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Webvideopreis 2017
Der Kampf um die Zuschauer

Webvideopreis 2017: Der Kampf um die Zuschauer
Bianca "Bibi" Heinicke ist eine der erfolgreichsten Youtuberinnen in Deutschland. Auch sie kämpft um jeden Zuschauer. Mit Erfolg: Im Mai hat sie im Madame Tussauds in Berlin ihr eigenes Hologramm erhalten. FOTO: dpa, jka wie
Düsseldorf. Am Donnerstag wird der Deutsche Webvideopreis in Düsseldorf vergeben. Aus einer kleinen Szene ist eine Branche geworden, die um ihre Unabhängigkeit von Youtube und um die Werbegelder großer Unternehmen kämpft. Und dann gibt es auch noch Ärger mit den Medienwächtern — ein Blick hinter die Kulissen. Von Daniel Fiene

Sie kennt sich aus mit Medienpreisverleihungen. Jetzt moderiert sie auch noch den Webvideopreis. Doch wenn Barbara Schöneberger am Donnerstagabend im Düsseldorfer ISS-Dome auf der Bühne steht, trifft sie nicht auf die üblichen Verdächtigen der Medienlandschaft. Die Lochis, Melina Sophie oder Tomatolix heißen einige der Stars des Abends. Neuland für Schöneberger, die erst seit wenigen Monaten auf Instagram aktiv ist. "Ich bin es ja gewohnt, mich auf die unterschiedlichsten Themen einzulassen", sagte Schöneberger unserer Redaktion über die Webvideo-Branche. "Das ist eine ganz neue frische Welt. Die Herausforderung wird sein, eben diese unterschiedlichen Welten für einen Abend zu vereinen."

Dabei ist die Welt der Webvideos eine sehr schnelllebige. Kaum hat sich die Öffentlichkeit an Namen wie "LeFloid" oder "Y-Titty" gewöhnt, sind die Augen der meist jungen Zuschauer bereits weitergezogen. Vier von fünf der bis zu 30-Jährigen in Deutschland nutzen laut der aktuellen ARD & ZDF Onlinestudie mindestens einmal wöchentlich im Netz eine Videoplattform wie Youtube. Aus einer Szene ist eine Branche geworden. Es geht um viel Geld, neue Mitspieler und vor allem dem ständigen Kampf um Aufmerksamkeit, die begehrten Klicks der Zuschauer.

Youtube wird zur Hitparade

"Youtube lebt von Hits", erklärt der Medienwissenschaftler Bertram Gugel das Sehverhalten der letzten Monate. "Die Top 100 Videos erhalten jeden zweiten Abruf auf dieser Plattform." Die restlichen Abrufe, verteilen sich auf alle anderen Videos. Immerhin 300 Stunden Video kommen pro Minute hinzu. Für Webvideo-Macher bedeutet das ein Umdenken. Vor allem Schlager- und Kinderfilm-Kanäle legen beeindruckende Wachstumszahlen hin.

Aber auch Sportangebote rund um die Fußballbundesliga gehören zu extrem begehrten Angeboten. Das hat auch Einfluss auf die "Influencer", wie die Webvideo-Persönlichkeiten genannt werden, die Hunderttausende regelmäßige Zuschauer haben und sich zu vermarkten wissen. Branchenbeobachter kritisieren, dass diese im Kampf um Aufmerksamkeit und Werbegelder untereinander immer stärker abschauen und reißerische Titel und Vorschaubilder wählen.

Für viele Webvideo-Produzenten ist allerdings ihre Abhängigkeit von den großen Plattformen Facebook und Youtube ein großes Thema. Zum Jahreswechsel haben sich zahlreiche Youtuber öffentlich beklagt, dass die Zahl ihrer Abonnenten deutlich zurückgeht. Youtube hatte zuvor den Mechanismus verändert, wie Videos vorgeschlagen werden. "Hilfe, meine Youtube-Karriere ist zu Ende", schluchzte Teeniestar Kelly MissesVlog beispielsweise in die Kamera. Der neue Youtube-Algorithmus würde sie benachteiligen. Sie habe immer weniger Abrufe. "Ich habe sogar Angst ein neues Video zu veröffentlichen. Dann verliere ich sogar Abonnenten." Mit ihrem Youtube- Kanal "Kelly MissesVlog" erreicht sie über 1,5 Millionen Abonnenten.

