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Analyse
Warum das Netz die Lügen besiegen muss

Analyse: Warum das Netz die Lügen besiegen muss
Auch während des US-Wahlkampfs kursierten bei Facebook massenhaft Falschmeldungen und blanke Lügen. FOTO: dpa
Düsseldorf. Optimisten sehen im Internet einen Ort, der die Menschen verbinden und sämtliches Wissen weltweit zugänglich machen kann. Wie kommt es dann, dass mit seiner Hilfe momentan ausgerechnet die Feinde der Freiheit triumphieren? Von Florian Rinke

Mark Zuckerberg ist mehrfacher Milliardär und Chef des größten sozialen Netzwerks der westlichen Welt - doch gegen ein paar mazedonische Jugendliche ist er angeblich machtlos. Im US-Wahlkampf sollen sie das Internet mit Falschmeldungen geflutet haben: Der Papst habe den Kandidaten Donald Trump unterstützt, der FBI-Chef, der gegen dessen Gegnerin Hillary Clinton ermittelte, kam plötzlich ums Leben. Nichts davon stimmte, doch bei Facebook wurden die Beiträge zeitweise stärker verbreitet als wahre Geschichten.

Vorwürfe, diese Meldungen hätten die Wahl beeinflusst, hält Zuckerberg für verrückt. Und überhaupt: Sein Netzwerk sei lediglich eine Plattform, die Menschen verbindet. 28 Millionen sind in Deutschland laut der Seite "Allfacebook" angemeldet. Und in den USA sah oder las zuletzt knapp die Hälfte der Menschen Nachrichten hier. Trotzdem verweigert Facebook publizistische Verantwortung.

Die Debatte um die Rolle des Unternehmens ist nur ein weiteres Puzzle-Stück eines immer größer werdenden Problems: Das Internet wird zu einem Ort, an dem antidemokratische Kräfte, Hassprediger, Wutbürger und Extremisten immer stärker werden. Oder, wie es SPD-Generalsekretärin Katarina Barley sagt: "Politisch Engagierte, die offen ihre Meinung sagen und Haltung gegen rechtes Gedankengut beziehen, werden besonders oft im Netz bepöbelt und bedroht." Aus ihrer Sicht verschärfen soziale Medien den Trend, sich in seiner eigenen Wahrheit einzurichten und krude Verschwörungstheorien auszuleben. Das Netz wird zum Lügen-Netz. Wie konnte es so weit kommen?

Es folgte die Revolution

Ein Grundproblem ist ausgerechnet die Architektur des Internets - das World Wide Web gehört niemandem so richtig, es ist Allgemeingut. Alle Informationen werden gleich behandelt. So war es auch von den Gründervätern der digitalen Welt gedacht, die das WWW am Europäischen Kernforschungszentrum Cern entwickelt und 1993 für die Welt freigegeben haben.

Was folgte, war eine Revolution. Das Internet veränderte die Art, wie Menschen kommunizieren, einkaufen, leben. Jeder Einzelne konnte nun zum Nachrichtenproduzenten werden. Sogar Staaten gerieten dadurch ins Wanken. Im sogenannten Arabischen Frühling halfen soziale Netzwerke wie Twitter den Menschen, sich zu organisieren. Die Umbrüche kamen so schnell, dass die Politik oft nur zuschauen konnte.

Staaten wie China oder die Türkei haben als Antwort auf die Angst vor Umbrüchen die Zensur gefunden. Andere, wie die USA, setzen unter Verweis auf die Terrorbekämpfung auf Überwachung.

Viele soziale Medien jedoch sind eine Antwort auf die Frage nach ihrer Verantwortung in diesem neuen Medien-Zeitalter bislang schuldig geblieben. Terrororganisationen wie der IS können Propaganda verbreiten, Bürger über Facebook, Twitter und Co. ihrer Wut freien Lauf lassen. Beschimpfungen und Rassismus, so hat es den Anschein, werden vielerorts von den Netzwerken lascher bekämpft als die Verbreitung von Bildern nackter Frauenkörper.

Facebook argumentiert mit der Redefreiheit, auch Zuckerberg betonte jetzt noch einmal, wie wichtig es sei, jedem Menschen eine Stimme zu geben.

Muster durchbrechen

Das Grundproblem ist jedoch, wie viele Köpfe aus dem Silicon Valley auf die Welt sehen: Im Bestreben, diese zu verbessern, durchbrechen sie alte Muster. Dabei ist das System des Silicon Valley darauf angelegt, die Starken zu stärken statt die Schwachen zu schützen. In einer Demokratie ist es genau andersrum. Für Trump-Unterstützer und Silicon-Valley-Investor Peter Thiel sind Monopole daher gut, weil sich die Unternehmen auf die Entwicklung großer Ideen konzentrieren könnten, statt sich lästiger Konkurrenten erwehren zu müssen. Autor Andrew Keen, einer der schärfsten Kritiker dieser Entwicklung, warnt: "Ich fürchte, die Silicon-Valley-Übermenschen sind eher wie Raubritter."

Ähnlich verhält es sich bei der Gewichtung von Suchergebnissen bei Google oder Beiträgen bei Facebook: Auch hier setzen sich am Ende die stärksten Beiträge durch - und das sind nicht zwangsläufig jene, die besonders sachlich sind, sondern oft solche, die auf Emotionen zielen. Zur Not mit Lügen. Nach der Wahl wurde auf der US-Google-Seite ein Beitrag als Top-Ergebnis angezeigt, laut dem Trump die meisten Wählerstimmen bekommen hat. Eigentlich waren es nur die meisten Delegiertenstimmen. Doch nach der Wahrheit wird bei Google nicht gefragt. Vielmehr geht es den Unternehmen darum, die Menschen auf der Seite zu halten. Dazu werden diese immer wieder mit dem konfrontiert, was ihnen gefallen dürfte aufgrund ihrer Vorlieben. Das System verstärkt sich selbst. Führt solch eine Umgebung dazu, dass sich Meinungen radikalisieren, weil man sich immer wieder bestätigt sieht?

Kampf gegen Fake-Nachrichten

Eine Antwort scheut Zuckerberg, doch der Wahlausgang in den USA scheint nun eine dringend benötigte Debatte in Gang gebracht zu haben. Denn für große Teile des Silicon Valley war er ein Schock. Einerseits fragte man sich, wie so viele ausgerechnet jenen Mann unterstützen konnten, der so ziemlich für alles stand, wogegen die Menschen aus dem Tal der Träume sind. Und was sie noch mehr beschäftigt: Wieso hatten ausgerechnet sie, die mit ihren Daten den Menschen vermessen, es nicht kommen sehen? Unterdessen rühmte sich Trump, Twitter und Co. hätten ihm zur Wahl verholfen.

Laut dem Portal Buzzfeed beschäftigen sich einige Facebook-Mitarbeiter nun damit, wie man aktiver gegen Fake-Nachrichten vorgehen könne. Eine Frage: Werden genug Mitarbeiter eingesetzt, um aktiv gegen diese vorzugehen? Schon in der Vergangenheit gab es diese Debatten, etwa wenn es in Deutschland um Hasskommentare ging, doch Vorstöße von Justizminister Heiko Maas (SPD) haben wenig bewirkt, weshalb die SPD nun mit einer neuen Kampagne noch mal sensibilisieren will. Wichtiger wäre eine Antwort aus dem Silicon Valley.

Quelle: RP
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