Stilprüfung im Netz: Vom Internet geprüft: Ich schreibe wie Handke
VON LOTHAR SCHRÖDER - zuletzt aktualisiert: 14.10.2010 - 21:27Man muss einfach in der Rubrik „Ich schreibe wie . . .“ ein paar Sätze einfließen lassen, und ruckzuck (ich weiß, Handke hätte das anders formuliert) kommt der Vergleich mit einem deutschen Autor. Entwickelt hat das der russische Software-Experte Dmitry Chestnykh, mit dessen Algorithmus – der wie ein Spam-Filter funktioniert – Texte zerlegt und diese mit den Schriftproben von großen Autoren abgeglichen werden.
Wie gesagt: Handke. Allerdings darf man sich darauf nicht ganz so viel einbilden, weil immer irgendein Großer rausspringt. So spuckt das Programm bedenkenlos Namen wie Freud, Marx, Böll und Biller bei Texten aus, die wir – unter uns gesagt – eher in der Kategorie Konsalik oder Hedwig Courths-Mahler vermuteten.
Stilprüfung im Internet
"Ich schreibe wie..." finden Sie hier.
Eine Merkel-Ansprache, mit der wir das Programm ebenfalls gefüttert haben, ergab Georg Friedrich Wilhelm Hegel und umflorte sogleich Deutschlands Politik mit einem Idealismus, der uns wieder ruhig schlafen lässt.
Ein paar Heine-Strophen wurden indes Goethe zugewiesen, was den jungen Heine sicherlich geärgert und dem alten geschmeichelt hätte. Bei Kafka dagegen ist immer nur Kafka rausgekommen – ein Stilechter. Einem medizinischen Text hingegen wurde der Stil von Charlotte Roche attestiert, was wir als prekär empfanden.
Auffallend oft ergab sich als Vorbild der Name Rainald Goetz. Rainald wer? Eben. Der Poet, Punker, Mediziner, Stirnschlitzer und Worte-Berserker ist wirklich keine Zier. Auch haben wir es nicht vermocht, das Programm zu überlisten, in dem wir in eigene Texte Worte wie „Heilanstalt“ und „Blechtrommel“ oder in einem anderen Fall „Schloss“, „Käfer“ und „Gesetz“ einschmuggelten. Es langte nie zu Grass oder Kafka.
Dann eben Handke, obwohl im eigenen Text (wir haben es überprüft) kein Serbe vorkommt. War es also doch der Stil, jenes behutsame In-die-Sprache-Hineingehen, bei dem die Frucht des Wortes zunächst noch bitter schmeckte, ehe die Frau es war, die es am taufrühen Tag zu pflücken und gleichsam in den Korb unserer Zugewandtheit zu betten verstand? Null Ahnung.
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