Tatsächlich: Youtube scheint den Fans die neuen Videos seltener vorzuschlagen. Externe Analysten bestätigen diese Beobachtung. Doch im Kampf um die Zuschauer gibt es auch Kritik aus den eigenen Reihen. Julien Bam erreicht mit seinem Kanal 3,8 Millionen Abonnenten und ist gelangweilt von den inzwischen sich immer stärker angleichenden Videoformaten: "Anstatt euch zu beschweren, dass eure Videos nicht mehr so empfohlen werden, macht einfach Videos, die eure Zuschauer so begeistern, dass sie sie von selbst empfehlen."

Schleichwerbung kratzt am Branchenimage

Einige Webvideo-Produzenten haben bereits ihre Konsequenzen gezogen. "Mit unserer Firma nutzen wir Youtube nicht als Einkommensquelle, sondern als Forschungs-, Entwicklungs- und Akquisetool", erklärt die Wienerin Hannah Thalhammer, die mit ihren Kanälen "Klein aber Hannah" und "Klein aber Lecker" erfolgreich unterwegs ist. "Damit müssen wir uns nicht von der Reichweite abhängig machen." Dazu gehören auch Kooperationen mit Unternehmen. Firmen nehmen große Summen in die Hand, um ihre Marken und Produkte in den Youtube-Videos zu platzieren. Die Kooperationen mit dem Webvideobereich nehmen inzwischen einen nennenswerten Teil der Marketing- und Werbebudgets ein.

Während im Fernsehen die Trennung von Werbung und redaktionellen Inhalten Praxis ist, fallen viele Webvideo-Produzenten durch ihre Blauäugigkeit auf. Gerade das junge Publikum lässt sich von ihren Vorbildern leicht beeinflussen und kann oft nicht erkennen, warum so begeistert über ein Produkt gesprochen wird. Aus diesem Grund haben die Medienwächter einen Leitfaden für Youtuber entwickelt, in dem es mit Blick auf die junge Zielgruppe heißt: "Du hast hier eine Vorbildfunktion und trägst damit eine gewisse Verantwortung." In dem Leitfaden wird erklärt, wie Werbung korrekt gekennzeichnet werden sollte.

Ärger mit den Medienwächtern

Die Medienwächter nehmen die Webvideo-Branche nicht nur wegen der Schleichwerbung ins Visier. Sie überwachen auch eine Lizensierungspflicht für Live-Formate. Wer regelmäßig live im Internet sendet, braucht eine Rundfunklizenz, wie sie auch TV-Sender besitzen. Das sei nicht mehr zeitgemäß, kritisieren die Veranstalter des Webvideopreises in einem offenen Brief an die Landesmedienanstalten.

"Wir sehen mit zunehmend wachsender Sorge die ausgeweiteten Vorstöße der Landesmedienanstalten im Bereich der Rundfunklizenzen", ist in dem offenen Brief von Markus Hündgen und Dimitrios Argirakos von der European Web Video Academy zu lesen "Der Webvideomarkt benötigt aber keine verschärfte Regulierung, sondern nachhaltige Wachstumsimpulse und intelligente Antworten auf zutiefst drängende Fragen, um eine pluralistische Medienlandschaft zu ermöglichen." 

Die gängige Praxis halten sie für realitätsfern. Eine Gebühr von derzeit mindestens 1000 Euro sei viel zu hoch, und die Aufzeichnungspflicht von Livestreams solle auch ersatzlos gestrichen werden. Im Nachgang haben die Webvideopreis-Organisatoren mit der Landesanstalt für Medien NRW eine Initiative verabredet, um Gesetzgeber sowohl auf der Länder- und Bundes- als auch auf Europaebene von einer Anpassung des Medienrechts zu überzeugen. Besonders von diesen Auflagen betroffen sind die "Let's Play"-Angebote. Spieler übertragen live im Netz, wie sie bekannte Konsolen- und Computerspiele zocken.

Alle Fotos, News und Portraits rund um den Webvideopreis finden Sie unter rp-online.de/wvp17.

 
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