| 10.50 Uhr

Interview mit Webvideopreis-Machern
"Jeder hat das Recht, sein Publikum zu finden"

Webvideopreis 2017: Markus Hündgen & Dimitrios Argirakos im Interview
FOTO: Endermann, Andreas
Düsseldorf. Markus Hündgen und Dimitrios Argirakos sind die Gründer und Macher des Webvideopreises Deutschland. Im Interview sprechen sie über die Idee dahinter und die Entwicklung der Branche. Von Isabelle de Bortoli

Wie haben Sie sich eigentlich kennengelernt?

Dimitrios Argirakos Das war 2007 bei der WAZ. Markus war damals schon ein Videopunk, der sehr weit in die Zukunft geschaut hat. Uns war schon damals beiden schon klar, dass Video die Königsdisziplin der Social-Media-Revolution werden wird.

Markus Hündgen Im Jahr 2010 manifestierte sich dann bei mir der Gedanke, dass es unheimlich viel cooles Zeug im Netz gibt, das man mal zeigen sollte. Damals dachten viele, auf Youtube gibt es nur süße Katzenvideos und lachende Babys. Dabei konnte die Branche schon damals deutlich mehr. Bis heute geht es um Leidenschaft, um das Erzählen von Geschichten mit bewegten Bildern.

Innovator: Dr. Dimitrios Argirakos arbeitet als Trend- und Zukunftsforscher, Rechtsanwalt für Staats- und Medienrecht, Publizist und politischer Berater. FOTO: Webvideopreis

Der erste Webvideopreis Deutschland fand 2011 in Essen in einem Kunstkino statt.

Argirakos Richtig, mit einem ganz kleinen Budget und 300 Gästen – wir konnten unseren eigenen Web-Preis noch nicht einmal online übertragen! Aber: Das Feedback aus der Szene war extrem positiv, ebenso wie aus den Feuilletons. Und an diesem einen Abend ist so viel passiert: Beispielsweise gründete sich dort Mediakraft aus Köln, das viele Youtuber unter Vertrag nahm und erst bekannt machte.

Viele Karrieren hat der Preis begleitet.

Hündgen Absolut. Zum Beispiel die Lochis: Die kamen 2012 mit ihren Eltern zur Preisverleihung und wurden als Newcomer ausgezeichnet. Heute sind sie mit ihren Songs in den Charts und gehen auf Tour. Auch Y-Titty haben wir begleitet, bis sie mit Anfang, Mitte 20 "in Rente" gingen. Die Branche ist eine Familie, der Zusammenhalt ist groß. Es geht um die Leidenschaft, Videos zu machen und Menschen zusammenzubringen.

Als "Videopunk" im Netz unterwegs: Markus Hündgen hatte 2010 die Idee, den Webvideopreis ins Leben zu rufen. "Ich wollte den Menschen zeigen, dass es viel mehr gibt als Katzenvideos". FOTO: Hündgen

Argirakos So wie der Markt wächst, so entwickeln sich auch die Macher weiter. Der Webvideopreis Deutschland bildet genau diese Entwicklung ab. Heute haben die richtig Großen eigene Firmen, mit Pressesprechern und Assistenten, und zur Preisverleihung kommen sie mit Personenschützern. Das war 2011 noch undenkbar, da reiste man einfach mit der Bahn an.

Der Preis umfasst inzwischen 25 Kategorien, von Vlog über Gaming bis Beauty. Was verbindet die Macher?

Fotos: Die Youtube-Stars auf dem Roten Teppich FOTO: Bretz, Andreas

Argirakos Egal, wer welchen Inhalt macht: Jeder hat das Recht, sein Publikum zu finden. Ob eine 85-Jährige als Marmeladenoma Märchen erzählt, ein Teenie Schminktipps gibt oder zwei Jungs Mathe-Nachhilfe: Jeder hat die Möglichkeit, sich auf Facebook, Instagram, Youtube oder anderen Kanälen zu äußern.

Hündgen Und es geht längst nicht nur um die Videos – es geht immer um den Kontext, in dem sie stehen. Bei unseren Nominierten sieht man: Das bewegte Bild steht nicht für sich allein, sondern es gibt eine Kommunikation drumherum. Deshalb haben wir uns Social Media geöffnet. Ein Beispiel: Heidi Klum ist in diesem Jahr in der Kategorie Beauty nominiert. Dabei hat sie keinen Youtube-Kanal. Stattdessen bettet sie Videos geschickt auf verschiedenen Plattformen ein.

