. Zumindest nicht sofort. Außerdem besteht immer die Möglichkeit, es mit einem Bot zu tun zu haben. Das aber ist egal. Worum es schlicht geht, ist, sichtbar die Minderheit zu übertönen und so allen Beobachtern deutlich zu signalisieren, dass die Unruhestifter, Hetzer und Extremisten mit ihren aggressiven Stammtischparolen, Faktenverdrehungen und Simplifizierungen eben doch in der absoluten Minderheit sind.

Nur ein Gegen-Kommentar pro Tag genügt

Das dürfte gar nicht so schwierig sein: Wenn jeder User und jede Userin nur einmal täglich bei Facebook oder Twitter auf einen einzigen Troll-Kommentar reagiert, dann prasseln auf die paar Zehntausend oder im schlimmsten Fall wenigen Hunderttausend Troll-Konten Tag für Tag Millionen an Gegen-Kommentaren ein. Es geht gar nicht darum, ein langes Streitgespräch zu führen oder argumentativ zu brillieren – nicht allen ist das Diskutieren in die Wiege gelegt. Es genügt, einmal kurz den Inhalt eines Troll-Kommentars mit einem konträren Fakt, einer kritischen Rückfrage oder einer satirischen Bemerkung in Frage zu stellen. Einfach um zu zeigen: "Ich widerspreche."

Ein solches Szenario hätte zwei mögliche Effekte: Einerseits würde sich klar herauskristallisieren, dass die Provokationen und bösartigen Kommentare nicht die Sicht der Masse repräsentieren. Rational ist das zwar den meisten bewusst. Wer aber ständig nur Hass zu Gesicht bekommt, der kann trotzdem schnell den Glauben an die Menschheit verlieren. Genau das aber darf nicht passieren.

Ein zweiter Effekt wäre, dass sich unter den Trollen und ihren ideologisch-moralischen Unterstützern der Eindruck einer scheinbaren Mehrheit abschwächt. Menschen mit problematischem Gedankengut fühlen sich besonders dann zu extremen Sichtweisen hingezogen, wenn sie einen klaren Gruppenrückhalt spüren ("Gruppenpolarisation").

Auf den Versuch kommt es an

Ob eine derartige Strategie am Ende einen bleibenden positiven Effekt auf die gesellschaftliche und politischen Stimmung hätte oder nicht, müsste man im Experiment herausfinden. Der Aufwand, einmal pro Tag einen Troll nicht zu ignorieren sondern ihm (beziehungsweise ihr) je nach Situation auch gerne nett und freundlich zu widersprechen, ist nicht sonderlich groß (und manche sind durchaus nett, wenn man sich ihnen zuwendet). Klar, wer ohnehin bereits regelmäßig zur Zielscheibe von Verbalangriffen wird oder einer besonders oft attackierten Gruppe angehört, hat hierzu womöglich eine andere Meinung und verspürt wahrscheinlich kein Bedürfnis, sich noch weitere Anfeindungen aufzuhalsen. Vollkommen nachvollziehbar. Aus Sicht aller anderer aber sind die Kosten gering, der mögliche kollektive und letztlich auch individuelle Nutzen aber groß. Insofern käme es auf einen Versuch an. Ich praktiziere das ab sofort und freue mich über Mitstreiter.

* Als Trolle bezeichne ich in diesem Kontext Online-Konten, die aggressiv und hetzerisch stark einseitig extreme Positionen vertreten und/oder einem quasi-organisierten, durch verbale Ausfälle gekennzeichneten Mob zuzurechnen sind. Das zivilisierte, sachlich argumentierte Vertreten eines kontroversen Standpunkts ist kein Merkmal eines Trolls. Es ist wichtig, hier zu differenzieren.

 

Dieser Artikel ist zuerst bei unserem Partner t3n erschienen. Weitere Artikel des Digital-Magazins finden Sie auf t3n.de.

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