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Soziales Netzwerk im Wandel
So funktioniert das neue Twitter

Twitter im Wandel: So funktioniert die neue Timeline
Twitter steht am Scheideweg. FOTO: afp
Düsseldorf. Der Kurznachrichtendienst Twitter baut kräftig um. Aktuelle Tweets weichen in Zukunft den besonders relevanten Meldungen, ähnlich wie bei Facebook - wenn die Nutzer es so einstellen. Um die muss Twitter derzeit auch kämpfen. Von Henning Bulka

"Nie wieder einen wichtigen Tweet verpassen" - das soll die neue Twitter-Timeline ermöglichen, verspricht Mike Jahr, Chefingenieur beim Kurznachrichtendienst, in einem Blogeintrag. Was lediglich nach einer kleinen Änderung klingt, bricht mit dem Grundprinzip von Twitter: Aktualität. Anders als bei Facebook haben Twitter-Nutzer seit jeher immer die aktuellsten Meldungen als erstes gesehen, alle älteren Meldungen sind im Nachrichtenstrom chronologisch nach unten gerutscht.

Algorithmus statt Aktualität

Mit den angekündigten Änderungen bei Twitter ändert sich das. "Sobald Ihr Twitter öffnet, werden die für Euch wichtigsten Tweets direkt am Anfang Eurer Timeline angezeigt", erklärt Jahr in seinem Blogeintrag. Dahinter steckt ein Algorithmus, also eine Analyse-Software, die einschätzt, wie relevant bestimmte Inhalte für bestimmte Nutzer sind. Tippt ein Nutzer also bei Katzenbildern besonders häufig auf das rote Herz ("Gefällt mir"), zeigt Twitter solche Inhalte in Zukunft vermutlich weiter oben in der Timeline an. Das Prinzip ist bekannt, Facebook sortiert den Nachrichtenstrom für Nutzer seit Jahren in dieser Form.

Twitter spricht von einer "Verfeinerung" seines Dienstes, kurz nach der Ankündigung am Wochenende liefen viele Nutzer dagegen Sturm gegen die Änderungen. Jetzt ist klar: Ob die Timeline wirklich nach Relevanz sortiert wird, oder ob es bei der altbewährten chronologischen Darstellung bleibt, entscheiden die Nutzer.

Funktion wird schrittweise eingeführt

In den Einstellungen unter "Timeline" - ob im Browser oder in der App - kann jeder Nutzer den entsprechenden Haken setzen, oder auch nicht. "Zeige mit die besten Tweets zuerst an", heißt die Funktion. Immer mehr Nutzer werden jetzt dafür freigeschaltet. Eine Stichprobe unserer Redaktion zeigte allerdings: Selbst wenn die Funktion aktiviert ist, werden die Tweets teils immer noch chronologisch angezeigt. Offenbar wir das Feature schrittweise eingeführt.

Hinter den Änderungen steckt für Twitter jedoch nicht nur der Wunsch nach Erneuerung, sondern ein handfestes Problem: Dem sozialen Netzwerk laufen die Nutzer weg. Im vergangenen Quartal sind Twitter ganze zwei Millionen aktive Nutzer verloren gegangen. Damit sind auf der Plattform laut dem Unternehmen zwar immer noch 305 Millionen Nutzer aktiv.

Twitter kämpft an allen Fronten

Doch sinkende Zahlen sind genau das, was Twitters Analysten momentan nicht hören wollen. Sie hatten mit einem Zuwachs an Nutzern gerechnet. Der Hintergrund: Twitter kämpft gleichzeitig auch an der finanziellen Front. Im gesamten vergangenen Jahr verlor Twitter mehr als eine halbe Milliarde Dollar - derzeit ohne Aussicht auf Besserung.

Twitter will sich deshalb erneuern, sich für neue Nutzerschichten öffnen und den Zugang zum Dienst einfacher machen. Ein erster Schritt in diese Richtung war die Einführung der Funktion "Während Du weg warst". Haben Nutzer die App auf dem Smartphone länger nicht geöffnet, wird ihnen beim nächsten Start eine Auswahl von Tweets angezeigt, die für sie interessant gewesen sein könnten - relativ unabhängig davon, wie alt sie sind.

Ebenfalls offen ist, ob Twitter bei der Begrenzung von 140 Zeichen pro Tweet bleiben wird. Auch diese Beschränkung zählt zu den Grundfesten des Dienstes, für neue Nutzer mag sie jedoch verwirrend wirken. Twitter-Gründer Jack Dorsey spricht zwar davon, die meisten Tweets sollten weiter "kurz und knackig" bleiben. Doch eine Lockerung der 140-Zeichen-Grenze würde Twitter ebenso radikal verändern wie der Eingriff in die Chronologie der Timeline. Ein Balanceakt - zwischen alter Identität, die viele eingefleischte Nutzer schätzen, und neuem Anstrich, den Twitter ohne Frage braucht, um in Zukunft jemals wirtschaftlich zu werden.

Mit Material von dpa und ap.

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