Was steckt hinter dem Erfolg der Webvideos, die zum Teil millionenfach geklickt werden?

Hündgen Vieles, was junge Menschen interessiert, findet heute nicht mehr im Fernsehen statt, sondern im Netz. Beispiel Gaming: Da gibt es einfach kein Angebot im TV – und die Rocket Beans beispielsweise senden ihr Programm 24 Stunden über Youtube. Das gleiche gilt für das Thema Beauty – Angebote wie die von Bibi oder Mrs Bella gibt es für die Zielgruppe – Mädchen zwischen 8 und 14 Jahren – einfach sonst nirgendwo. Sie fungieren als Vorbilder, Ratgeber, beste Freundin. Sie sind Ansprechpartner, von denen ich lernen kann – in diesem Fall eben, wie ich mich schminke.

Argirakos Fehlende Inhalte in anderen Medien sind ein zentraler Aspekt. Auf der anderen Seite sind Videos als allgemeines Kommunikationsmittel von Menschen heute nicht mehr wegzudenken. Insofern werden wir Zeitzeugen einer soziokulturellen Entwicklung: Die Verlagerung der Gesamtkommunikation der Gesellschaft in ein anderes Medium.

Videos: Das sind die Gewinner des Webvideopreis 2016

Mit der Reichweite kommt die Verantwortung: Ob fremdenfeindliche Parolen oder Unmengen an Productplacement: Wer kontrolliert eigentlich, was da zum Teil an ein junges Millionenpublikum gesendet wird?

Hündgen Klar, das ist ein Problem. Aber es gab zum Beispiel die Aktion Youtuber gegen Nazis, die dazu beitragen wollte, Fremdenfeindlichkeit in unserer Gesellschaft abzubauen. Und natürlich ist das Productplacement in Videos für Kinder ein Problem. Es ist ein strukturelles Defizit von Youtube – denn nicht durch Klicks, sondern durch Verträge mit großen Werbepartnern und das Platzieren deren Produkte lässt sich Geld mit Videos verdienen.

Argirakos Mangelnde Reichweite in der digitalen Welt entbindet nicht von Verantwortung. Wie wir im Netz miteinander umgehen wollen ist eine gesamtgesellschaftliche Frage, die uns alle betrifft und in einer breiten Debatte diskutiert werden muss. Der Webvideomarkt benötigt aber keine verschärfte Regulierung, sondern nachhaltige Wachstumsimpulse und intelligente Antworten auf zutiefst drängende Fragen, um eine pluralistische Medienlandschaft zu ermöglichen und aufrecht zu erhalten.

Kann man mit Webvideos zum Star werden?

Hündgen Lisa und Lena beispielsweise kannte vor anderthalb Jahren noch keiner – heute haben sie 10,8 Millionen Abonnenten auf Instagram. Sie machen Musical.ly-Videos – dabei singt man lippensynchron Songs mit. Von daher: Ja, wen heute noch niemand kennt, der kann nächstes Jahr schon tausende Fans haben. Aber: Meistens ist es harte Arbeit über Jahre, bis man sich eine Community aufgebaut hat. Und wer mit Videos erfolgreich ist, kann auch in der Musikbranche Fuß fassen oder ein Buch schreiben.

Vor welchen Herausforderungen steht die Branche, und mit ihr dann auch der Webvideopreis?

Argirakos Wachstum und Professionalisierung müssen stets im Einklang mit Frechheit, Kreativität und Innovation gehen. Das gilt für die Branche als auch für den Webvideopreis.

Hündgen Die Branche ist sehr technikgetrieben, es kommen immer neue Plattformen und Communitys hinzu. Es ist eine Herausforderung, diese vielen Welten zusammenzubringen. Aber die Webvideos verbinden eben auch Generationen: Es gibt Kanäle für jede Zielgruppe – und das sehen wir auch an denen, die zur Preisverleihung kommen. Eltern mit ihren Kinder, der große Bruder mit der kleinen Schwester, Omas mit ihren Enkeln. Das Webvideo ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

Unsere komplette Berichterstattung zum Webvideopreis finden Sie auf rp-online.de/wvp17.

 
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Webvideopreis 2017: Markus Hündgen & Dimitrios Argirakos im Interview


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.